Wenn Frauen zu weit gehen
Februar 27, 2009 at 10:23 | In Bad Goisern | 10 CommentsTags: Bad Goisern, Emanzen, Fasching, Feminismus, Frauen, Frauenrechte, Geographie, Hallstättersee, Tourismus

Emanzen die zu weit gehen
Das Weihnachtsmärchen vom alten Sessel und vom alten Tisch
November 11, 2008 at 9:43 | In Bad Goisern, Meine Bücher | 3 CommentsTags: Advent, Bad Goisern, ikea, literatur, Märchen, Sessel, Tisch, Weihnachten, Weihnachtsmärchen
In einer Küche in einem alten Haus in Goisern standen einmal ein alter aber schöner Tisch und ein alter aber noch recht rüstiger Sessel. Der Tisch stand am Fenster der Küche mit Ausblick auf den Sarstein und der Sessel stand an der Seite des Tisches, die dem Inneren der Küche zugewandt war. Auch er konnte, wenn er sich ein wenig streckte, den Sarstein erblicken. Aber das wollte er gar nicht so oft. Erstens streckte er sich nicht gerne, schliesslich war er kein Liegestuhl, wie er sich auszudrücken pflegte, und zweitens gefiel ihm der Sarstein nicht besonders gut. Früher verrichtete er nämlich seinen Dienst als Sitzgelegenheit im Wohnzimmer und von dort aus konnte er durch das riesige Fenster den Kalmberg sehen, in seiner ganzen Pracht. Als er aber alt wurde, hat man ihn ausgetauscht gegen einen neuen Sessel, maschinengefertigt, von einem Möbelhaus. Er behielt aber seinen Stolz, schliesslich war er einer der letzten handgemachten Sessel vom Stickertischler und passte vorzüglich zum alten Tisch, der ebenfalls handgemacht war, vom Sommerauertischler.
Beide dachten auch oft zurück an die Weihnachtsfeiern, die sie mit der Familie des Eigentümers erlebt hatten. Oft stand ein Weihnachtsbaum auf dem Tisch, umgeben von Geschenken, hell erleuchtet von brennenden Kerzen. Da hat er sich jedesmal gefürchtet, weil so ein Baum brennt schnell und der Tisch darunter hätte auch seinen Teil abbekommen. Heisses Wachs war oft auf ihn herabgetropft, aber das hat er ausgehalten, die Freude über die strahlenden Gesichter rund um ihn liessen ihn den kurzen Schmerz, den heisses Wachs verursachte, jedesmal schnell vergessen. Hundert Mal oder öfter hat er bisher das „Stille Nacht, heilige Nacht“ gehört, gesungen von drei Generationen Eigentümer. Auch der Sessel hatte ähnliche Erinnerungen. Auf ihn wurden Geschenke abgestellt, bis zur Bescherung. Nachher nahm auf ihm das jeweilige Familienoberhaupt Platz, wenn dann die Bratwürste aufgetischt wurden am hl. Abend. Da war schon manch schwerer Hintern dabei, aber er hat es geduldig ertragen.
„Adel und Leim verbindet“, sagten stehts die zwei, der Tisch und der Sessel. Aber sie wurden halt doch schon sehr alt und hatten schon die eine oder andere Schramme erlitten und so manche Reparatur über sich ergehen lassen. „Wenn wir doch ins Heimatmuseum kämen“ sagte da eines Tages der Tisch zum Sessel und seufzte laut. Tische und Sessel können nämlich reden und sich unterhalten, auf Holzisch, jedenfalls, wenn sie handgemacht sind. „Ja ja, antwortete der alte Sessel,“ ebenfalls laut seufzend, „das wäre schön, im Heimatmuseum. Da bräuchten wir nur herumzustehen, uns bewundern zu lassen und jeden Samstag würde uns die Resi abstauben mit ihren zarten Händen. Und vielleicht hätten wir sogar ein Fenster mit Blick auf den Kalmberg, mein Gott wäre das schön.“
Aber daraus wurde nichts. Der Eigentümer des Hauses, der Küche und somit auch des Sessels und des Tisches war nämlich sehr sparsam und wollte kein Geld ausgeben für neue Küchenmöbel. Und ausserdem gefielen ihm die beiden Möbelstücke, die zwar alt aber handgemacht und daher selten waren. Oft zeigte er sie stolz einem Besuch, der zu hause nur Maschinenmöbel hatte. „Das ist halt noch Qualität“, protzte er dann, „Das kann sich heute kaum mehr wer leisten, die zwei bleiben bei mir, bis ich sterbe und dann erhält sie mein Neffe.“ Er war nämlich Junggeselle und deshalb hatte er auch nur einen Sessel in der Küche, weil er immer allein frühstückte und zu Abend ass. Mittags speiste er meistens beim Moserwirt, aber am liebsten sass er doch zum Essen in seiner Küche, auf dem alten Sessel und bei dem alten Tisch. Da war es so richtig urig und gemütlich.
Aber auch er war alt geworden, der Eigentümer, der Sepp. Alt und dick vom Biertrinken und den unzähligen Schweinsbraten mit Knödel vom Moser und damit auch schwer, sehr schwer. Und schwer lastete er auf dem Sessel, wenn er sich zum Tisch setzte und schwer lastete er auf auf dem Tisch, wenn er seine Arme auf ihn stützte oder wenn er in seiner Junggeselleneinsamkeit soff und dann im Rausch mit dem Kopf auf dem Tisch einschlief. Dann träumte er meistens von vergangenen Lieben und versäumten Gelegenheiten und wachte oft mit einem Schrei auf.
„Meine Beine ertragen das halt auch nicht mehr so gut“ sagte der Tisch zum Sessel auf Holzisch, „er ist halt gar so schwer geworden,“ ich fürchte mich schon davor, dass meine Beine einmal einknicken, wenn er seinen Sauschädel wieder auf mich legt und schnarcht in seinem Rausch. Und dann wird er mich wegschmeissen, oder gar kleinhacken und verbrennen im Herd.“ „Was denkst Du denn wie es mir geht?“ antwortete ihm der Sessel, „ das meiste Seppgewicht lastet ja doch auf mir, dieser riesige Hintern mit dem fetten Bauch vorne drauf, ich bin auch nicht viel jünger als Du und ich habe auch Angst, dass ich entzündete Stuhlbeinitis bekomme von dem Gewicht und vom Alter und dann wird er mich auch wegwerfen oder verbrennen. Was machen wir nur, was machen wir nur, ich möchte endlich ausruhen und kein Gewicht mehr tragen müssen.“
Es war wieder einmal Weihnachtszeit. Da dachte der alte Tisch eine Nacht lang nach, schlief nicht ein und hatte bis zum nächsten Morgen einen Plan entwickelt.“Du, Freund Sessel“, sagte er zu dem alten Sessel, ich habe eine Idee, wie wir ins Heimatmuseum kommen können.“ „Und was wäre das für eine Idee?“ fragte der Sessel. „Eine sehr gute Idee, Du must nur ganz fest an ein Weihnachtswunder glauben und an das Christkind.“ Und als am heiligen Abend der Sepp nach Hause kam und sich in der Küche auf ein Bier an den Tisch setzten wollte, traute er seinen Augen nicht. Der Sessel, der sein ganzes Leben geradegestanden war, hatte sich vorgeneigt, stand nur noch auf zwei Beinen, und hatte sich schräg unter den Tisch eingeklemmt, sodass der Tisch aufgehoben wurde und nun auch erstmals in seinem Leben schräg auf zwei Beinen stand. Ein langes, blondes lockiges Haar hatte sich in der Tischlade eingeklemmt. Und wie sehr der Sepp auch zerrte und rüttelte und schimpfte und fluchte, er konnte den Sessel vom Tisch nicht mehr wegzerren, so sehr hatten sich die beiden mit aller Kraft ineinander verkeilt. Und sie waren handgeschnitzt, aus harter Buche und stark, sehr stark. Nach stundenlangem Bemühen gab der Sepp endlich auf. „Wenns nicht geht, dann ab mit den Beiden ins Museum“ sagte er zu sich „das ist ja fast ein Wunder, wie die ineinander verkeilt sind und nicht auseinanderzubringen, das müssen alle Goiserer sehen.“ Und so geschah es.
