Zwei der schönsten Stellen der Weltliteratur – Auszüge aus Platons „Apologie des Sokrates

August 20, 2008 um 9:18 pm | Veröffentlicht in Bücher sind zum Lesen da | 2 Kommentare
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Zwei der schönsten Stellen der Weltliteratur

Auszüge aus Platons „Apologie des Sokrates“

 

   Auszugsweise zitiert zum Genusse des Lesers sowie zur Mahnung an Politiker und andere sich weise dünkender Menschen, die in ihrer Arroganz bescheidenes Fachwissen mit allgemeiner Weisheit verwechseln und deren Worte in der Geschichte verwehen wie der Sand im Sturme der Wüste oder weggespült werden wie ein Blatt, das von einem Baum in den Stambach fie,l während wahre Weisheit unsterblich bleibt..

 

   Im Jahre 399 v. Chr. Wurde Sokrates der Prozess gemacht. Der Hauptankläger, Meletos, stellte den Antrag auf die Todesstrafe. Begründet wurde der Antrag wie folgt: „Sokrates handelt rechtswidrig, indem er die Götterm die der Staat anerkennt, nicht anerkennt und andere, neuartige göttliche (dämonische) Wesen einzuführen sucht. Er handelt ausserdem rechtswidrig, indem er die jungen Leute verdirbt.“

 

   Sokrates war bekanntermaßen nicht mundfaul und verteidigte sich in drei Reden an das Gericht. Diese drei Verteidigungsreden werden unter dem Begriff „Die Apologie des Sokrates“ zusammengefasst. Diese Apologie wurde im Nachhinein von Platon, des Sokrates Schüler, aufgeschrieben und zählt zu den schönsten Werken der Weltliteratur. Sie enthält jedoch in sich einige Stellen, die ich als die für mich schönsten aber auch weisesten Stellen der Weltliteratur bezeichnen möchte.

 

   Die erste Stelle betrifft den oft zitierten Satz des Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Den hat er aber gar nicht so gesagt. Er erzählt in seiner ersten Rede, dass sein Jugendfreund Chairephon einmal zum Orakel nach Delphi ging und es befragte, ob jemand weiser sei, als Sokrates. Die Phytia gab diesem Freund zur Antwort, niemand sei weiser.

 

   Und nun Sokrates im Originalton:

   Als ich nämlich von dem Bescheid erfuhr, da überlegte ich mir folgendes: „Was mag Gott wohl meinen, und was gab er mir da für Rätsel auf? Ich weiß nämlich ganz genau, dass ich nicht weise bin, weder viel noch wenig. Was meint er also, wenn er sagt, ich sei der Weiseste?“ … Ich ging zu einem von denen, die in dem Rufe standen, weise zu sein, um so, wenn überhaupt, den Spruch zu widerlegen und dem Orakel zu zeigen: „Dieser Mann ist weiser als ich; du aber hast gesagt, ich sei der weiseste.“ Als ich ihn nun prüfte …, da gewann ich den Eindruck, dass dieser Mannwohl weise zu sein schien – nach dem Urteil vieler anderer Leute und vor allem nach seinem eigenen -, ohne es indessen wirklich zu sein, und ich versuchte ihm klarzumachen, dass er sich zwar einbildete weise zu sein, dass er es jedoch gar nicht war. So kam es, dass ich mich bei ihm und bei vielen der Anwesenden verhasst machte; bei mir selbst aber bedachte ich, als ich wegging: „Im Vergleich zu diesem Menschen bin ich der Weisere. Denn wahrscheinlich weiß ja keiner von uns beiden etwas Ordentliches und Rechtes; er aber bildet sich ein, etwas zu wissen, obwohl er nichts weiß, während ich, der nichts weiß, mir auch nichts zu wissen einbilde. Offenbar bin ich im Vergleich zu diesem Mann um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“ …

   Daraufhin suchte ich planmäßig einen nach dem anderen auf, und ich bemerkte zu meinem Kummer und Schrecken, dass ich mich stets nur verhasst machte. … Und beim Hunde, ihr Männer von Athen … , was ich jetzt erlebte, war dies: diejenigen, die den allerbesten Ruf genossen, schienen mir so ziemlich die armseligsten Burschen zu sein, als ich sie der göttlichen Weisung gemäß prüfte; bei anderen hingegen, die in geringerem Ansehen standen, hatte ich den Eindruck, dass es mit ihrer Fähigkeit zur Einsicht besser gestellt war. …

   Nach den Politikern suchte ich nämlich die dichter auf, die Tragödien- und Dithyrambenschreiber und alle die anderen, um mich dort auf frischer Tat zu überführen, dass ich unwissender sei als sie. Ich nahm mir ihre Dichtungen vor, und zwar die, mit denen sie sich meiner Meinung nach besonders viel Mühe gegeben hatten, und fragte sie, was sie damit sagen wollten, um zugleich noch etwas von ihnen zu lernen. Ich scheue mich jetzt, ihr Männer, euch die Wahrheit zu sagen. Trotzdem – ich muss es tun. Denn eigentlich wussten fast alle Anwesenden verständiger über die Sache zu reden als die Verfasser selber. So stellte ich auch bei den Dichtern in kurzer Zeit fest, dass sie nich aus Weisheit hervorbrachten, was sie hervorbrachten, sondern auf Grund einer besonderen Veranlagung und in göttlicher Begeisterung wie die Seher und Orakelsänger. Denn auch diese leute sagen viele schöne Dinge, ohne zu wissen, was sie sagen. … Ich verließ sie daher mit der Überzeugung, dass ich ihnen in demselben Punkte überlegen war wie den Politikern.

