Jungfrau für Monster gesucht

September 10, 2008 um 10:21 pm | Veröffentlicht in Aus meinem neuen Buch | 2 Kommentare
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Das Klassentreffen

bei meinem Freund, dem Moawiesbauern in da Neikira (Neukirchen)

 

Vor einigen Jahren hatten wir wieder einmal ein Maturatreffen. Diesmal bei einem Freund in Neukirchen, der einen Bauernhof geerbt hat und deshalb auch mit seinem Hausnamen bekannt ist , der da „Moawiesbauer“ lautet. In der Schule riefen wir ihn stets „Mitsch“. Die Frage nach dem Warum ist bei Spitznamen verpönt, weil sich nach Jahren niemand mehr erinnern kann, wie er entstand.

 

Es war ein vergnügliches, gemütliches Klassentreffen im Hause von Mitsch. Seine hübsche Gattin kocht vorzüglich, so dass wir bestens versorgt wurden. Das Treffen zog sich bis spät in die Nacht hinein und durch die großen Fenster konnte man nur noch ein Licht in der Ferne erblicken. Das Haus ist relativ einsam gelegen, ein kleiner Bach fließt daran vorbei. Und als ich so in die Dunkelheit hinausblickte, dachte ich, das wäre eine Nacht für Monster und schrieb am nächsten Tag die Geschichte auf, die mir dazu einfiel:

 

Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Kaum zu glauben, dass wir an einem Tisch 12 Stunden lang einfach nur so miteinander geredet haben. Das ist selten und war gut. Ich habe mich mit den drei Kühen auf Mitschens Wiese angefreundet. Die habe ich innerhalb kürzester Zeit so trainiert, dass sie herangaloppierten, wenn ich pfiff. Ich habe vorher noch nie eine Kuh galoppieren sehen. Angeblich war eine Kuh ein Oxe. Aber alles kann man nicht wissen. Der Regen machte übehaupt nix aus. Im Gegenteil, er kreierte zusammen mit den tiefhängenden Wolken, den sattig grünen Wiesen und dem umliegenden dunklen Wald eine Stimmung, die mir gefiel.

 

Später, nachdem es stockdunkel geworden war, konnte man von Mitschens Haus aus nur mehr vom entfernten Nachbarn ein einziges beleuchtetes Fenster sehen, das war das einzige Licht das in dieser Nacht die Finsternis durchdrang. Ich wartete die ganze Zeit auf das fürchterliche Ungeheuer von Moawies, das in solchen Nächten dortn umgeht und böse Buben und böse Mädchen im Moawiesbachl ertränkt. Dabei zieht es das Opfer einige Male kurz vor dem letzten Atemzug aus dem Wasser, sodass das Opfer noch ein wenig weiterlebt, wiederholt ins Wasser gedrückt werden kann und daher länger leidet. Man hat schon Opfer gefunden, deren Haar trotz ihrer Jugend vor Entsetzen und Leiden während des Ertränkens weiss geworden war. Oft erst nach einer Stunde drückt das bösartige Ungeheuer das Opfer endlich für so lange Zeit unter Wasser, bis der Tod eintritt. Dann zerschlägt es den Schädel des Opfers an einem Stein im Bache, sodass das Gehirn austritt und saugt dann mit seinem kuzen Rüssel, den es statt dem linken Auge hat, das Gehirn auf, anschliessen saugt es die Augen des Opfers aus. Manchmal ist der Druck mit der Kralle auf den Kopf so stark, dass dem Opfer die Augen von selbst aus den Augenhöhlen springen und es ertrinkt dann bereits erblindet. Ein Feinspitz, ein Feinschmecker, schlitzt das Monster auch noch den Magen des/der Toten mit einer seiner 18 Krallen auf und spritzt den Augen-Hirn-Brei mit seinem Rüssel in den Magen, wo es den Brei mit dem warmen Mageninhalt verrührt.