Der Museumsdirektor Josef M. Euer nahm diese Kuriosität in seinen Austellungsbestand auf. Tisch und Sessel erhielten auch zufällig einen Platz vor einem Fenster mit Blick, man staune, auf den mächtigen Kalmberg. Und seither strömen jährlich tausende von Besuchern in das goiserer Heimatmuseum um die ineinadergekeilten und unzertrennlichen Möbelstücke zu bestaunen.
Es wurde zum Brauch und dieser besteht bis heute, dass sich junge Pärchen am Nachmittag des heiligen Abends rund um Tisch und Sessel stellen, sich aneinanderlehnen und sich dabei fest vom Christkind wünschten, dass sie nie mehr getrennt würden. Man sagt, dass sich dieser Wunsch bisher stehts erfüllt hat und viele dieser Pärchen besuchen auch heute noch als Ehepaare mit ihren Kindern zu Weihnachten den alten Tisch und den alten Sessel im Heimatmuseum. Und sie singen dann im Chor mit den jungen Pärchen und den älteren Damen, welche das Heimatmuseum leiten und Engelsstimmen haben, „Leise rieselt der Schnee“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder gar den Andachtsjodler. Und dann ist es so, als würde man im Heimatmuseum das Christkind selber singen hören.
Und wenn wir aus der Geschichte etwas lernen können, dann ist es dies: Seid immer ein wenig schräg, haltet fest zusammen und glaubt an Wunder und das Christkind, dann ist alles möglich für Euch, auch das Unmögliche.
Erika Dozsa
November 8, 2008 at 9:35 | In Allgemein, Bad Goisern | 4 CommentsTags: Bad Goisern, Bekescsaba, Dozsa, Musik, Restaurantfachfrau, Sänger, Sängerin, Schlager, Ungarn
1996 kam →Erika Dozsa aus Ungarn nach Bad Goisern. Was sie zusammen mit ihrem Mann ins innere Salzkammergut verschlagen hat, ist mir unbekannt. Sie ist Sängerin mit einer der besten Stimmen, die ich in der populären Musik jemals gehört habe. Zusammen mit ihrem Mann trat sie hauptsächlich beim Atzlinger, aber auch beim Moser auf und sang Schlager, zu der die Gäste tanzen konnten. Sie hatte sofort zahlreiche Verehrer, die sich nicht vorstellen konnten, dass eine Ausländerin sich dem Charme eines Goiserers entziehen könnte. Da hatten sie sich aber geschnitten, einen nach dem anderen ließ sie abblitzen, schließlich war sie ja verheiratet. Dieser Umstand zusammen mit dem, dass sie als Ungarin über eine Power, eine Durchschlagskraft verfügte, wie nur wenige Goiserinnen, führte dazu, dass sie von vielen Abgewiesenen als unsympathisch empfunden wurde. Wo kämen wir denn da hin, eine Ausländerin und lässt sich nichts gefallen?
Ich mag ihre Stimme sehr. Sie kann ca. 200 Lieder jederzeit auswendig singen und dies in mehreren Sprachen. Ganz erstaunt war ich aber dennoch, als ich sie einmal auch ein Lied von den Seern in unserem Dialekt singen hörte. Zum Original war da fast kein Unterschied mehr zu hören. Am besten gefällt sie mir, wenn sie italienisch singt. Dann vergleiche ich sie mit Gianna Nannini, so wild und erotisch klingt ihre Stimme.
Obwohl Erika eine äußerst zuvorkommende, nette und stets hilfsbereite Frau ist, eckte sie in Goisern doch manchmal leicht an, da sie nicht nur über ungeheure Power verfügt, sondern auch über außergewöhnliche Intelligenz wie ich sie bisher nur selten fand und über einen Sprachfluß, den kaum jemand unterbrechen kann. Noch dazu ist sie ausgesprochen hübsch. Diese Kombination, hohe Intelligenz, gutes Aussehen, musikalisches Talent und keine Scheu, sich durchzusetzen, machte Frauen schon immer verdächtig und bereitet Goiserern heute noch Schwierigkeiten. Hätten alle sie so akzeptiert, wie sie war, wäre sie für Goisern eine große Bereicherung gewesen.
Leider aber wurde sie nach ihrer Scheidung schwer krank. Und in dieser Situation trennten sich dann bei ihren Freunden Spreu von Weizen. Diejenigen, die sie wirklich mochten, blieben ihr auch weiterhin gute Freunde. In dieser Situation lernte ich sie vor einigen Jahren kennen. Sie machte eine sehr schwere Zeit durch und viele Menschen verachteten sie nur noch. Nur wenige dachten daran, dass auch sie einmal ein en Schicksalsschlag erleiden könnten, der sie an den Rand ihrer Existenz bringen würde. Mit Hilfe von Ärzten und viel Geduld gelang es mir aber, Erika durch diese schwere Zeit zu bringen. Damals schrieb ich für sie dieses Gedicht:
„Ihr Leben ist ein fürchterliches Ringen.
Nur wenige obsiegen –
ihr scheint es zu gelingen“.
Und mit viel Zähigkeit, Energie und Disziplin trug sie selbst zu ihrer Heilung bei und begann bald wieder zu arbeiten. Für keine Arbeit war sie sich zu schade, wurde jedoch von Arbeitgebern oft um ihren gerechten Lohn betrogen. Arbeitnehmer haben es nicht leicht in Zeiten, wo die Wirtschaft nicht extrem prosperiert und Ausländer werden dann besonders gerne ausgenützt.
Aber Erika überstand auch diese Zeit mit Bravour. Nicht zuletzt auch dank der Liebe ihres kleinen Hundes, der Maszat hieß. In Goisern war es ihr jedoch mittlerweile zu eng geworden. Und so übersiedelte sie voriges Jahr nach Gmunden, wo sie heute lebt. Als sie die Chance erhielt, sich in eine Schule für Restaurantfachleute einschreiben zu lassen, ergriff sie diese ohne zu zögern. Und innerhalb kürzester Zeit schloss sie ihre Ausbildung mit ausgezeichnetem Erfolg ab und ist heute geprüfte Restaurantfachfrau. Die Lehrer haben sich über sie nur gewundert. So eine gute Schülerin hatten sie noch nie, wurde ihr gesagt. Wobei für mich besonders die Tatsache hervorzuheben ist, dass sie als Ungarin auch stets zu den Besten im Unterrichtsfach Deutsch und Kommunikation und politische Bildung zählte. Von 13 Fächern schloss sie 11 mit ausgezeichnetem, zwei mit gutem Erfolg ab.
Vor einigen Wochen war ich mit ihr beim Casting für Starmania. Meiner Meinung nach und auch der eines Kamerateams nach hatte sie von allen Teilnehmerinnen die beste Stimme. Gewünscht waren aber nur ganz junge Püppchen, und ein solches ist sie nun halt nicht. Jung ja, Püppchen nein. Wenn ich mir aber heute die Finalisten im Wettbewerb im Fernsehen anhöre, kann ich nur sagen, die hätte sie alle in Grund und Boden gesungen. Ich bin sicher, dass wir noch viel von ihr und ihrer Musik hören werden. Denn aufgeben, dieses Wort hat Erika nicht in ihrem Repertoire. Und daran könnten sich viele ein Beispiel nehmen.
