Frau Huber und der Duft der Rosen

Juli 14, 2008 um 7:57 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 2 Kommentare
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Duftende Rosen

 

   Mit einem tiefen Seufzer wendete sich Frau Huber von ihren Rosen ab. Schon wieder war eine eingegangen. Sie wusste nicht mehr, ob sie gestern vergessen hatte, die Rosen zu gießen oder nicht. Das Gedächtnis ließ sie in letzter Zeit so oft im Stich. „Man sollte halt nicht alt werden“, murmelte sie vor sich hin, „wenn man noch für jemanden sorgen muss, wie ich für meine Rosen. Habe ich den Garten heuer überhaupt schon gedüngt und heute gegossen?“

    Frau Huber war 90 Jahre alt geworden, sie fühlte sich noch gesund, aber immer etwas müde. Einsam war es um sie, seit ihr Mann, der Gustl starb. Das war jetzt schon mehr als 10 Jahre her. Aber auch mit ihm war das Leben nicht sehr abwechslungsreich gewesen. Er hatte zu sehr für seine Arbeit gelebt und seine Frau vernachlässigt. Dabei hat sie sich immer so sehr nach etwas Zuwendung gesehnt. Aber all die Jahre ihrer Ehe hat der Gustl kaum mit ihr gesprochen, außer übers Büro. 60 Jahre musste sie das aushalten, Büro, Büro. An nichts anderes hat er gedacht. Wenn er am Wochenende einmal nicht im Büro war, so sprach er darüber. Egal wo es war oder mit wem er zusammen war, ständig kam sein Gespräch auf das Büro.

   Mit der Zeit wurde es so arg, dass die Leute im Ort ihm schon den Spitznamen „Büro“ gaben. Wie geht’s dem Büro fragten sie einander, wenn sie wissen wollten, wie es Gustl geht. Oder sie sagten zueinander, wenn sie ihn sahen, da kommt der Büro. Es kam so weit, dass die Leute, auch die Freunde, seinen Namen vergaßen und wenn er nicht dabei war, über ihn nur noch als „der Büro“ sprachen. Mit ihm selbst sprachen sie ohnehin nur selten, weil er immer im Büro war. Und wenn sie ihn trafen, genügte die Anrede mit Du oder he Du oder Du, he. Ansonsten aber wagte keiner ihn direkt mit Büro anzusprechen, weil sie alle doch viel Achtung vor ihm hatten. Dadurch, dass er so viel arbeitete, hatte er nämlich keine Zeit Geld auszugeben und er verdiente recht gut. So konnte er bald nach der Hochzeit ein Haus mit einem schönen Stück Grundstück rundherum kaufen. Er überließ es seiner Frau, es einzurichten. Nur zu teure Sachen verbot er ihr zu kaufen. Gustl wollte aber, dass sie sich im Haus wohl fühlte. So drückte er seine Liebe zu ihr aus, eine andere Möglichkeit hatte er nicht.

    Sie kümmerte sich um den Haushalt, weil arbeiten kam damals für Frauen nicht in Frage, und sie las viel. Den einzigen Luxus, den sie sich gönnte, war Parfüm. Irgendwann hatte sie sich in die Sorte „La Rose rouge“ verliebt und seither hatte sie stets einen kleinen Vorrat davon im Haus. Und jeden Morgen, nach dem Duschen, sprühte sie sich damit ein so dass bald nicht nur sie sondern das ganze Haus danach roch. Und sie liebte es, das duftende Haus, Gustl aber war es egal, wahrscheinlich hat er das ganze Leben keinen Duft wirklich bewusst wahr genommen.

   Frau Huber hätte gerne Kinder gehabt. Aber da war dieses verfluchte Büro. Büro, Büro, Gustl hatte nichts anderes im Kopf. Anfangs hatte sie noch versucht, ihn zu verführen, bereitete Abendessen bei Kerzenlicht zu, spielte auf dem CD-Player romantische Musik dazu und kaufte sich auch aufreizende Wäsche. Nichts hat es genützt. Der Gustl war immer von der Arbeit müde, ging bald ins Bett, nachdem er zu Abend gegessen hatte und schlief immer gleich ein. Wenn er aufwachte, dachte er schon wieder ans Büro. Nach einigen Jahren hatte sie aufgegeben und sich von ihrem Kinderwunsch getrennt. „Der liebe Gott will es halt nicht, dass ich Kinder bekomme“, sagte sie sich. Weil eine gläubige Frau, das  war sie und daher kam es ihr auch nie in den Sinn, Gustl zu betrügen.

    Als sie einmal sah, wie die Nachbarin in ihrem Garten Rosen pflanzte, verliebte sie sich in diese Blumen. „Solche möchte ich auch“, dachte sie. Und als sie Gustl gegenüber ihren Wunsch äußerte, brummte dieser nur, sie solle sich halt auch einen Garten anlegen. Er aber könne sich nie darum kümmern, weil er müsse im Büro arbeiten.

