Der brave Hansl – Der böse Bube

Juli 15, 2008 um 10:11 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 4 Kommentare
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Der brave Hansel – Der böse Bube

 

Im Nachlass des Johannes M. wurde unter Anderem eine Geschichte gefunden, die von Johannes M. eigenhändig geschrieben war. Sie beginnt mit einer Einleitung, aus der man erfährt, dass Johannes M. während seiner Schulzeit aus für ihn nicht nachvollziehbaren Gründen zum Außenseiter wurde – gemacht wurde – wobei alle, auch die Lehrer mittaten. Später im Leben hatte er immer mit seinen Erinnerungen  an die erlittenen Erniedrigungen zu kämpfen und überwand sie einfach nicht. Ein guter Freund brachte ihn dazu, sich an einen Psychotherapeuten zu wenden und so unterzog sich Johann M. einer Therapie. Der Therapeut riet ihm, seine Geschichte aufzuschreiben, vielleicht würde das weiterhelfen. Johannes M. erzählt in seiner Einleitung, dass es ihm nicht möglich war, die psychische Gewalt, so wie er sie erlebte, zu schildern und so habe er das, was er psychisch erlebt hatte, in physische Tortur transformiert.  Nur so sei es ihm möglich gewesen, anderen mitzuteilen, was er während seiner Schulzeit erlebte. Dann folgt der Bericht, wie er unten steht, geschrieben in der dritten Person. Johannes M. erhängte sich trotz Therapie 8 Jahre nach seiner Matura.

 

Der Lehrer zog mit seiner verkrüppelten linken Hand den Hansel an den Haaren ins Direktionszimmer. Hansel jammerte laut, weil ihm der harte Griff des Lehrers sehr weh tat. “Bitte nein, bitte nein”, schrie er in seiner Verzweiflung, “bitte lassen sie mich los”. Der Lehrer war unerbittlich und lies mit seiner Hand nicht locker. Später wäre Hansel froh gewesen, wenn er nur solche Schmerzen zu ertragen gehabt hätte.

 

Mit einem Ruck an den Haaren schleuderte der Lehrer den Buben vor den Schreibtisch des Direktors. “Er hat sie schon wieder gehabt”, keuchte er vor Erregung, “schon wieder”. “Um Gottes Willen, beruhigen Sie sich”, sagte der Direktor, der halb taub war und dem Lehrer von den Lippen ablesen musste, “wir werden es dem Burschen schon zeigen, aber dazu dürfen wir nicht aufgeregt sein. Wir müssen diesmal zu härteren Maßnahmen greifen, wenn er sie schon wieder hatte. Das letzte mal liegt nur ein Monat zurück. Ich selber habe auch keine und der Bursche wird bald auch keine mehr haben, sie werden schon sehen”.

 

“Den Vater habe ich telefonisch schon verständigt”, informierte der Lehrer den Direktor, “er wird bald auch da sein. Aber wir sollen schon ohne ihn anfangen, hat er gesagt. Er war entsetzt über seinen Buben”. “Na, dann fangen wir an”, sagte der Direktor und gab dem Hansel eine Ohrfeige, dass diesem das Kiefer sofort brach und sich seitlich verschob. Mit schiefem Mund schrie das Kind vor Schmerz auf, was ihm aber noch mehr Schmerzen bereitete, weil er den Mund wegen der gebrochenen Knochen eigentlich gar nicht mehr öffnen konnte. Der Lehrer gab ihm von der anderen Seite eine Ohrfeige, worauf das Trommelfell von Hansel platzte und Blut aus dem Ohr zu fließen begann. “Jetzt versaust du uns noch den Teppich, du Saubub”, schrie er und schlug gleich noch einmal zu. An den Ohren zog er ihn hinüber in die Ecke, wo der Plastikfußboden war, der war leicht zu reinigen. Hansl lag in der Ecke und zitterte vor Schmerzen und vor Angst. Er blickte auf das Kruzifix, das über dem Schreibtisch des Direktors hing und betete still: “Lieber Christus, Du hast doch am Kreuz auch so fürchterliche Schmerzen gehabt. Wie hast du die ausgehalten? Ich habe auch nichts Böses getan, genau wie Du, aber ich halte die Schmerzen nicht mehr aus. Warum tun sie mir so weh? Was habe ich getan? Bitte hilf mir, lieber Jesus, bitte. Sie sollen aufhören zu schlagen, bitte, bitte hilf mir“ Aber Jesus konnte nicht helfen, er litt selber unter großen Schmerzen, weil er gerade ans Kreuz genagelt wurde. Denn jedes Mal, wenn ein Kind von seinen Eltern oder seinen Lehrern körperlich oder gar psychisch misshandelt wird, wird Jesus immer wieder neuerlich ans Kreuz genagelt. Weil sie mit einmal nicht genug und nichts verstanden haben, die Menschen.