Gottlieb Oberhauser, der Boandlrichter von Goisern, 1850 – 1921
Oktober 29, 2008 at 12:06 | In Aus meinem neuen Buch, Bad Goisern | 3 CommentsTags: Bad Goisern, Chirurgie, Geschichte, Heiler, Medizin, Museum, Naturheiler
Gottlieb Oberhauser
(Gottlieb = lat. Amadeus, griech. Theophil)
Der Urenkel von Gottlieb Oberhauser, Christian Oberhauser erzählte mir Folgendes über seinen Uhrahn:
Gottlieb Oberhauser wurde 1850 in Kitzbühel geboren. Er hatte 12 Geschwister und die Eltern konnten so viele Kinder nicht ernähren. So ging der kleine Gottlieb mit 13 Jahren allein ins Salzkammergut, um sich dort als Hirtenbub durchzubringen. Er fand Arbeit als Halterbub auf der Postalm bei Strobl. Dort erwarb er sich Kenntnisse im Heilen von Knochenbrüchen. Noch nicht am Menschen, aber bei Schafen und Kühen, für die er verantwortlich war und die sich ab und zu ein Bein brachen. Die gebrochenen Beine hat er mit Stricken und Holzlatten geschient bis sie wieder ordentlich zusammenwuchsen. Vielleicht erfand er dort schon das Mittel gegen schwere Entzündungen, das er als „Foenum graecum“, der Volksmund aber als „Oberhauserkoch“ bezeichnete. Es bestand aus dem gemahlenen Samen des Bochshornklees, den er mit Milch verkochte. Der so erzeugte Brei wurde auf die entzündete Stelle aufgestrichen. Mit der zeit wandte er seine Fähigkeit, Knochenbrüche einzurichten auch an Menschen an und wurde dafür weitum als „Boandlrichter“ bekannt.
Um 1875 kam Gottlieb Oberhauser nach Goisern. Mit einem Kredit kaufte er das „Gasslgut“. Das bestand aus den Wiesen, die sich zwischen der BMW-Werkstatt im Norden von Goisern und der „Oberhauservilla“ erstreckten. Sein Haus mit Stadl stand ungefähr dort, wo heute die große Garage der Familie Oberhauser steht, gegenüber vom Putz-Installateur. Er eröffnete auch ein kleines Transportunternehmen mit Ochsenfuhrwerken. Nebenbei wirkte er auch als Heiler von Knochenbrüchen. Offensichtlich war er bei all seinen Tätigkeiten äußerst efolgreich, denn schon bald ließ er sich eine Villa, die heute die „Oberhauservilla“ genannt wird, von einem italienischen Architekten planen und errichten. Auch erwarb er noch weitere Grundstücke, so z.B. die Wiesen links und rechts der schönen Allee des Maler-Alt-Weges.
Hunderte Menschen mit Knochenbrüchen suchten ihn in dieser Zeit auf. Oft wurde er wegen Kurpfuscherei angezeigt, aber er gab nie auf. Eines Tages aber fuhr eine Kutsche mit einer feinen Dame des Kaiserhofes vor, die sich vor einiger Zeit das Bein gebrochen hatte und das nicht mehr richtig zusammengewachsen war. Nun suchte sie Hilfe beim Goiserer „Boandlrichter“. Gottlieb zögerte nicht lange, brach ihr das Bein noch einmal und richtete es wieder ein. Offensichtlich war die Dame zufrieden und hat für ihn ein gutes Wort beim Kaiser eingelegt, denn bald darauf erhielt er von Kaiser Franz Josef eine „Allerhöchste Entscheidung“ mit der Bewilligung zum Heilen von Menschen ohne Medikamente. Angeblich durfte er sich ab jetzt „k. und k. Beinrichter“ nennen. Zahllose Besucher aus Nah und Fern suchten ihn daraufhin vermehrt auf und trugen so nicht unwesentlich zum Entstehen des Tourismus in Goisern bei.
1921 starb Gottlieb Oberhauser. Er liegt in einer Familiengruft am katholischen Friedhof in Goisern begraben.
Seine Nachkommen heilten keine Menschen mehr, aber sie bauten das Transportunternehmen aus. Zuerst Gottliebs Sohn Hermann, später dessen leider vor kurzem verstorbene Sohn Bruno, der dazu auch noch eine Schottergrube in Unterjoch betrieb, wobei ihm seine Söhne Herbert, Christian und Andreas zur Seite standen. Ein anderer Enkel, ebenfalls Gottlieb getauft, gründete ein BMW-Autohaus und die dazugehörige Autowerkstätte, die heute noch existieren.
Christian, der Urenkel, erzählte mir dann noch zwei Geschichten aus dem Leben seines Urgroßvaters, die in der Familie von Generation zu Generation weitererzählt wurden und die zeigen, dass Gottlieb Oberhauser nicht nur geschickt und kundig, sondern auch ausgesprochen bauernschlau war:
Eines Tages brachte ein stattlicher Herr einen Hund zu Oberhauser, der nicht fressen wollte (der Hund, nicht der Herr). „Geh Oberhauser“, sagte der Hundebesitzer, „kannst ma nit helfn, mei Hund frisst schon seit a boa Tog neama nix. I moa, er wird geh hi (ich glaube er stirbt bald)“. „Jo los man do a Wocha und donn kimmst wida vorbei und hoistn (Ja lass ihn mir eine Woche da und dann komm und hole ihn wieder ab)“, gab ihm Oberhauser freundlich zur Antwort. Mit den Worten „Guat, Danke und Pfiatdi“ verabschiedete sich der Besucher.
Oberhauser hatte natürlich sofort bemerkt, das der Hund einfach total überfressen und deshalb schwer übergewichtig war. Er gab ihm eine Woche lang nur Wasser als nahrung. Nach einer Woche holte der Mann seinen Hund wieder ab und war überglücklich über den Appetit von „Tasso“ dem Hund, der den eines Löwen übertraf.
Und welchem Arzt wäre dieses eingefallen: Als sich ein Goiserer das Handgelenk brach und dieses schief zusammenwuchs, ging er zum Oberhauser. “Jo mei Sepp”, sagte dieser, “i kann dirs Gelenk schon wieder einrichten, muss es aber vorher noch einmal brechen”. Entsetzt verließ der Sepp das Haus durch die Haustür. Oberhauser schaute daneben beim Fenster hinaus, mit ausgestreckter Hand zum Abschiedsgruss. Der höfliche Sepp packte die Hand um sie zu drücken. Zack, packte Oberhauser zu, und brach des Sepp schiefes Handgelenk indem er mit diesem fest auf die Fensterkante schlug. Nachher richtete er es gerade ein und der Patient war glücklich und konnte künftig wieder senkrecht melken.
Dankschreiben bzw. Zeugnisse an und für Gottlieb Oberhauser, zur Verfügung gestellt vom Heimatmuseum Bad Goisern und aus den Originalen, die in Kurrentschrift geschrieben sind, „übersetzt“ von Kustos Josef Mayer
Eine goiserer Badehose wird auch in Paris nicht fallen gelassen
Oktober 21, 2008 at 5:42 | In Bad Goisern | Leave a CommentTags: Abenteuer, Bad Goisern, Homosexualität, Humor, Interrail, Paris, Reisen, Urlaub
„Einmal in meinem Leben will ich die große Welt sehen“, sagte Franz – ein anderer Franz, nicht der Autor dieser Zeilen – „ich kaufe mir ein Interrailticket und fahre quer durch Europa“. Franz war damals 20 Jahre alt und hatte Paris noch nicht gesehen. Und so war es nur natürlich, dass auf seiner Europareise eine seiner Stationen diese schöne Stadt an der Seine war. „Pass auf, wenn du nach Paris kommst“, hatte man ihn gewarnt, „dort versteht man kein Goiserisch, dort sind nur Ausländer.“ Franz glaubte dies jedoch nicht, weil überall, wo er bisher war, in Herndl, in St. Agatha, in Posern, in Lasern und sogar in der Gosau hatte man ihn verstanden. Warum also nicht auch in Paris? Und so fuhr er los mit der Eisenbahn. Über Anzenau, Lauffen, Bad Ischl, Attnang-Puchheim in die weite Welt. „Weit abgelegen ist die Welt schon“, dachte er manchmal auf seiner Reise. Aber schließlich erreichte er doch Paris.
