Meine erste Liebe – ein Marienkäferl eroberte mein Herz
Januar 21, 2010 um 12:07 vormittags | Veröffentlicht in Bad Goisern, Romantik | 3 KommentareSchlagwörter: Bad Goisern, Ball, Erotik, Fasching, Faschingball, Jugend, Karneval, Liebe, Marienkäfer
Kinderball im „Kaffee Heller“
Dort, wo heute die Sparkasse steht, stand früher ein Kino,
eigentlich ein wenig dahinter. Gleich vis a vis vom Friseur, wo
früher – ich spreche von den 50ern und 60ern – eine Apotheke
stand. Um klar zu sein, wo der Friseur ist, war früher eine
Apotheke und gleich gegenüber ein Kino, das der Familie
Pramesberger gehörte. Über die sonntäglichen Kinobesuche und
den Herrn Pramesberger und seine Frau und den Polizisten
“Lahner-Lux”, der das Alter der Besucher überwachte, ist noch
viel zu schreiben, aber an anderer Stelle. Jedenfalls gab es am
Beginn der Vorstellung immer Werbung und diejenige, die ich
wohl am häufigsten sah und hörte, war ein Bild vom Cafe Heller
auf der riesigen Filmleinwand und dazu sagte eine Stimme:
“Besuchen Sie das Gartencafe Heller, bekannt für seine hausgemachten
Mehlspeisen, gleich am Anfang des Ortes.”
“Der Heller”, wie wir das Cafe nannten, war einmal auch ein
Tanzlokal. Die Musik kam aus einer Musikbox, für einen
Schilling konnte man drei Lieder hören. Manchmal bekamen
wir Buben einen Schilling vom Vater, um hinüberzugehen zum
Heller und Musik zu hören, am Sonntagnachmittag. Da wollte
er wohl ein wenig Zeit mit Mutter verbringen. Aus der Box
hörte man Conny Francis und Caterina Valente, Gus Backus,
Freddy Quinn, Martin Laurer, Elvis Presley und viele andere,
von denen man heute aber nichts mehr kennt, außer vom KING
natürlich. Ich wählte oft dieses “wilde” Lied von von Peter
Hinnen, “Auf meiner Ranch bin ich König”. Das ging ungefähr
so: “Auf meiner Ranch bin ich König, die weite Welt lockt mich
wenig – denn auf dem Rücken der Pferde, da liegt das Glück
dieser Erde, hollidriodiiiiiiii, hollidriiiioooodi holladrio etc.”
Am Faschingsonntag oder -montag fand im Heller jährlich der
Kinderball statt. Hurra, das war eine Freude und ein riesiges
Erlebnis jedes Mal. Ich kann mich noch an meinen ersten
Kinderfasching erinnern, als wäre es gestern gewesen.
Meine Mutter zog mich als Cowboy an. Wie meine beiden
Brüder verkleidet waren, weiß ich nicht mehr, der kleinere
Bruder blieb wahrscheinlich zu Hause, weil ich war selber erst
vier oder fünf Jahre alt, gerade alt genug um zum ersten mal zu
tanzen. Ganz aufgeregt war ich. Im Heller saßen wir alle an
einem Tisch, mein älterer Bruder Klaus, meine Mutter und mein
Vater und ich, der wildeste und verwegenste Cowboy, den es
gab. Ich trank Sinalco oder Bluna. Sogar einen Schnurrbart
hatte ich, wenn auch nur mit Schminke gezeichnet. Als die
Musik erklang, gingen wir kleinen Kinder, von den Eltern ermutigt,
zuerst allein auf die Tanzfläche, standen ein wenig hilflos
herum und schauten den grossen Kindern, die waren schon
unglaubliche fünf oder sechs Jahren alt, zu, wie sie tanzten. Man
nahm sich an beiden Händen, lehnte sich ein wenig zurück und
drehte sich dann im Kreise. Das schien gar nicht so schwer zu
sein. Aber mit wem sollte ich tanzen? Mit dem Bertl oder dem
Willi ging das nicht, weil offensichtlich nur gemischte Paare
tanzten. Soweit hatte ich das schon begriffen.