 

Der Direktor zog Hansel an den Ohren aus der Ecke und flüsterte mit unheimlicher, zorniger Stimme, Speichel tropfte zwischen seinen Lippen hervor: “Lege deine Hand auf den Tisch, die Flache Hand, mit der Handfläche nach unten”. Zitternd vor Angst kam Hansel dieser Anordnung nach. “Gleich wirst Du sie nicht mehr haben, Du Rotzbub”, fuhr er Hansel an. Mit den Worten: “Herr Kollege, sie haben den ersten Schlag”, ließ er dem Lehrer den Vortritt. Der Lehrer nahm den eisernen Briefbeschwerer, auf dem geschrieben stand, dass man nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen würde, und schlug mit ihm fest auf die ausgestreckte Bubenhand. Man hörte die Mittelhandknochen laut knirschen und brechen. Mit einem erstickten Laut heulte Hansel auf. Der Schmerz war fürchterlich und zog sich durch die Hand und den Arm hinauf bis in seine Schmerzzone im Hirn, sodass er glaubte bewusstlos zu werden. Aber er hatte keine Zeit an den Schmerz zu denken, denn jetzt nahm der Direktor Hansels zweite Hand, zog sie auf den Schreibtisch und schlug mit dem Lineal, mit der scharfen Kante zu. Hansel fünf Finger wurden beinahe abgetrennt. Nur an den Sehnen hingen sie noch von der Handfläche herab. Dem Schüler wurde schwarz vor den Augen, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten., Da öffnete sich die Tür, der Vater trat ein. Groß und stark war er und der Steireranzug stand ihm prächtig. Er wäre ein schöner Mann gewesen, hätte sein Gesicht nicht tiefe Kummerfalten verunstaltet. Auch fehlte ihm ein Ohr.

 

“Aha, haben Sie ihn schon ein wenig behandelt, den Lausbuben den verflixten: Danke schön, Herr Direktor. Ich weiß mit ihm nicht mehr aus und ein. Er hat sie schon so lange, aber nicht von mir. Ich habe keine. Ich habe sie noch vor dem ersten Schultag verloren. Aber seine Mutter, die hatte eine und hat sie nie aufgegeben. Von ihr muss sie der Bub haben. Ich habe mich dann nach einigen Jahren von ihr scheiden lassen, nachdem ich bemerkte, sie würde sie für immer haben. Unerträglich war das. Aber der Bub, der Bub hat sie von ihr bekommen, bevor sie aus dem Haus war. Und ich will, dass er sie endlich auch nicht mehr hat”. Und er gab dem Buben einen Fußtritt, dass er durch das ganze Zimmer flog. Wimmernd vor Schmerz kauerte er sich wieder in der Ecke zusammen und blickte wieder zum Erlöser am Kreuz.

 

„Warum hilfst Du mir nicht Jesus?“ fragte er, „Warum hilfst Du mir nicht? Ich bin doch ein braver Bub, warum quälen die mich so? Ich gehe doch jeden Sonntag in die Kirche und bete zu Dir und Deiner Mutter. Und die gehen auch jeden Sonntag in die Kirche und beten auch. Warum tun sie das nur mit mir? Warum haben sie mich nicht lieb? Ich möchte so gern ein braver Bub sein, Jesus, den alle lieb haben, aber immer schlagen sie mich, immer schlagen sie mich. Es tut so weh, es tut so weh. Aber vielleicht bin ich nicht brav, vielleicht muss ich geschlagen werden. Der Vater sagt es immer. Bin ich ein böser Bub, Jesus? Dann verdiene ich es wohl geschlagen zu werden und Schmerzen zu haben, so wie du? Bitte sag es mir. Bitte, bitte hilf mir!“ Aber Jesus gab keine Antwort und so blieb Hansel mit seinen Fragen, seiner Angst und seinen Schmerzen alleine. Von den anderen hatte niemand sein stummes Gespräch mit dem Gekreuzigten gehört. Sie nahmen nur sein ihn beinahe erstickendes Schluchzen wahr.

 

“Ich habe sie auch nicht, sagte der Direktor. Ich habe sie auch schon als Kind verloren. Was ist nur mit dieser Jugend los. Was muss man nicht alles tun um sie ihnen zu nehmen. Mein Beruf macht mir oft gar keine Spaß mehr”.

 

Der Lehrer stimmte zu und erklärte auch, er habe sie bereits mit drei Jahren verloren, dank eines klugen aber strengen Vaters. Die Mutter habe nie eine gehabt und so sei er ungefährdet durchs Leben gegangen, und habe sich seinen Beruf ausgewählt, um auch nie in Gefahr zu kommen, sie wieder zu bekommen.