Als er an einem Samstag in einem der internationalen Bahnhöfe in Paris ankam und den Zug verließ, war es mitten in der Nacht. Hotel hatte er keines gebucht und so entschloss er sich, die Nacht gleich auf dem Bahnhof zu verbringen, in der Früh im Bahnhofrestaurant zu frühstücken und dann Paris zu erobern. Unter anderem wollte er unbedingt den Eiffelturm sehen, der sollte noch höher sein, als einer der Kirchtürme in Goisern. Und das Kaufhaus Lafayette sollte noch größer sein als der Konsum in Goisern, einfach unvorstellbar. Im Wartesaal zog er sich aus bis auf die Badehose und eine dünne Jacke mit Kapuze. So legte er sich in den Schlafsack, den er auf dem Boden ausgebreitet hatte bettete sein Haupt auf seinen Rucksack und schlief ruhig und voller Freude auf den kommenden Tag ein. „Bitte lieber Gott, mach, dass der Eiffelturm wirklich größer ist als einer der Kirchtürme in Goisern und lass mich eine fesche, nicht allzu große Pariserin kennen lernen, die mich lieb hat“, betete er noch bevor ihn Morpheus Arme umfingen.
Als er am nächsten Tag, einem nasskalten Sonntag, aufwachte, rieb er sich fest die Augen und wusste zuerst gar nicht wo er war. Er blickte um sich und sah viele andere, die im noch im Schlafsack schliefen und in verschiedenen Sprachen schnarchten. Als er das Schild sah „Bienvenu in Paris“, erinnerte er sich, er war in Paris. Er kroch aus dem Schlafsack und wollte in seine Hose schlüpfen. Aber die war nicht da. Er suchte unter dem Schlafsack, da war sie nicht, er suchte an allen Seiten des Schlafsackes, da war sie nicht, er suchte im Rucksack, der Rucksack war vollkommen leer. „Ich bin ausgeraubt, bestohlen“, schoss es ihm durch den Kopf. Schnell fuhr seine rechte Hand unter seine Jacke. Gott sei Dank, der Reisebeutel, den er um den Hals gehängt hatte und der sein Geld und seinen Pass enthielt, war noch da. Da stand er also mitten im Wartesaal, barfuss in Badehose und Jacke, mit einem leeren Rucksack, etwas Geld und einem Schlafsack.
Franz, ein ewiger Optimist, freute sich. „Endlich ein Abenteuer“, so sprach er zu sich. „Will einmal sehen, wie man Paris in der Badehose erlebt“. Er packte seinen Schlafsack in den Rucksack und marschierte munter los. Und das Glück war ihm hold. Im Schalterraum standen seine Cowboystiefel einsam und verlassen herum. Sie waren dem Dieb wohl zu klein gewesen und er hatte sie weggestellt. Franz schlüpfte hinein und war zufrieden. Weil Paris barfuss zu durchmessen, das wäre doch recht anstrengend und schmerzhaft für die Füße gewesen.
Sein nächster Gedanke war, eine Hose zu kaufen. Er schritt hinaus aus dem Bahnhof und hinein ins Paris der Kaufhäuser und Modegeschäfte. Leider musste er feststellen, dass auch in Frankreich die Geschäfte am Sonntag geschlossen waren. Und so marschierte er von Strasse zu Strasse, von Geschäft zu Geschäft, bis hin zu Champs Elysées. Aber auch dort waren nur die Kaffeehäuser offen. Als er sich in eines dieser Kaffeehäuser begab, lässig, mit Badehose und Stiefeln bekleidet, sahen ihn sogar die an vieles gewöhnte Pariser erstaunt an, sagten aber nichts. Ein hübscher junger Mann sprach ihn an und Franz verstand ihn nicht. Aber er konnte ihm mit Händen und Füssen und mit Gesichtsmimik erklären, dass er bestohlen worden sei und dringend eine Hose suche. Der junge Mann bedeutete ihm ebenfalls mit Gebärden, er könne ihm helfen. Franz solle nur mit ihm nach Hause kommen, dort würde er ihm eine Hose schenken. Die Wohnung des Franzosen war nicht weit weg und so folgte ihm Franz gerne in seiner hübschen, kleinen Badehose. Seine Cowboystiefel klapperten auf dem Asphalt wie Stöckelschuhe.
Als sie in der Wohnung angekommen waren, gab der junge Mann seine wahren Absichten zu erkennen. Voller Hoffnung war er. Was sollte er auch denn von einem anderen jungen Mann denken, der in einer knapp sitzenden Badehose und Stiefeln durch die Pariser Straßen schlenderte, als dass er auf Männerbekanntschaft aus war. Jetzt bereute Franz es sehr, nicht mit Goisererschuhen vom Steflitsch gereist zu sein. Weil Nägel an den Schuhen, die hätten vielleicht doch seine Heterosexualität hervorgehoben. Und ein Hut mit Gamsbart hätte auch nicht geschadet, weil mit so einem Hut bleibt man auch in Badehose immer noch ein „richtiger Mann“. So aber war er den eindeutigen Interessen seines Franzosen ausgeliefert, der nun versuchte, zärtlich zu werden. Franz entschlüpfte ihm und lief um das Bett, das im Zimmer stand. Der Franzose hinterher. Franz wurde immer schneller und sein Verehrer auch. Dieser wurde durch das Rennen um das Bett immer wilder und begehrte nach jeder Umrundung des Bettes Franz mehr, dessen knackigen Po in der Badehose er bei dieser wilden Jagd stets vor sich hatte. Schließlich konnte Franz nicht mehr. Er blieb stehen und streckte dem jungen Mann aus Frankreich voller Verzweiflung die geballten Fäuste entgegen. Diese Geste ist international und eindeutig. Boxen wollte der Franzose nicht und so gab er sein Liebeswerben auf.
Keuchend einigten sich die beiden auf eine weiße Hose aus dem Schrank des schönen jungen Mannes und Franz zahlte 50 Francs dafür. Dann verließ er das Haus seines Verehrers und sah sich fröhlich pfeifend Paris zwei Tage lang an. Er reiste anschließend mit der Bahn noch durch andere Länder, wobei er aber wie ein Haftelmacher auf seine Hose aufpasste. Noch so ein Liebesabenteuer wollte er nicht erleben, da war ihm eine resche Goiserin schon lieber.
Heute ist Franz ein angesehener Geschäftsmann in Bad Goisern und verkauft unter anderem auch Hosen. In einem Geheimfach in einem seiner Schränke bewahrt er aber die weiße Pariser Hose auf. Und oft steht er nachts auf , nimmt diese Hose aus ihrem Versteck, denkt wehmütig zurück an das schöne Paris, an seinen Lauf um das Bett und fällt dann auf seine Knie um Gott zu danken, dass er ihm damals seine Unschuld bewahren ließ und in Goisern zur schönen Zenzi führte, die ihn am liebsten ohne Badehose mag.