   Schließlich ging ich zu den Handwerkern. Ich selbst war mir ja bewusst, dass ich mich sozusagen auf nichts verstehe; bei ihnen aber würde ich, wie ich wusste, feststellen, dass sie sich auf viele schöne Dinge verstünden. Und hierin sah ich mich nicht getäuscht; sie verstanden sich auf Dinge, von denen ich nichts verstand, und waren mir in dieser Hinsicht an Weisheit überlegen. Aber, ihr Männer von Athen, denselben Fehler wie die dichter schienen mir auch die lieben Handwerker zu haben; weil sie sich gut auf die Ausübung ihrer Kunst verstanden, bildete ein jeder sich ein, er sei auch im übrigen ganz ungeheuer weise, so dass – meiner meinung nach – diese Beschränktheit ihre Weisheit wieder aufhob. Daher fragte ich mich im Namen des Orakels, ob ich’s für richtig hielte, so zu sein, wie ich sei – nicht weise im Sinne ihrer Weisheit und nicht unwissend im Sinne ihrer Unwissenheit -, oder ob ich’s vorzöge, zu sein wie sie. Ich gab mir selbst und dem Orakel zur Antwort, dass es mir wohl anstehe, zu sein, wie ich bin.

   Aus dieser Untersuchung, ihr Männer von Athen, sind mir viele Feindschaften erwachsen,…

 

 

 

   II. Sokrates fürchtete sich nicht vor dem Tod. Er denkt zwar, es sei für ihn jetzt das Beste, zu sterben, ganz sicher ist er sich aber nicht, ob es nicht doch diejenigen besser hätten, die leben. Dennoch zögert er keinen Augenblick, dem Tode ins Auge zu blicken und einige Tage nach dem Todesurteil ohne Widerstand den Schierlingsbecher zu trinken. Am Schluss seiner dritten Verteidigungsrede legt er dar, was er vom Tod hält und gibt der Überzeugung Ausdruck, dass sich ein guter Mensch nicht vor ihm fürchten muss. Hier nimmt dieser weise Mann das voraus, was uns später gegründete Religionen ebenfalls versprechen. Und wie er sich um das Wohl seiner Söhne sorgt – mir kommt es vor, als würde er auch hier eine christliche Botschaft vorwegnehmen, nämlich, dass ein Reicher nicht in den Himmel kommt.

 

Sokrates wieder im Originalton, übersetzt:

   Doch auch ihr dürft, ihr Richter, was den Tod betrifft, zuversichtlich sein und diese eine Tatsache für wahr halten, dass einem guten Menschen kein Übel widerfahren kann, weder im Leben noch nach dem Tode, und dass seine Angelegenheiten den Göttern nicht gleichgültig sind. Auch mir ist mein Los nicht von ungefähr zuteil geworden; ich bin vielmehr überzeugt, dass es das Beste für mich war, jetzt zu sterben und aller Mühsal überhoben zu sein. Eben deshalb hat mich auch das Zeichen nie zurückgehalten, und ich wiederum bin den Leuten, die mich verurteilt haben, und meinen Anklägern nicht einmal sonderlich böse. …

   Um eines aber bitte ich sie noch: übt an meinen Söhnen, wenn sie herangewachsen sind, Vergeltung, ihr Männer, indem ihr ihnen in derselben Weise zur Last fallt, wie ich euch zur Last gefallen bin; sobald ihr den Eindruck gewinnt, dass sie sich um Geld oder irgend etwas anderes mehr kümmern als um Tugend, und sobald sie etwas zu sein beanspruchen, was sie nicht sind, dann macht ihnen Vorwürfe wie ich euch, weil sie sich nicht um die richtigen Dinge kümmern und glauben, sie wären etwas, obwohl sie Nichtsnutze sind. Und wenn ihr das tut, dann lasst ihr mir Recht widerfahren, mir selbst und meinen Söhnen.

…Doch jetzt ist’s Zeit fortzugehen: für mich um zu sterben, für euch, um zu leben. Wer von uns dem besseren Los entgegengeht, ist uns allen unbekannt – das weiß nur Gott.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare »

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  1. Dieser Text kann mich zu Tränen rühren…

    Allerdings, ob es Sokrates im Originalton ist, das wissen wir nicht. Was Plato gelöscht oder hinzugefügt hat, werden wir nie wissen.

  2. Stimmt, leider! Aber nehmen wir es halt an und ergötzen wir uns daran.


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