Gstanzln, da Bua, des Dirndl, die Alm und die Liab in Bad Goisern

September 16, 2008 um 10:01 pm | Veröffentlicht in Allgemein, Bad Goisern | 5 Kommentare
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Anmerkungen zu Viezeilern und ihrer Bedeutung in unserer näheren Heimat

 

Irgendwann wird sie gefunden werden, die Höhle im Goiserertal, wo zur Steinzeit schon Mammutjäger hausten, die ihre Fellmützen mit Mammutbärten schmückten. Und in dieser Höhle wird man neben einem in den Felsen geritzten Mammut diese Schriftzeichen finden:

„Mammut, Ugudada,

Naga, da sudada,

Nogoro, go roro,

Jagr kogolo, do.”

Dies war das erste Gstanzl in meiner Heimat und wenn man es einst gefunden haben wird, steht fest, dass die Gstanzln die älteste, bis heute erhaltene, kulturelle Tradition sind, die wir in den Alpen kennen.

Übersetzt heißen obige Zeilen in etwa:

„A Mammut hob i daschlogn,

S’woa gonz schwa hoam zum trogn,

Nix gnutzt hot des Beten,

Ihn Jaga hots z’treten.“

 

Dieses Gstanzl wurde in der damaligen Mundart geschrieben, wie sie heute noch in der jeweiligen regionalen Mundart – goiserisch, gosauerisch, ausseerisch, ebenseerisch usw. – gedichtet, manchmal auch aufgeschrieben und vor allem gesungen werden. Von Generation zu Generation werden sie mündlich weitergegeben und beschreiben heute wie damals den Alltag der kleinen Leute in unseren Tälern. Beschrieben wird in ihnen und durch sie alles, was unser Leben ausmacht, Liebe und Verzweiflung, Trauer und Freude, Sehnsucht und Erfüllung, Leben und Tod und immer wieder die Sehnsucht nach dem Berg, dem Dirndl und dem Buam, deren romatischen Absichten die Obrigkeit in Form des Jägers oft durchkreuzen will. Meist aber bleiben er, der kleine Mann, und sie, die kleine Dirn, die Sieger, weil die Liab und die Sehnsucht und die Leidenschaft kann keiner aufhalten, wenn sie echt sind.

 

Was ist nun ein Gstanzl? Das Wort dürfte von italienisch stanza, die Strophe, abstammen. Die freie Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ beschreibt diese Kunstform so: Gstanzln werden vielfach aus dem Stegreif gesungen, in der jeweiligen Mundart gedichtet und vorgetragen. Gute Gstanzlsinger können stundenlang vortragen, ohne sich zu wiederholen. Von der Dichtform her gesehen handelt es sich um Vierzeiler, die häufig in der Form abab oder aabb vorkommen, aber oft auch gar keinen Reim haben, wie die sogenannten Nonsensreime („In Emsee homs a Howossa ghobt, d’Fisch hom von de Bam owagsogt, fürchtet Euch nicht, oba fürchtet Euch nicht“). Musikalisch unterscheiden wir die dazugehörige Melodie des „Landlers“ im 2/4 Takt und des „Steirers“ im 8taktigen ¾ Takt. Die Ausseer kennen dazu auch noch die Melodie des „Waldhansls“ im Walzertakt. Getanzt wird zum Gesang der entsprechende Tanz, der Landler, der Steirer oder der Boarische, wozu bei uns noch die Pernecker Quadrille (Mit’n Kopf zom, mit’n Oasch zom) kommt. Man kann auch umgekehrt sagen, dass zum entsprechenden Tanz die entsprechende Melodie gesungen wird, samt den dazugehörigen Gstanzln. Der wissenschaftliche Überbegriff für das Gstanzl und Kollegen ist „Schnaderhüpfl“, ein Wort, das also auch Gsangl, Gsätzl (Niederösterreich), Stückln, Schnaderhackn (Bayern), Stieglhupfa (Salzburg) oder Lumpenliedli (Schweiz) umfasst.