Welterbe und Hiebe, Schule ohne Liebe – wie ich sie sah
Oktober 7, 2008 at 6:30 | In Bad Goisern | Leave a CommentTags: Architektur, Bad Goisern, Erziehung, Hauptschule, Lehrer, Nationalsozialismus, Nazis, Schule, Welterbe
Die Welterbehauptschule jetzt und anno dazumal
Warum diese Schule Welterbestatus erreichte, hat mir bis heute noch niemand erklären können. Ich vermute, dass es an der kühnen, für die Nachwelt aufzubewahrenden Architektur liegt, wie es z.B. auch bei der Akropolis in Athen der Fall ist. In Goisern wurde nämlich die so genannte Schuhschachtelarchitektur entwickelt. Im Kern besteht diese darin, dass man ein Gebäude in der Form einer Schuhschachtel erbaut und mit Fenstern und Türen versieht. Man kann auch mehrere Schuhschachteln bauen und sie dann in einem beliebigen Winkel zusammensetzen. Im Falle der Hauptschule 1 hat man drei Schuhschachteln so zusammengesetzt, dass man an ein umgekehrtes L oben rechts noch eine Schachtel anbaute und zwar im rechten Winkel. Da auch der untere Strich des L, der nach links zeigt, im genauen rechten Winkel angefügt wurde, besteht das Gebäude aus zwei rechten Winkeln, hat also 180 Grad.
In der Fachsprache heißt diese Architektur „Der Doppelrechte“, Laien bezeichnen sie als „Das 180er L“. Es war eine in der Welt einmalige architektonische Sensation, als die Schule gebaut wurde. Weitere Beispiele dieser großartigen Architektur der Schuhschachtel sind in Goisern der Anbau an die Goiserermühle und das Altersheim am Marktplatz. Hoffentlich werden noch viele solche Gebäude errichtet. Der eine oder andere Supermarkt in Goisern hat schon abgekupfert. Bald ist ganz Goisern ein einziger rechter Winkel. Der Hallstättersee, der ja bekanntlich zu einem großen Teil zu Goisern gehört, schaut schon ein wenig so aus.
Den Welterbestatus könnte die Schule aber auch deshalb erreicht haben, weil sie die vergangenen brutalen Erziehungsmethoden, unter denen ich noch so viel litt, überwunden hat.
Als ich in diese Schule ging, hatten wir beinahe jedes Jahr einen neuen Direktor. Es war damals Brauch, kurz vor seiner Pensionierung jeden Lehrer schnell noch einmal Direktor werden zu lassen. So kam es, dass nicht immer die am besten qualifizierten Pädagogen die Schule leiteten. Der eine war z.B. ein ehemaliger SSler, der aber nach dem Krieg zum braven Sozi konvertierte, so dass seinem schulischen Werdegang nichts im Wege stand. Leider hatte er aber seine frühere Ausbildung nicht ganz vergessen. Von der erhaltenen Ohrfeige will ich gar nicht reden. Aber wenn einer von uns sich im Turnunterricht unbotmäßig benahm, musste er durch die „Gasse“ laufen. Dazu mussten die Mitschüler sich links und rechts aufstellen, eine Gasse bildend und der Übeltäter musste durch diese Gasse laufen. Die Mitschüler waren aber mit festen Bändern ausgerüstet, mit denen sie den Laufenden während seines Laufes auf den Rücken oder die nackten Beine schlagen mussten. Das tat einigermaßen weh. Die Schmach aber war größer als die körperlichen Schmerzen, weil natürlich alle schlagenden Schüler über den Geschlagenen lauthals lachten, der manchmal den Tränen nahe war. Das war eine Gaudi, ein Spaß für Lehrer und Schüler.
Erst viel später habe ich einmal in einem Film gesehen, dass diese Art zu strafen eine Methode der Wehrmacht oder der SS war, die natürlich nicht Bänder sondern Stöcke verwendeten. Gelernt haben die Schüler aus dieser brutalen Methode, dass es eine Gaudi sein kann, wenn man gemeinsam einen Mitmenschen quält. Und die Geschlagenen haben gelernt, dass sie mitlachen müssen, wenn sie gequält werden, weil sie sonst Spielverderber sind. Dieses Gelernte nahmen viele ins Erwachsenenleben mit. Die kollektiven Quälereien eines nur ein wenig von der Lederhosen-Norm Abweichenden sind zwar subtiler geworden. Der Gequälte lacht aber immer noch über seine Qualen, das ist ihm zur zweiten Natur geworden. Er lacht so lange, bis er sein eigenes Lachen nicht mehr erträgt und zur „Goiserer Krawatte“ greift, sich also aufhängt. Der Ausdruck „Sich-zu-Tode-Lachen“ hat hier seine wahre Bedeutung gefunden.
Ein anderer Lehrer schlug meinen Sitznachbarn mit der Hand so stark auf den Hintern, dass dieser Nierenblutungen erlitt. Nur deswegen wurde er vielleicht nicht Direktor.
Da war auch so ein komischer eingebildeter Typ aus Ischl, der Direktor wurde. Meiner Erinnerung nach war seine größte Qualifikation die, dass er einmal das Schloss Versailles besuchte. Weil so weite Reisen damals noch selten waren, galt er bei Lehrerkollegen und Eltern als großer Historiker. Und immer wieder fragte er uns im Geschichtsunterricht, wie denn der schönste Saal im Schloss Versailles hieße. „Der Spiegelsaal“ mussten wir jedes Mal antworten. Ich verbrachte einmal einen wunderschönen Tag mit meiner brasilianischen Freundin und anderen hübschen und klugen Südamerikanerinnen in Versailles. Doch jedes mal, wenn das Wort Spiegelsaal fiel, musste ich an diesen Direktor denken. Mein Jugendtrauma überlagerte sogar die Schönheit und Charme und Witz dieser wunderbaren Frauen. Das verzeihe ich ihm nie. Andererseits habe ich dafür in Versailles schönere Busen gesehen, als Ludwig der XIV. jemals sah oder wie sie sich der Direktor aus Ischl auch nur erträumen konnte und das entschädigt mich wieder ein wenig. So ein Picknick im Garten von Versailles ist schon etwas Tolles.
Ein weiterer Lehrer, der Direktor wurde, hatte mich schon in der Volksschule geschlagen. Sein beliebtestes Schlaginstrument war der Geigenbogen, den er dem kleinen Schüler mit einem festen Schlag über die ausgestreckten Hände zog. Das schmerzte sehr. Weh muss auch die Ohrfeige getan haben, die einen anderen Schüler quer durch das Klassenzimmer fliegen ließ. Man muss sich das einmal vorstellen. Wir waren sieben oder acht Jahre alt und keiner von uns war fähig auch nur im Entferntesten etwas so Böses tun, dass er eine solche Strafe irgendwie verdienen konnte. Kein Kind auf der ganzen Welt verdient eine solche Tortur. Eine seiner üblichen Strafen bei bloßer Unaufmerksamkeit war auch, den Schüler an den kurzen Haaren gleich neben dem Ohr zu ziehen, bis ihm die Tränen in die Augen schossen oder ihn überhaupt gleich an beiden Ohren aus dem Sitz zu heben.
Da die meisten unserer Lehrer ohne solche Methoden auskamen, es sich also keineswegs um eine übliche Erziehungsmethode handelte, dürfte schon eine gewisse Lust am Sadismus – an Kindern! – mitgespielt haben. Heute käme so ein Mann wahrscheinlich ins Gefängnis, damals durfte er noch Direktor an der Hauptschule werden. Der Mitschüler, der damals durch die Klasse flog, saß später im Gemeinderat seinem Übeltäter gegenüber. Wie er mir erzählte, habe er dessen Ohrfeige nie vergessen. Und so habe er bei den Sitzungen des Gemeinderates immer daran gedacht, seinem ehemaligen Lehrer vor versammelten Publikum auch eine Ohrfeige zu geben. Schlussendlich habe er aber darauf verzichtet, er wollte sich nicht auf dieselbe Stufe stellen. Vergeben aber habe er im nie gekonnt. Dennoch halte ich seinen Verzicht auf Vergeltung für menschliche Größe.