Plötzlich sah ich neben der Musikbox das schönste Mädchen
der Welt stehen, die Sissy K., als entzückendes Marienkäferl
maskiert, mit einem roten Hut mit schwarzen Punkterl und auch
ihr Kleid war rot mit schwarzen Punkterln. Mein Gott, war die
schön, die Wangerl waren auch ganz rot geschminkt. Und
Augen hatte sie, wie funkelnde Diamanten. Der Ohnmacht vor
Liebe nahe, flüchtete ich zu meine Eltern. “Mit der Sissy möchte
ich so gerne tanzen, aber ich trau mich nicht” sagte ich zu
meinem Vater. “Trau Dich nur Bub” meinte er und meine
Mutter ergänzte: “Bist doch ein fescher Cowboy und ein
Cowboy hat vor nichts eine Angst, also geh hin und frage sie, ob
sie mit Dir tanzen will.” Schweiß stand auf meiner
Cowboystirn, meine Knie wurden weich und die Beine zitterten.
Wie zum Teufel sollte ich die Sissy fragen. “Wie fragt man?”
begehrte ich von der Mutter zu wissen. “Geh Bub” nahm sich
der Vater meiner an, “da fragst Du einfach: Sissy, darf ich bitten”.
Naja, das sagt sich recht leicht. Da stand ich am Tisch bei
meinen Eltern und auf der anderen Seite des Saales stand Sissy,
die Göttin, die vielleicht nicht mit mir tanzen wollte, und sicher
nein sagen würde, wenn ich sie um einen Tanz bäte. Die Eltern
ließen mich aber nicht mehr an den Tisch zurück, mich niederzusetzen
mit meinen weichen Beinen. “Na geh schon Bub”
munterte mich die Mutter auf.
Und wie verhext hatte jemand eine neue Platte in der Musikbox
gewählt, meinen Liebling, Peter Hinnen. Zurück konnte ich
nicht, das ließen meine Eltern nicht zu. Vor mir öffnete sich die
unendliche Weite der Tanzfläche, noch leer. Die ersten Paare
näherten sich ihr schon. Mir schwindelte leicht und zögernd
begann ich die Tanzfläche zu überqueren. “Sie wird nein sagen,
sie wird nein sagen, sie wird nein sagen” flüsterte ich vor mich
hin. Das schönste Mädchen der Welt würde sicher nicht mit mir
tanzen, das wusste ich. Schon hatte ich die halbe Tanzfläche
überquert, der Tisch, wo jetzt Sissy mit ihrer Familie saß, näherte
sich mir mit ungeheurer Geschwindigkeit. Und ich weiß nicht
mehr, wie ich es bis dorthin geschafft hatte, plötzlich stand ich
vor ihr. “Du Sissy”, stammelte ich, “hörst Du auch die Musik?”
“Ja sicher” flötete es aus ihrem wunderschönen Mund, “Das ist
der Peter Hinnen, der singt Auf der Ranch bin ich König”.
“Und?” stammelte ich, “bist Du ein Marienkäferl? Ich bin ein
Cowboy.” “Aha” antwortete die Süße. Ich hatte inzwischen
mehr als 40 Grad Fieber. “Gibst Du mir einmal Deine Hand?”
kam über meine Lippen. Gleich reichte sie mir ihr Händchen
und drückte meines. “Willst gar vielleicht tanzen?” hauchte sie
mich an. “Ob ich tanzen will? Jaja, freilich, tanzen, ja tanzen,
genau, ja tanzen will ich gerne. Mit Dir?” fragte ich wie blöd.