    Und so legte Frau Huber auf dem kleinen Grundstück vor ihrem Haus einen kleinen Rosengarten an. Die Rosen waren ihre Kinder. Von allen Farben hatte sie einen Strauch. Den schönsten Blumen gab sie Namen, wie sie sie ihren Kindern gegeben hätten. Und so wuchsen jeden Frühling eine Cupido, die sie Franz, eine Aglaia, die sie Gretl, eine Chloris, die sie Hans, eine Aurora, die sie Christl und eine Penelope, die sie Judith nannte, in ihrem Garten. Diesen ließ sie alle Liebe über die sie verfügte zukommen. An keinem Tag in Jahrzehnten vergaß sie, die Rosen zu gießen, sie zurechtzustutzen, wenn sie überwuchsen, sie zu düngen mit dem besten Dünger, den sie erhalten konnte und mit ihnen zu reden. Mit Franz, Gretl, Hans, Christl und Judith fing sie mit der Zeit sogar zu sprechen an, wie mit richtigen Kindern. Sie streichelte sie jeden Tag und sprach mit ihnen über Freuden und Sorgen, wie sie das Leben so mit sich bringt. Und manchmal war es ihr, als würden die Rosen antworten. Das war dann ein besonders schöner Tag für sie. Mit der Zeit wurde ihre Rosenzucht im ganzen Ort bekannt, denn durch die tägliche zärtliche Beschäftigung mit ihren Lieblingen wurden ihre Rosen die schönsten im ganzen Tal. Sie freute sich, wenn man ihre Rosen lobte, so wie sich eine Mutter freut, wenn man Gutes über ihre Kinder sagt.

    Jahre und Jahrzehnte verrannen. Sie pflegte ihre Rosen, Gustl arbeitete im Büro. Als er in Pension ging, richtete er sich im Haus ein Büro ein. Dort verbrachte er seine Tage mit alten Akten, die ihm ehemalige Arbeitskollegen manchmal vorbeibrachten. Seine Arbeit war zu nichts mehr nütze, aber er empfand tiefe Befriedigung einfach im Öffnen eines Aktes und dessen Studium. Dadurch kamen sich Frau Huber und ihr Mann auch im Alter nicht näher. Und vor 10 Jahren ist er dann gestorben. In seinem Büro hatte sie ihn tot aufgefunden, den Kopf am Schreibtisch liegend. Herzinfarkt, hatte der Arzt ihr gesagt, er hat zu viel gearbeitet.

    Und so hat Frau Huber ihre Liebe noch mehr ihren Rosen zugewendet. Manchmal dachte sie, sie könne sogar die Generationen der Rosen aufzählen, wie sie sonst Kinder, Enkel und Urenkel hätte aufzählen können, hätte der Gustl nur gewollt. Aber mit zunehmenden Alter wurde die Sorge um ihre Lieblinge immer größer. „Vergesslich bin ich geworden“, flüsterte sie manchmal vor sich hin, „vergesslich! Was soll nur aus meinen Lieblingen werden, wenn ich einmal alles ganz vergesse? Wenn ich sie zu düngen vergesse und zu gießen? Verhungern werden sie und verdursten. Nein, das möchte ich nicht mehr erleben, ach wenn mich der Herrgott doch endlich zu sich nehmen würde. Dann würde sich jemand anderer um meine Rosen kümmern. Wahrscheinlich ihre Nichte, dafür würde sie ihr Haus erben“.

    Dennoch hielt sie noch einige Jahre durch, wurde aber vergesslicher und vergesslicher. Als sie dann eines Tages sehen musste, wie eine der Rosen, es war Franz, die Cupidorose, verdorrt war, begann sie ganz fürchterlich zu weinen. „Aus ist es, aus ist es“, schluchzte sie, „es ist Zeit zu gehen und die Pflege anderen zu überlassen. Aber ein letztes Gutes kann ich meinen Kindern noch tun“.

    Und eines Tages war Frau Huber verschwunden. Nachbarn und entfernte Verwandte suchten nach ihr, aber vergebens. Monatelang forschte auch die Polizei nach ihr, national und international, aber nach einigen Monaten musste auch sie die Suche ergebnislos abbrechen. Frau Huber wurde aufgrund ihres hohen Alters bereits nach kurzer Zeit für tot erklärt. Die Nichte erbte ihr Haus samt Garten und Rosen. Und diese Rosen blühten in diesem Sommer schöner als je zuvor, herrlicher als jede andere Rose im Tal, nachts schienen sie zu leuchten. Von weit her kamen die Leute, um dieses kleine Rosenwunder zu bestaunen. Und einmal beugte sich eine Besucherin ganz tief zu einer besonders schönen Rose hinunter, sog den Duft ein und sagte: „Die duftet wie mein Parfüm. „La Rose rouge“, welch ein Zufall“.

    Frau Huber aber wurde nie gefunden. Es war eine recht schwere Arbeit für sie gewesen, Rasenstücke mit den Rosen darauf auszustechen, sich in die Grube zu legen und die Rasenstücke mit den Rosen über sich zu ziehen. Ihr Erstickungstod war sehr qualvoll gewesen. Und dennoch hat sie beim letzten Atemzug gelächelt. Weil sie wusste, dass ihre Rosen jetzt den besten Dünger hatten, den es gab.

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare »

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  1. Oh, jetzt kann ich nicht mehr schlafen. Das ist eine schrecklische Geschichte.

  2. Als nächstes wird der Franz noch den Edgar Allan übertreffen, das sehe ich kommen.


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