Ein anderer, der zu meiner Zeit zum Direktor aufstieg, war früher NSDAP-Ortsgruppenleiter gewesen. Uns Kindern gegenüber war er aber eigentlich recht nett und freundlich. Er soll sich auch in jener unseligen Zeit anständig benommen haben, soweit man sich in dieser Position so benehmen konnte. Ich habe jedenfalls nie etwas Schlechtes über ihn reden gehört.
Dass meine bzw. unserer Schulerziehung nie liberal oder weltoffen war, lässt sich aufgrund obiger Personen in führender Position leicht nachvollziehen. Da ich ein sehr guter Schüler war, musste ich mich eigentlich nur selten vor der Schule fürchten. Aber ich habe einmal einen Mitschüler beobachtet, der bereits vor Beginn des Unterrichtes aus lauter Angst vor dem Lehrer zu weinen und laut zu beten begann.
Da das, was ich gerade oben beschrieb, an der Hauptschule 1 nicht mehr passiert, fähigere Pädagogen das Ruder übernahmen und unselige Zeiten überwunden wurden, kann man ihr schon ein Prädikat verleihen. Um aber wirklich etwas zu vererben zu haben, muss sie noch hart arbeiten. Wie heißt es im Faust so schön? „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen“. Wohlan denn, nützt den Augenblick und erschafft – Respekt vor der Menschenwürde, Toleranz und Weltoffenheit!
Das Märchen von der eleganten Goiserin
Oktober 2, 2008 at 7:46 | In Bad Goisern | 1 CommentTags: Bad Goisern, BMW, Eleganz, Frauen, Mode, Prada, Schuhe
Als sie das Café Maislinger betrat, schien es, als würde den anwesenden Männern die Augen aus dem Kopf fallen. Sie war eine Frau wie aus dem Modejournal oder einer dieser Promizeitschriften. Die Hosen ihres dunkelblauen Hosenanzuges umfassten ihren Po wie eine zweite Haut, das Sakko schmiegte sich eng an ihren Oberkörper und war in der Taille so eng geschnitten, dass ihr schmales Becken breit erschien. Ihre Beine waren schlank und lang, ihr langes Haar fiel in lockeren Wellen auf ihre perfekten Schultern. Ihre Oberweite war gerade richtig, nicht zu klein, aber auch nicht so groß, das es ordinär ausgesehen hätte. Der Ausschnitt ihrer Bluse lies mehr erahnen als er zeigte. Sexy und keusch in einem, die perfekte Kombination, die Männer so verrückt macht. Den eleganten Hut hatte sie ein wenig in ihre hohe Stirn gezogen, ihre blauen Augen funkelten wie Diamanten darunter hervor. Die hohen schwarzen Stöckelschuhe konnten nur von Prada sein. Die Finger ihrer linken Hand, mit den grellrot-lackierten Nägeln, spielten mit einem BMW-Schlüssel.
Die Frau betrat nicht den Raum, sie schritt hinein. Langsam drehte sie ihren hübschen Kopf von einer Seite zur anderen und blickte herum, als ob sie jemanden suchen würde. Dann öffnete sie ihre blutroten Lippen, zwischen denen ihre schneeweißen Zähne hervorblitzten, und sie sprach für alle hörbar: „Leck mi in Oasch, er is no nit do, do konn i schnell noch brunzn geh’n“.
Kaisermesse nächstes Jahr in Bad Goisern
September 24, 2008 at 8:20 | In Bad Goisern | 2 CommentsTags: Adel, Österreich, Bad Goisern, Bad Ischl, Habsburg, Habsburger, Kaiser, kaisermesse, Messe
Nachdem sich ein neuer Ururursprössling vom Kaiser – der in der Gosau Sennerinnen belästigte – in Bad Goisern geoutet hat, wir im nächsten Jahr die Kaisermesse nicht in Bad Ischl abgehalten werden, sondern in Bad Goisern. Bis dahin hat Bad Goisern einen Schwarzafrikaner als katholischen Pfarrer. Hoffentlich bleibt der länger, als die letzten. Es wird eine feierliche und würdige Messe werden. Ca. 500 uneheliche Nachkommen des Kaisers FJ aus Goisern und Gosau werden in den ersten Bankreihen sitzen und den Pius Waldner Rap singen. Ich freue mich auf diese Messe und auf adelige Besucher aus ganz Europa. Die Ischler werden sich anscheißen. anmachen.
Peter Lichtenegger – ein Kaiserspross?
Peter Lichtenegger ist Geschäftsmann in Bad Goisern und betreibt zusammen mit seiner bezaubernden Uschi einen feines Geschäft für Uhren und Schmuck. Wie mir Peter erzählte, hatte er schon als Bub immer das Gefühl, etwas besonderes zu sein, sich von seiner Umgebung abzuheben. Er ließ es aber niemanden merken und benahm sich daher Zeit seines Lebens wie ein normaler Goiserer Bürger. Aber immer wieder meldete sich bei ihm das Gefühl, anders zu sein. Auffallend war seiner Umgebung sein stets gutes Benehmen, das jenes der angeblichen feinen Gesellschaft von Goisern bei Weitem übertraf. Auch seine Körperhaltung war stets tadellos, aufrecht und mit vornehmer Attitüde. Er fiel auf, ob er wollte oder nicht.
Vor einiger Zeit löste sich jedoch das Rätsel um Peters „Anderssein“. Er nahm an einer Feier mit seinen Tanten, Cousinen und Cousins in Gosau teil. Es handelte sich um eine Art Familientreffen. Als man gemütlich zusammen saß stand plötzlich eine seiner Tanten auf und las laut ein von ihr verfasstes Schreiben vor. Sie enthüllte damit ein lange gehütetes Familiengeheimnis, um das in jeder Generation nur wenige weibliche Mitglieder wussten. Sie meinte aber, es wäre endlich an der Zeit, dass sich die Familie „oute“, bevor nach so langer Zeit das Geheimnis in Vergessenheit geriete. Und außerdem hätten ja alle, die hier zusammen seien ein Recht darauf, zu wissen, wo sie wirklich herkämen. Deshalb hätte sie dieses Dokument verfasst, aus dem – zart angedeutet – hervorginge, dass sie alle hier im Raum Nachkommen des seligen oder unseligen Kaiser Franz Josef seien, der auf Gosauer Almen Sennerinnen nachgestellt habe. Und einer ihrer, der Anwesenden, AhnInnen sei eben eine solche, vom Kaiser beunglückte, Sennerin gewesen. Sennerinnen im Salzkammergut habe er geliebt, weil da hätte er endlich auch etwas zum Anhalten gehabt.
Und damit übergab sie Peter und seinen Verwandten das von ihr verfasste Dokument, das eine Genealogie der Gosauer Sippe in liebevoll zusammengestellten Reimen darstellt. Peter übergab mir eine Kopie dieses Schriftstückes, welches in Faksimile abgedruckt ist. Da die alte Handschrift nur schwer lesbar ist, habe ich mir erlaubt, sie ins Reine zu schreiben. Überprüfen kann ich den Wahrheitsgehalt natürlich nicht, ich bin kein Historiker. Aber schon die bloße Möglichkeit, dass in Goisern ein Abkömmling des Kaisers lebt, ist eine Sensation, wie mir dünkt. Und wer um die Lust des Kaisers zum „einfachen“ Weibe weiß und wer gleichzeitig Peter kennt, schließt keinesfalls aus, das er kaiserlichen Blutes ist. Einen endgültigen Beweis kann jedoch nur ein Vergleich der DNA-Proben vom Kaiser und von Peter bringen. Auf die Öffnung des Kaisersarges in seiner Gruft in Wien bin ich schon gespannt. Eines ist jedoch sicher, wenn Peter uns seine Cousinen und Cousins wirklich vom Kaiser abstammen, kann dieser stolz auf seine Nachkommen sein.