 

Bis zum 19. Jhdt. dürften die Gstanzln nur mündlich weitergegeben worden sein. Denn schriftliche Aufzeichnungen der Texte sind erst ab diesem Zeitpunkt zu finden. Eine endgültige Aufzeichnung aller Gstanzln wird aber immer unmöglich sein, weil es erstens unzählig viele in unendlich vielen Variationen sind. Und weil zweitens das Gstanzl ein lebendes Kulturgut ist. Im Wandel der Zeit kommen auch heute immer noch neue Gstanzln zu den alten hinzu, neue Lebenssituationen, neue soziale Gegebenheiten und neue wirtschafliche Umstände beschreibend. Es ist eine sehr demokratische Gedichtform, ein jeder kann eine neue Strophe hinzufügen, unabhängig von Rang oder Namen, so wie man auch keinen Rang oder Namen verschonen musse. 

 

Ich habe in meiner Jugend meinen ersten Volkstanzkurs im Saal des katholischen Pfarrheimes gemacht. Gehalten wurde der Kurs vom großartigen Lois Neuper, ein Lehrer, wie man ihn sich beim Volkstanz nur wünschen kann. Er schaffte es auf unnachahmliche Weise, seine eigene Freude am Tanz auf uns zu übertragen und uns dafür zu begeistern, uns, die wir im Radio nur die Beatles und Stones hörten. Danke Lois! Du hast mir etwas Wunderschönes für mein ganzes Leben gegeben. Wie es beim Erlernen des Steirers so ist, muss man dazu auch die richtigen Gstanzln lernen. Das erste Gstanzl, das ich jemals sang, war „Jetzt schmeiß i mein Huat in Bo – und schwimm eam söwa no -, wei mi mei oida Schotz – a neama mog.“ Das ist eigentlich ein recht pessimistisches Gstanzl, das da ein verlassener Bua singt und das jene Lösung beschreibt, die der Goiserer leider oft für seine Probleme anwendet. Wohl an die tausend Mal habe ich diese Zeilen gesungen, an die tausend Mal dazu eine schöne Maid im Takt gedreht, mit ihr das „Fensterl“ und das „Busserl“ geformt und ca. 900 Mal habe ich danach meinen Hut in den Bach schmeißen müssen. Aber „kein Schweiß ohne Preis“, das war damals unser Motto und ist es hoffentlich für die Jugend von heute noch. Ich liebe es jederzeit in geselliger Runde Gstanzln zu singen, und zwischen den einzelnen Strophen nicht zu paschen, weil halt mein Rhythmusgefühl ein anderes ist, als das der Anderen. Und wenn man nicht paschen kann, sollte man es auch nicht tun, so macht man sich beliebter als umgekehrt und darf beim nächsten Mal wieder dabei sein.

 

Eines meiner Lieblingsgstanzln ist dieses: „I bin a lustiga Tonza – I tonz übaroi – Und in Kaisa sein Soi – Tonz i a no amoi“. Jawohl, das sind die richtigen Zeilen für einen Goiserer, der dem Kaiser nicht nur bei der Jagd die Stirn bietet, sondern auch beim Tanz, auf seinem, angeblich des Kaisers eigenem Grund. Und ich habe tatsächlich einmal in seinem Saal getanzt, in Wien, im Fasching, in der Hofburg. Ihr habt nichts versäumt. Sehr feun war es mit feunen Damen und Hörren und stinklangweilig. Ich ziehe jederzeit den Gesangsvereinsball in Goisern einem Ball in der Hofburg vor, obwohl – das Buffet war gratis und nicht schlecht. Aber mit Besenstielen kann man schlecht tanzen und die Differenz zwischen dem Humor der feunen Wiener und unserem – insbesondere im Fasching – möchte ich Klavierspielen können.

 

Bleibt noch die Frage offen, welche Gstanzln es denn nun gibt. Wie schon gesagt, Gstanzln gibt es für jedes Gefühl, wobei das Verliebtsein bevorzugt wird und für jede Alltagssituation, wo die Wilderei ein sehr prominentes Thema bildet. Eine gut verwendbare Einteilung habe ich in dem schönen Buch von Herbert Seiberl und Johanna Palme, „Gstanzln aus dem Salzkammergut – 730 Vierzeiler“ gefunden. Das Buch ist zwar auf die ausseer Volkskulturlandschaft abgestimmt, ist aber auch für Salzkammergütler diesseits des Pötschenpasses sehr nett und lehrreich zu lesen. Die Gstanzln, die ich nun zitiere und wenn nötig auf Goiserer Verhältnisse abwandle, stammen aus diesem Buch, eigentlich aber aus einer jahrhundertalten Überlieferung. Ich selber teile die Gstanzln anders ein als diese Autoren. Zum Beispiel in

1. schräge: Oba Goisan is a lustigs Toi – Still ruht der See. – Gestern homma Griaßnocka ghobt    – Fürchtet Euch nicht.

