Hubert von Goisern spielte in Bad Goisern
Juni 1, 2008 at 12:15 | In Bad Goisern | 5 CommentsTags: Österreich, Bad Goisern, Hubert von Goisern, Musik, Volksmusik
Ein Konzertbesuchsbericht von →Margit Breuss.
→Hubert von Goisern spielte gestern Abend in Bad Goisern. Das ist spannend. Eine Mann, der seit seinem 18. Lebensjahr durch die Welt tingelt, alle Kontinente bereist und bespielt hat, oder fast (bei Australien weiß ich es jetzt nicht), der aber immer wieder zurückkehrt auf Bergspitzen und in Eishöhlen. Ein Mann, dess Musik sich immer wieder auf die Klänge der alten Heimat bezieht, auf Volksmusik und Jodler, das kann sich jedoch jeden Moment ändern. Man denkt sich, das wird jetzt indisch und findet sich ein paar Takte später wieder in den Alpen. Oder man glaubt, man ist jetzt in Woodstock und Jimmy Hendrix lässt seine Vietnam-Bomben fallen.
Und da ist ein Dorf, über das Hubert von Goiseren folgende Anektote erzählt: Eine junge Frau habe nach Bad Goisern geheiratet, doch sie sei mit 80 Jahren noch eine „Zuagraste“ gewesen. Dabei sie sie aus der Gosau gekommen (für Leute aus Indien, die hier mitlesen: das ist der Nachbarort, ein bisschen höher auf dem Berg gelegen).
Da kommt also der berühmteste Sohn dieser Ortschaft und spielt an dem Ort, der, wenn man das einmal freizügig in seine Musik hinein interpretieren will, gleichzeitig Wurzeln und Enge bedeutet. Spielt vor dem Publikum, das sich über folgenden Witz der Vorgruppe gefreut hat: „Glauben denn die Laakirchner, dass sie zum Salzkammergut gehören? Bei Ebensee lassen wir uns das noch gefallen, aber Laakirchen?“ Übersetzt für die InderInnen, die hier mitlesen: Die Welt (das Salzkammergut) hört nach etwa der Hälfte der geographisch festgelegten Grenzen (die gingen bis Gmunden) auf. Und da gibt es einen Bürgermeister, der seine Begrüßung in einem Dialekt hält, den ÖsterreicherInnen jenseits des Salzkammerguts kaum verstehen und diesen vielsagenden Satz sagt: „Ich begrüße die Gäste aus Bayern und aus Deutschland.“ Da wird die Welt außerhalb der Heimat also aufgeteilt in ein Bayern und in ein Deutschland. Die Bayern haben es eventuell noch verstanden, die Gäste aus Deutschland ohnehin nicht. Die bemerkenswerte →Rede des Bürgermeisters hat der Inhaber dieser Seiten bereits in einem Kommentar dokumentiert.
Da wundert man sich als angereiste Österreicherin, dass die Hochtraxlecker Sprungschanzenmusi (kein Link, da keine Homepage), die als Vorgruppe aufspielt, bejubelt wird wie andernorts Popstars. Dass die Leute mitsingen und paschen wie sonst bei DJ Ötzi. Nur schöner. Da wird nicht gegröhlt, sondern tatsächlich gesungen. Wer hier jodelt, kann es oder er hält den Mund. Und man bekommt eine Ahnung, was die Musik den Menschen hier bedeuten könnte: Verbundenheit.
Was wird Hubert von Goisern diesen Menschen sagen, denkt man sich. Das übliche Blabla, ich freue mich gaaanz besonders, in meiner Heeeeimat auspielen zu dürfen, sieebzehn Jahre habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Sagt er nicht. Er gesteht, sieben Jahre in Wien gelebt und sich dort WOHL gefühlt zu haben und bekommt dafür prompt ein paar Buh-Rufe. Meint aber, dass es sicherlich noch mehr Buh-Rufe gegeben hätte, wenn er behauptet hätte, er sei ein Gosinger, wenn schon zuageheiratete Frauen mit 80 noch „Zuagraste“ wären. Und macht sich über sein Publikum lustig: Er stellt seine Band vor, vier Musikerinnen sind Ladinerinnen, einer ein bisschen ein Wiener, eine Musikerin eine Bulgarin und vier kommen aus Oberösterreich. Den Applaus für die Oberösterreicher quittiert er mit der trockenen Bemerkung: „Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.“ Und er amüsiert sich über das geplante Einkaufszentrum, das werde wie Las Vegas, da kämen die Leute dann von überall her, aus Hallstadt, Gosau und Bad Ischl. Super, denk ich mir, er biedert sich nicht an und amüsiere mich über die kleinen Spitzen.
Das Konzert selber ist wundervoll, ein Feuerwerk an Überraschungen und musikalischer Virtuosität, eine Reise durch die Welt. Bei Passagen, die aus „der Heimat“ stammen, singen die Leute mit, jeder scheint die Lieder zu können, das ganze Tal wird zu einem einzigen Jodler und ich lausche staunend der schönen Stimme der Frau, die neben mir steht. Umso mehr wundere ich mich, dass Hubert von Goisern plötzlich die Leute bittet, leiser zu sein, ich bin auf der anderen Seite gestanden und habe den Lärm nicht gehört. Er meint, dass die Leute da rechts drüben lauter seien als die Musik, wenn sie leise spielen. Wenn den Leuten fad sei, sollen sie doch näher her kommen. Später erfahre ich, dass wirklich so manchem fad gewesen sei, viele hätten das Konzert vorzeitig verlassen. Thewritingfranz meint, dass es die langsamen und stillen Nummern mit den langen Improvisationen gewesen seien, die so spät am Abend eher einschläfern würden als ermuntern. Die Leute hätten mehr nach seinen alten Hadern gelechzt als nach virtuos vorgetragenen Jazz- und Bluesinterpretationen. Ich weiß nicht, wie ich das interpretieren soll. Ist Bad Goiseren demnach schon beim →Hiatamadl angekommen?
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