Auszug aus dem Schreiben:
Seite 1
Unser Urgroßvater Johann R.,
geboren am 27. Jänner 1871
in Lauffen
Liebe Cousinen. lieber Cousan und da
Nachwuchs daneben.
Mit meine 86 Jahr, bin i sicher neama lang
kloar, drum mecht i eng nu verzöhn,
wia unsa Ursprung is gwön.
Vor 135 Jahrn is unsa Großvata in
Lauffn geborn. Von an Vatern hat mir
nie was Richtigs erfahrn.
Von seiner Muata hat’s gebn zu verzöhn,
dass die Viktoria R. in Kaiser sein
Jagdrevier die schenist Senderin is gwön.
Und wie damals bei die „Adeligen Herrn“
a Seitnsprung war koa Sünd, is halt
warn so manch ledigs Kind, aber beim
Vergessen, das is gang recht gschwind.
Beim Stiegahaus in da Gosa hams’n
angnum den kloan Buam, aus eahm is
A tüchtiger Holzknecht woarn, er hat gern
glesn, musiziert und gsung, nebenbei
zum Faschl eini gsprung. Die kloa Emilie
hat’n hi zogen den verliabten Narrn,
er is aber unser allerbester Urgroßvater,
warn.
Grete G. geb. R./gezeichnet 19.11.06
Gstanzln, da Bua, des Dirndl, die Alm und die Liab in Bad Goisern
September 16, 2008 at 10:01 | In Allgemein, Bad Goisern | 4 CommentsTags: Österreich, Bad Aussee, Bad Goisern, Brauchtum, Gstanzln, literatur, Musik, Volksmusik
Anmerkungen zu Viezeilern und ihrer Bedeutung in unserer näheren Heimat
Irgendwann wird sie gefunden werden, die Höhle im Goiserertal, wo zur Steinzeit schon Mammutjäger hausten, die ihre Fellmützen mit Mammutbärten schmückten. Und in dieser Höhle wird man neben einem in den Felsen geritzten Mammut diese Schriftzeichen finden:
„Mammut, Ugudada,
Naga, da sudada,
Nogoro, go roro,
Jagr kogolo, do.”
Dies war das erste Gstanzl in meiner Heimat und wenn man es einst gefunden haben wird, steht fest, dass die Gstanzln die älteste, bis heute erhaltene, kulturelle Tradition sind, die wir in den Alpen kennen.
Übersetzt heißen obige Zeilen in etwa:
„A Mammut hob i daschlogn,
S’woa gonz schwa hoam zum trogn,
Nix gnutzt hot des Beten,
Ihn Jaga hots z’treten.“
Dieses Gstanzl wurde in der damaligen Mundart geschrieben, wie sie heute noch in der jeweiligen regionalen Mundart – goiserisch, gosauerisch, ausseerisch, ebenseerisch usw. – gedichtet, manchmal auch aufgeschrieben und vor allem gesungen werden. Von Generation zu Generation werden sie mündlich weitergegeben und beschreiben heute wie damals den Alltag der kleinen Leute in unseren Tälern. Beschrieben wird in ihnen und durch sie alles, was unser Leben ausmacht, Liebe und Verzweiflung, Trauer und Freude, Sehnsucht und Erfüllung, Leben und Tod und immer wieder die Sehnsucht nach dem Berg, dem Dirndl und dem Buam, deren romatischen Absichten die Obrigkeit in Form des Jägers oft durchkreuzen will. Meist aber bleiben er, der kleine Mann, und sie, die kleine Dirn, die Sieger, weil die Liab und die Sehnsucht und die Leidenschaft kann keiner aufhalten, wenn sie echt sind.
Was ist nun ein Gstanzl? Das Wort dürfte von italienisch stanza, die Strophe, abstammen. Die freie Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ beschreibt diese Kunstform so: Gstanzln werden vielfach aus dem Stegreif gesungen, in der jeweiligen Mundart gedichtet und vorgetragen. Gute Gstanzlsinger können stundenlang vortragen, ohne sich zu wiederholen. Von der Dichtform her gesehen handelt es sich um Vierzeiler, die häufig in der Form abab oder aabb vorkommen, aber oft auch gar keinen Reim haben, wie die sogenannten Nonsensreime („In Emsee homs a Howossa ghobt, d’Fisch hom von de Bam owagsogt, fürchtet Euch nicht, oba fürchtet Euch nicht“). Musikalisch unterscheiden wir die dazugehörige Melodie des „Landlers“ im 2/4 Takt und des „Steirers“ im 8taktigen ¾ Takt. Die Ausseer kennen dazu auch noch die Melodie des „Waldhansls“ im Walzertakt. Getanzt wird zum Gesang der entsprechende Tanz, der Landler, der Steirer oder der Boarische, wozu bei uns noch die Pernecker Quadrille (Mit’n Kopf zom, mit’n Oasch zom) kommt. Man kann auch umgekehrt sagen, dass zum entsprechenden Tanz die entsprechende Melodie gesungen wird, samt den dazugehörigen Gstanzln. Der wissenschaftliche Überbegriff für das Gstanzl und Kollegen ist „Schnaderhüpfl“, ein Wort, das also auch Gsangl, Gsätzl (Niederösterreich), Stückln, Schnaderhackn (Bayern), Stieglhupfa (Salzburg) oder Lumpenliedli (Schweiz) umfasst.
Bis zum 19. Jhdt. dürften die Gstanzln nur mündlich weitergegeben worden sein. Denn schriftliche Aufzeichnungen der Texte sind erst ab diesem Zeitpunkt zu finden. Eine endgültige Aufzeichnung aller Gstanzln wird aber immer unmöglich sein, weil es erstens unzählig viele in unendlich vielen Variationen sind. Und weil zweitens das Gstanzl ein lebendes Kulturgut ist. Im Wandel der Zeit kommen auch heute immer noch neue Gstanzln zu den alten hinzu, neue Lebenssituationen, neue soziale Gegebenheiten und neue wirtschafliche Umstände beschreibend. Es ist eine sehr demokratische Gedichtform, ein jeder kann eine neue Strophe hinzufügen, unabhängig von Rang oder Namen, so wie man auch keinen Rang oder Namen verschonen musse.
Ich habe in meiner Jugend meinen ersten Volkstanzkurs im Saal des katholischen Pfarrheimes gemacht. Gehalten wurde der Kurs vom großartigen Lois Neuper, ein Lehrer, wie man ihn sich beim Volkstanz nur wünschen kann. Er schaffte es auf unnachahmliche Weise, seine eigene Freude am Tanz auf uns zu übertragen und uns dafür zu begeistern, uns, die wir im Radio nur die Beatles und Stones hörten. Danke Lois! Du hast mir etwas Wunderschönes für mein ganzes Leben gegeben. Wie es beim Erlernen des Steirers so ist, muss man dazu auch die richtigen Gstanzln lernen. Das erste Gstanzl, das ich jemals sang, war „Jetzt schmeiß i mein Huat in Bo – und schwimm eam söwa no -, wei mi mei oida Schotz – a neama mog.“ Das ist eigentlich ein recht pessimistisches Gstanzl, das da ein verlassener Bua singt und das jene Lösung beschreibt, die der Goiserer leider oft für seine Probleme anwendet. Wohl an die tausend Mal habe ich diese Zeilen gesungen, an die tausend Mal dazu eine schöne Maid im Takt gedreht, mit ihr das „Fensterl“ und das „Busserl“ geformt und ca. 900 Mal habe ich danach meinen Hut in den Bach schmeißen müssen. Aber „kein Schweiß ohne Preis“, das war damals unser Motto und ist es hoffentlich für die Jugend von heute noch. Ich liebe es jederzeit in geselliger Runde Gstanzln zu singen, und zwischen den einzelnen Strophen nicht zu paschen, weil halt mein Rhythmusgefühl ein anderes ist, als das der Anderen. Und wenn man nicht paschen kann, sollte man es auch nicht tun, so macht man sich beliebter als umgekehrt und darf beim nächsten Mal wieder dabei sein.