 

Der Vater hatte inzwischen sein Feuerzeug angezündet und hielt es an Hansels Ohr. Mit der anderen Hand hielt er sein Kind am Kopf fest, so dass dieses sich nicht rühren konnte. Das Ohr färbte sich sofort rot und nach einiger Zeit schwarz und es stank im Zimmer nach verbranntem Fleisch. “Verlier sie endlich, Rotzbub elendiger, verlier sie endlich, oder ich höre nicht auf”. Hansel konnte nur noch wimmern „Mutti, Mutti, hilf mir, Mutti, hilf mir , komm doch, hilf mir, bitte, bitte, oh Gott, oh Gott, oh Gott“. Nach einer Minute Feuer aber umfing ihn gnädige Ohnmacht und der Vater ließ ihn los. Hansel sank zusammen und lag auf dem Boden wie ein Haufen Dreck, den jemand dort hingeschüttet hatte.

 

Die drei Erwachsenen beschäftigten sich noch längere Zeit mit dem Schüler, konnten ihn aber aus seiner Bewusstlosigkeit nicht zurückholen. Hansel spürte daher nichts mehr, als sie ihm auch noch das Nasenbein und einige Rippen brachen. “Jetzt wird er sie los sein”, sprach nach einiger Zeit der Direktor, “rufen wir die Rettung, hier wird er nicht mehr wach”. Als die Rettung eintraf, war der lapidare Kommentar des Rettungsfahrers beim Anblick Hansel: “Hat schon wieder einer eine gehabt, das hört wohl nie auf”. Dennoch blickte er mit Mitleid auf den seufzenden Bubenhaufen und lud ihn ganz vorsichtig auf die Bahre, mit der er ihn zum Rettungswagen rollte.

 

Dann fuhr er ganz langsam, um ihm nicht noch mehr Schmerzen zu bereiten, mit seinem Patienten davon. “Warum musst denn auch eine haben Bub”, flüsterte er zornig vor sich hin, “warum musst denn eine haben und auch noch reden. Darüber redet man doch nicht. Man hat sie, aber redet nicht darüber, so habe ich es mein ganzes Leben gemacht und bin damit gut gefahren. So jung bist Du, so jung, und hast eine eigene Meinung. Schade, wirst noch viel leiden müssen, in Deinem Leben”.

 

 

 

 

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4 Kommentare »

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  1. Keine Angst, das ist nie passiert. Es ist nur eine Metapher für psychische Schmerzen.

  2. Psychische Schmerzen? Das ist ja Margits Revier. Rede doch einmal über Dinge, von denen sich die Frauen keine Vorstellung machen, zum Beispiel über den Zeugungsschmerz.

  3. Sazu habe ich einst ein Gedicht geschrieben:

    Scheiss Missionarsstellung

    Ausstreckn, long und grod auf de Hend,
    Ihr ins Gsicht schaun, damits de erkennt.
    S´Beckn durchdruckn, sonst bleibta nit drin.
    Kopf in d´Heh, moch a spitz Kinn,
    Und den Kopf a so de gonze Zeit hoitn,
    Sonst hengt da da Hois owi in Foitn.
    Donn beugst de mitn Bizeps,
    Streckst de mitn Trizeps.
    Und donn, hau ruck,
    Beckn vor, Beckn zruck.
    Es schmerz da Bizeps,
    Es brennt da Trizeps.
    Und während dem Kompf,
    Kriagts Beckn an Krompf.
    Da Schweiss rinnt iwan Bugl.
    D´Wompn einziagn, de Kugl.
    Und nit zlaut keichn.
    D´Óberschenkel erweichen.
    Während Du nur noch hechelst,
    Erwartet sie, dass du zärtlich lächelst.
    Fost narrisch kunntst wern,
    Und sie mecht imma no hern
    Dass Du aus keuchendem Mund
    Ihr pausenlos tuast kund:
    I mochs nicht aus Trieb,
    I hob de lieb.
    Dauand muasst liagn.
    Wia wurdst sie sonst kriagn?
    Oamo no auf und oamoi no nieda,
    Zack, jetzt packt de da Herzkaspal wieda.
    Des nexte Moi pack i sie von da Seitn,
    Oda loss üwahaupts glei auf mia reitn.
    Von oben fliessen dann auf mich ihre Haare.
    Und ich scheiss auf die Stellung der Missionare.

  4. Aba da Herzkaschper isch ja des, was ganz tiaf drein und heillos luschtig sich, oder?

    Wird 1mal Zeit für einen Innschbrucker Kommentar.


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