Hubert von Goisern spielte in Bad Goisern

Juni 17, 2008 um 8:23 am | Veröffentlicht in Bad Goisern | Hinterlasse einen Kommentar
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Hubert von Goisern spielte in Bad Goisern. Das ist spannend. Ein Mann, der seit seinem 18. Lebensjahr durch die Welt tingelt, fast alle Kontinente bereist und bespielt hat, der aber immer wieder zurückkehrt auf Bergspitzen und in Eishöhlen. Ein Mann, dessen Musik sich immer wieder auf die Klänge der alten Heimat bezieht, auf Volksmusik und Jodler, für ein paar Takte, dann hören wir wieder Blues oder eine bulgarische Gadulka. Die ersten Töne erklingen, man denkt sich, das wird jetzt indisch und befindet sich ein paar Takte später wieder in den Alpen. Oder man glaubt, man ist jetzt in Woodstock und da vorne läßt Jimmy Hendrix persönlich seine Elektrische aufjaulen.

Und da ist dieses Bad Goisern, über das Hubert von Goisern folgende Anekdote erzählt: Eine junge Frau habe nach Bad Goisern geheiratet, doch sie sei mit 80 Jahren noch eine “Zuagraste” gewesen. Dabei sei sie aus der Gosau gekommen.

Da kommt also der berühmteste Sohn dieser Ortschaft und spielt an dem Ort, der, wenn man das einmal freizügig in seine Musik hinein interpretieren will, gleichzeitig Wurzeln und Enge bedeutet. Spielt vor dem Publikum, das sich über folgenden Witz der Vorgruppe gefreut hat: “Glauben denn die Laakirchner, dass sie zum Salzkammergut gehören? Bei Ebensee lassen wir uns das noch gefallen, aber Laakirchen?” Und da gibt es einen Bürgermeister, der seine Begrüßung in einem Dialekt hält, den ÖsterreicherInnen jenseits des Salzkammerguts kaum verstehen und diesen vielsagenden Satz sagt: “Ich begrüße die Gäste aus Bayern und aus Deutschland.” Da wird die Welt außerhalb der Heimat also aufgeteilt in ein Bayern und in ein Deutschland. Die Bayern haben es eventuell noch verstanden, die Gäste aus Deutschland ohnehin nicht.

Da wundert man sich als angereiste Österreicherin, dass die Hochtraxlecker Sprungschanzenmusi, die als Vorgruppe aufspielt, bejubelt wird wie andernorts Popstars. Dass die Leute mitsingen und paschen wie sonst bei DJ Ötzi. Nur schöner. Da wird nicht gegröhlt, sondern tatsächlich gesungen. Wer hier jodelt, kann es oder er hält den Mund. Und man bekommt eine Ahnung, was die Musik den Menschen hier bedeuten könnte: Verbundenheit.

Was wird Hubert von Goisern diesen Menschen sagen, denkt man sich. Das übliche Blabla, ich freue mich gaaanz besonders, in meiner Heeeeimat aufspielen zu dürfen, sieebzehn Jahre habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Sagt er nicht. Er gesteht, sieben Jahre in Wien gelebt und sich dort WOHL gefühlt zu haben und bekommt dafür prompt ein paar Buh-Rufe. Meint aber, dass es sicherlich noch mehr Buh-Rufe gegeben hätte, wenn er behauptet hätte, er sei ein Gosinger. Und leistet sich gutmütige Scherze mit seinem Publikum: Er stellt seine Band vor, vier Musikerinnen sind Ladinerinnen, einer ein bisschen ein Wiener, eine Musikerin eine Bulgarin und vier kommen aus Oberösterreich. Den Applaus für die Oberösterreicher quittiert er mit der trockenen Bemerkung: “Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.” Und er amüsiert sich über das geplante Einkaufszentrum, das werde wie Las Vegas, da kämen die Leute dann von überall her, aus Hallstadt, Gosau und Bad Ischl. Auf der anderen Seite bedankt er sich, dass ihm die Goiserer die Bühne so hingestellt haben, dass er eine wunderbare Aussicht auf den Krippenstein hat.

Das Konzert selber ist wundervoll, ein Feuerwerk an Überraschungen und musikalischer Virtuosität, eine Reise durch die Welt. Bei Passagen, die aus “der Heimat” stammen, singen die Leute mit, jeder scheint die Lieder zu können, das ganze Tal wird zu einem einzigen Jodler und ich lausche staunend der schönen Stimme der Frau, die neben mir steht. Umso mehr wundere ich mich, dass Hubert von Goisern plötzlich die Leute bittet, leiser zu sein, ich bin auf der anderen Seite gestanden und habe den Lärm nicht gehört. Er meint, dass die Leute da rechts drüben lauter seien als die Musik, wenn sie leise spielt. Wenn den Leuten fad sei, sollen sie doch näher her kommen. Später erfahre ich, dass wirklich so manchem fad gewesen sei, viele hätten das Konzert vorzeitig verlassen. Es seien die langsamen und stillen Nummern mit den langen Improvisationen gewesen, die so spät am Abend eher eingschläfernd gewesen seien. Die Leute hätten mehr nach seinen alten Hadern gelechzt als nach virtuos vorgetragenen Jazz- und Bluesinterpretationen. Wer geblieben ist, hat die alten Hadern jedenfalls noch bekommen.

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