 

Die so entstandene Sosse schaufelt es dann mit einer seiner 24 Hände – 12 wachsen aus dem Bauch, 12 aus dem Rücken – in den Mund, wobei es dann beim Schlucken immer zu grauslichen Rülpstönen kommt. „S’dunnat schon wieda, es Wiesi“, sagen dann die Moawiesa beinahe zärtlich und gerührt, „Gott sei der oamen Söl gnädig“ und dann bekreuzigen sie sich. Manchmal erbricht sich das Ungeheuer auch nach dem Mahle und an diesen Stellen, wo sein Mageninhalt hinfällt, wachsen dann besonders gute Obstbäume, deren Früchte hervorragend schmecken und die hohe Preise am Markt in Gmunden erzielen. Jungbäuerinnen wälzen sich auch oft nackt in diesem Brei, weil sie dadurch eine besonders schöne, glatte Haut bekommen sollen. Deshalb hat seit hunderten von Jahren auch kein Moawiesbauer versucht, das Ungeheuer zu töten.

 

Die Toten sind für den jeweiligen Moawiesbauer einfach Opfer der Marktwirtschaft, frei nach Milton Friedman, man soll da nicht regulierend eingreifen. Selbstverständlich wussten die alten Bauern nix von dieser Theorie der Neuzeit, sie taten bzw. unterliesen einfach , was ihnen als praktisch bzw. unpraktisch und nützlich bzw. unnütz erschien. Aber jede Praxis braucht auch eine Theorie, soweit wurde vor einer Generation dann schon gedacht. Um die Notwendigkeit des Nichteingreifens gegen „Wiesi“ auch wissenschaftlich untermauern zu können, wurde daher der jetzige Bauer von der Moawies vom Altbauern zum Studium nach Linz geschickt. „Lern wos Gscheits Bua, bleib koa Dodl und suach da a gscheits Weibal des wos de Oaweit mit de Kia nit scheicht. Eigenes Weib ernährt den Leib, mit fremden Frauen, kannst kein Haus erbauen, und auf der Weide, schenken Lust beide!“ gab er ihm als Rat mit auf die Reise (vgl. dazu auch Shakespeare, William: Hamlet; Polonius zu Laertes beim Abschied „Kein Borger sei und auch kein Leiher nicht, …“). Weil die Agrarbezirksbehörde und die Neukirchna Jägerschaft drängten immer mehr zum Abschuss des „Wiesi“. Aber gegen eine anerkannte marktwirtschaftliche Theorie, die in Praxis umgesetzt wird, sind sogar Behörden und Jäger machtlos, auch wenn es dabei und dadurch Tote gibt. Wir haben beim Mitsch Äpfel von solchen Bäumen gepflückt und gegessen und die waren wirklich aussergewöhnlich schmackhaft. Doch das Ungeheuer kam diesmal nicht.

 

Schade, denn insgeheim hätte ich mich auch gern im erbrochenen Schleim gewälzt und die eine oder andere Klassenkameradin sicher auch. Meine stillen Gebete wurden von dem da oben aber erhört und keiner der Anwesenden wusste, was ich eigentlich für sie tat und welcher Gefahr sie durch mein stummes Flehen zu allen Göttern entronnen waren. Zumindest die Jungfrauen, die das wüste Moawiesungeheuer besonders gern hat. Weil nur eine Jungfer, die eine Einladung des Ungeheuers zum Essen annimmt, kann es erlösen. 

 

Der Dank

gilt immer den Gästen.

Denn es gebietet sich,

dass sie hinnehmen,

was ihnen geboten!

 

 

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2 Kommentare »

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  1. Das ist ein sehr schöner Text. Fau Roche kann sich ein Schäuferl abschneiden. Man tut ja immer so, als könne nur sie über schlazige und ungustiöse Flüssigkeiten schreiben.

  2. Merci pour le compliment. Jaja, die Charlotte meint, Schlaz gäbe es nur dort, wo es sie juckt. Dem ist halt nicht so.


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