Eines meiner Lieblingsgstanzln ist dieses: „I bin a lustiga Tonza – I tonz übaroi – Und in Kaisa sein Soi – Tonz i a no amoi“. Jawohl, das sind die richtigen Zeilen für einen Goiserer, der dem Kaiser nicht nur bei der Jagd die Stirn bietet, sondern auch beim Tanz, auf seinem, angeblich des Kaisers eigenem Grund. Und ich habe tatsächlich einmal in seinem Saal getanzt, in Wien, im Fasching, in der Hofburg. Ihr habt nichts versäumt. Sehr feun war es mit feunen Damen und Hörren und stinklangweilig. Ich ziehe jederzeit den Gesangsvereinsball in Goisern einem Ball in der Hofburg vor, obwohl – das Buffet war gratis und nicht schlecht. Aber mit Besenstielen kann man schlecht tanzen und die Differenz zwischen dem Humor der feunen Wiener und unserem – insbesondere im Fasching – möchte ich Klavierspielen können.
Bleibt noch die Frage offen, welche Gstanzln es denn nun gibt. Wie schon gesagt, Gstanzln gibt es für jedes Gefühl, wobei das Verliebtsein bevorzugt wird und für jede Alltagssituation, wo die Wilderei ein sehr prominentes Thema bildet. Eine gut verwendbare Einteilung habe ich in dem schönen Buch von Herbert Seiberl und Johanna Palme, „Gstanzln aus dem Salzkammergut – 730 Vierzeiler“ gefunden. Das Buch ist zwar auf die ausseer Volkskulturlandschaft abgestimmt, ist aber auch für Salzkammergütler diesseits des Pötschenpasses sehr nett und lehrreich zu lesen. Die Gstanzln, die ich nun zitiere und wenn nötig auf Goiserer Verhältnisse abwandle, stammen aus diesem Buch, eigentlich aber aus einer jahrhundertalten Überlieferung. Ich selber teile die Gstanzln anders ein als diese Autoren. Zum Beispiel in
1. schräge: Oba Goisan is a lustigs Toi – Still ruht der See. – Gestern homma Griaßnocka ghobt – Fürchtet Euch nicht.
2. sozialkritische: An Hosn hob i gschossn – Und an zodatn Bock – Für mei Weib zu an Kidl – Und für mi zu an Rock. Offensichtlich war der Sänger so arm, dass er wildern gehen musste, um seine Familie zu kleiden.
Und an Schützn homs gfonga – Und i trau ma’s nit z’sogn – Der hot vorigs Joahr no – In Schulerpack trogn. Auch Kinder mussten durch Wildern schon zum Lebensunterhalt der Familie beitragen.
3. explicit sexuelle: s’Diandl in da Gosaumühl – Laßt in Buam, wonn er will. – Laßt in Buam übersteign – Über ihr Geign. Oder Daß im Woid finsta is – Mochn de Äst. – Und dass d’Fut koane Zähnd nit hot – Des is des best. In der Gosaumühl’ müssen wohl einst mehr Menschen gewohnt haben als heute und lustig muss es dort zugegangen sein. Schade darum. Im zweiten Gstanzl kommt die ewige Angst des Mannes vor der „Vagina Dentata“ zum Vorschein, vor der auch der mutigste Goiserer nicht verschont zu sein scheint. Da macht so ein Lied frei. Kraftvoll und voller Lebenslust sind diese Art von Gstanzln, welche von aktiven Menschen mit einer ungezwungenen Sexualität gesungen wurden. Heute sind sie im Wirtshaus schon fast verschwunden, zu groß war der Einfluß von braven christlichen Lehrern auf die „saubere“ Volksmusik. Wenn ich solche Leute manchmal treffe und spreche, denke ich mir, die vermehren sich durch einen Händedruck. Vielleicht sollten sie wieder mehr alte Weisen singen.
4. Wilderer, Gemsen, Jäger: Grauft hamma, Wildbrat gstohln – Mentscha g’liabt auf da Alm – Gams gschossn in Gebirg – Alles is probiert. Hier ist das männliche alpine Leben, wie es einst war, beschrieben. Raufen, schiessen, lieben – Hemingways gesamtes Werk in einen Vierzeiler verpackt. D’Jagern und d’Hund – Und die langen Stecka – Die kinnan ins kreizweis – In Bugl lecka. Wie es sich gehört für den kleinen Mann, keinen Respekt vor der Obrigkeit. Hätte er alle Vorschriften eingehalten, wären er und seine Familie wahrscheinlich verhungert. Heute habe ich ähnliche Strophen schon gehört, wo der Jaga und sein Hund durch die EU ersetzt werden.
5. Die Alm: s’Diandl in da Alm – tuat an Juhschroa, an halbn – Und den halbn tuat da Bua – Za da Hüttn herzua. Dort obn auf da Alm – Steht a greane Feichtn – Durt gengan die Buam – Zu da Sennarin beichtn. Die Alm, sie ist in den Gstanzln immer der Mittelpunkt des Gspusis, von der Liab, von der Zuneigung zwischen Bua und Dirndl, zwischen Wildschütz und Sennerin. Leider singt keiner etwas über das Elend, das die Sennerinnen befiel, wenn sie schwanger und allein gelassen wurden. Nicht nur vom Kaiser. Ohne Alm geht beim Gstanzlsingen gar nichts, sie ist ein Muss.
6.Ort gegen Ort: Ischla Buam rigelts enk – Goisara Buam prügln en -, nehman Eich d’Menscha weg – und es hobts an Dreck. Zahllose solche Gstanzln gibt es, die die ehemalige? Rivalität zwischen den einzelnen Orten des inneren Salzkammergutes aufzeigen. Manchmal vergleichbar mit dem Brunftschrei eines Hirsches, der den Gegner von der feschen begehrten Jungfer verscheuchen will.
7. Und über allem schwebt die Liebe:
Du broatoaschats Diandl – Di hab i so gern – Und i kinnt wegn dein Broatoasch – Glei a Häuslbrett werdn. Oba Diandl, du liabs – Wonnst du amoi stirbst – Wirst ma du amoi krank – Leb i a neama lang.
Schener Bua, liaba Bua – Kemma muasst überzua – kemma muaßt dann und wann – D’Zeit wird ma lang. Lustig is schon – Wann die Nachtigall singt – Aber lustiga noh – Bald mei rechta Bua kimmt. Wunderschön wird hier die Sehsucht beider Geschlechter nach den anderen beschrieben. Hunderte, wenn nicht tausende Gstanzln beschreiben diese Sehnsucht. Manchmal in zarten Worten, manchmal mit recht derben, aber immer von der wahren Liab getragen. Das gilt bis heute.
Und mir bleibt mir nur noch, eine Einladung zu unserer Landesausstellung in Bad Goisern auszusprechen:
Kehmts her do noch Goisan,
Unsa Ausstellung woat.
Und von enk zu uns her
Is nua a kurz’ Foahrt.
Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.