“Klar mit mir, oder willst Du mit einem Marienkäferl nicht tanzen,
ich tanze gerne endlich einmal mit einem Cowboy.” Dabei
übersah sie geflissentlich, genauso wie ich, dass eigentlich alle
Buben als Cowboys verkleidet waren, nur vereinzelt sah man
auch einen Indianerhäuptling. Denken konnte ich überhaupt
nicht mehr.
Sissy aber ergriff jetzt die Initiative. Meine Hand hatte sie ja
bereits gepackt, und so zog sie mich hinter sich her auf das
Tanzparkett. Sie drehte sich zu mir, sodass ich in ihr strahlendes
Gesicht sehen konnte, funkelte mich mit ihren Augen an und
nahm meine zweite Hand. Hundert Hände hätte ich ihr in diesem
Augenblick gegeben, wenn ich sie gehabt hätte, abhacken
hätte ich sie mir für sie lassen. Aber das wollte sie gar nicht. Sie
lehnte sich zurück, streckte die Arme aus, mir blieb nichts anderes
übrig, ich tat dasselbe, unser Griff hielt. Und zaghaft begann
ich mich zu bewegen, ein Schritt links und noch ein Schritt links
und noch einer oder war es rechts, mir war es egal. Ich drehte
mich und mit mir drehte sich die wunderschöne Sissy. “So”,
dachte ich, “muss sich der König einer Ranch fühlen, und ich
bin schon irgendwie ein wilder Bursche, ein richtiger Cowboy”.
Vater und Mutter strahlten um die Wette und waren fürchterlich
stolz auf ihren Sohn bei seinem ersten Tanz.
Wie lange und wie oft ich an diesem unvergesslichen
Faschingsonntag noch mit Sissy tanzte, ob ich mit anderen auch
noch tanzte oder nicht, mir ist nichts in Erinnerung. Ihre Äuglein
die beim Tanze strahlten und mich ansahen, hatten mich
unfähig gemacht, zu denken, zu sehen oder zu hören. Die Welt
war verschwunden, es gab nur noch diesen Tanz und die zwei
Mädchenhände, die die meinen hielten. Leider habe ich mit
Sissy nach diesem Sonntag nie wieder getanzt, später verlor ich
sie für viele Jahre aus den Augen und sie fand einen anderen,
der sie hoffentlich auch einmal für zumindest eine Sekunde so
lieb gehabt hat, wie ich bei diesem Tanz beim Heller.
3 Kommentare »
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wunderschöne geschichte!
Kommentar von thewritingyak— Februar 5, 2010 #
Hallo Franz!
Die Christa hat mir dein Buch gegeben, recht herzlichen Dank dafür. Nachdem du jetzt in Wien bist, sehen wir uns ja seltener.
Ich habe es schon fast durchgelesen und mich köstlich amüsiert, die Wirtshausgeschichte hast du mir ja schon mal lesen lassen.
Es ist einfach wichtig, die alten “Gschichten” hervorzukramen, um die längst Verblichenen in Erinnerung zu rufen. Bei meinem Großvater Wiesinger ist es jetzt fast genau 20 Jahre her, das er gestorben ist (Sohn vom mittleren Josef).
Der kaisertreue Wiesinger wird allerdings schon der Urgroßvater von Onkel Fritz gewesen sein, der Vater meines Großvaters war eher großdeutsch angehaucht, allerdings – wie beschrieben – kein Fan der Nazis.
Über Wiesinger Ernst gäbe es sicherlich noch nette Geschichten zu schreiben, ich weiß immer noch nicht genau, wann er Ortsgruppenleiter war. Großvater hat erzählt, dass sie in der Endzeit des Krieges im Wiesingergrund die Akten verbrannt haben.
Liebe Grüße,
Michael
Kommentar von Michael von Wiesingerstein— Februar 10, 2010 #
die Geschichte ist sehr schön Franz, wo steckst Du denn in Wien?
Kommentar von Christian— Februar 19, 2010 #