Feuchtgebiete gehen nicht – Feuchtgebiete liegen in Bad Goisern

Juli 9, 2008 um 9:50 pm | Veröffentlicht in Bücher sind zum Lesen da | 3 Kommentare
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Das Buch geht nicht, sagen wir in Bad Goisern, wenn sich ein Buch nicht verkauft. Oder über andere Artikel des Handels sagen wir das auch: Die Gurken gehen heute überhaupt nicht, oder, der Leberkäs geht heute gar nicht etc. Bei Frauen sagen wir: „Bei der geht überhaupt nix“. Und damit meint der Goiserer, er habe versucht, dieser bestimmten  Frau sehr, sehr  nahe zu treten und sei zurückgewiesen worden. Irrtümlich formuliert er diesen Satz aber so, als würde diese bestimmte Frau jeden zurückweisen, nicht nur ihn. Es handelt sich hiebei um eine sogenannte “ Allgemeinisierung des Individuellen“ oder um eine „Das Ego schützende Verallgemeinerung einer negativen Reaktion“. Die kommt bei uns sehr häufig vor.

Aber zur Sache: Auf meinen Rat hin hat die hiesige Buchhändlerin drei Exemplare von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ geordert und bietet diese auf einem Bestsellertisch in ihrem Laden an. Bisher hat noch kein Goiserer, keine Goiserin eines dieser Exemplare auch nur angerührt, geschweige denn durchgeblättert. „Siehst Du“, sagte die Buchhändlerin heute zu mir, „ich habe Dir doch gesagt, dass diese Buch in Goisern niemand kauft. Gott sei Dank habe ich nur wenige Exemplare eingekauft.“ Ich bin verblüfft. War doch ein Bericht über dieses Buch beinahe in jeder Zeitung, in  jedem ORF-Kulturjournal und in jeder Talkshow der letzten Wochen. Es ist daher unmöglich, dass die Goiserer nicht wissen, das es dieses Buch gibt und worüber es handelt. Fatal für die Buchhändlerin ist eher, dass es offensichtlich jeder potentielle Käufer in Goisern weiß und deshalb davon ausgeht, dass die zweite Person, die sich im Buchladen befindet auch über dieses Buch Bescheid weiß und daher über ihn, den potentiellen Käufer, schlecht denken würde, nähme er das Buch auch nur in die Hand. Auch denkt er selbiges über die Buchhändlerin, vor der sich der potentielle Käufer ziert wie ein Röslein vor der Biene beim ersten Mal im Frühling. Und so kommt es, dass dann, wenn im gesamten deutschsprachigen Sprachraum die Feuchtgebiete ausverkauft sein werden, in Bad Goisern immer noch 3 Exemplare zu kaufen sind. Weil, so ist mein Verdacht, die Goiserer kaufen die Feuchtgebiete in Bad Ischl.

Merkwürdig bei der ganzen Sache ist, dass der durchschnittliche Goiserer gerne Gstanzln singt und er in diesen Vierzeilern Feuchtgebiete mit Worten beschreibt, welche Charlotte Roche vor Scham erblassen lassen würden. Aber dabei handelt es sich eben um sogenannte Volkskultur, die vieles zulässt, solange sie nicht von Lehrern verbogen wird. Heute müsste man eigentlich zwischen Volkskultur und Lehrerkultur (als verfälschte, enterotisierte Volkskultur) reden.

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3 Kommentare »

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  1. Dann wird es wohl so sein, das mit dem Kauf in Bad Ischl, wo einen keiner kennt. Mit dem Buch ist es ja so: alle verurteilen und ‚zerreißen‘ es in der Kritik, aber gekauft und gelesen haben sie es doch. Wie käme es sonst auf die Bestseller-Liste?

  2. Beim lesen dieses Buches konnte ich mich wunderbar amüsieren, verstehe garnicht wieso sich soviele über diese Ausdrucksweise entrüstet zeigen! Es gibt schlimmeres als den Umgang mit Fäkalsprache 😉 Aber das die Leute sich nicht trauen es öffentlich zu kaufen, sagt doch nur aus, wie viele Leute darauf bedacht sind, ihr ansehen an die öffentlich suggerierte Meinung anzupassen. Low-Profile um jeden Preis, bloß nicht auffallen und die eigene Individualität selbst untergraben 😥

  3. Wie recht du hast, wie recht.


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