2. sozialkritische: An Hosn hob i gschossn – Und an zodatn Bock – Für mei Weib zu an Kidl – Und für mi zu an Rock. Offensichtlich war der Sänger so arm, dass er wildern gehen musste, um seine Familie zu kleiden.

Und an Schützn homs gfonga – Und i trau ma’s nit z’sogn – Der hot vorigs Joahr no – In Schulerpack trogn. Auch Kinder mussten durch Wildern schon zum Lebensunterhalt der Familie beitragen.

3. explicit sexuelle: s’Diandl in da Gosaumühl – Laßt in Buam, wonn er will. – Laßt in Buam übersteign – Über ihr Geign. Oder Daß im Woid finsta is – Mochn de Äst. – Und dass d’Fut koane Zähnd nit hot – Des is des best. In der Gosaumühl’ müssen wohl einst mehr Menschen gewohnt haben als heute und lustig muss es dort zugegangen sein. Schade darum. Im zweiten Gstanzl kommt die ewige Angst des Mannes vor der „Vagina Dentata“ zum Vorschein, vor der auch der mutigste Goiserer nicht verschont zu sein scheint. Da macht so ein Lied frei. Kraftvoll und voller Lebenslust sind diese Art von Gstanzln, welche von aktiven Menschen mit einer ungezwungenen Sexualität gesungen wurden. Heute sind sie im Wirtshaus schon fast verschwunden, zu groß war der Einfluß von braven christlichen Lehrern auf die „saubere“ Volksmusik. Wenn ich solche Leute manchmal treffe und spreche, denke ich mir, die vermehren sich durch einen Händedruck. Vielleicht sollten sie wieder mehr alte Weisen singen.

4. Wilderer, Gemsen, Jäger: Grauft hamma, Wildbrat gstohln – Mentscha g’liabt auf da Alm – Gams gschossn in Gebirg – Alles is probiert. Hier ist das männliche alpine Leben, wie es einst war, beschrieben. Raufen, schiessen, lieben – Hemingways gesamtes Werk in einen Vierzeiler verpackt. D’Jagern und d’Hund – Und die langen Stecka – Die kinnan ins kreizweis – In Bugl lecka. Wie es sich gehört für den kleinen Mann, keinen Respekt vor der Obrigkeit. Hätte er alle Vorschriften eingehalten, wären er und seine Familie wahrscheinlich verhungert. Heute habe ich ähnliche Strophen schon gehört, wo der Jaga und sein Hund durch die EU ersetzt werden.

5. Die Alm: s’Diandl in da Alm – tuat an Juhschroa, an halbn – Und den halbn tuat da Bua – Za da Hüttn herzua. Dort obn auf da Alm – Steht a greane Feichtn – Durt gengan die Buam – Zu da Sennarin beichtn. Die Alm, sie ist in den Gstanzln immer der Mittelpunkt des Gspusis, von der Liab, von der Zuneigung zwischen Bua und Dirndl, zwischen Wildschütz und Sennerin. Leider singt keiner etwas über das Elend, das die Sennerinnen befiel, wenn sie schwanger und allein gelassen wurden. Nicht nur vom Kaiser. Ohne Alm geht beim Gstanzlsingen gar nichts, sie ist ein Muss.

6.Ort gegen Ort: Ischla Buam rigelts enk – Goisara Buam prügln en -, nehman Eich d’Menscha weg – und es hobts an Dreck. Zahllose solche Gstanzln gibt es, die die ehemalige? Rivalität zwischen den einzelnen Orten des inneren Salzkammergutes aufzeigen. Manchmal vergleichbar mit dem Brunftschrei eines Hirsches, der den Gegner von der feschen begehrten Jungfer verscheuchen will.

7. Und über allem schwebt die Liebe:

Du broatoaschats Diandl – Di hab i so gern – Und i kinnt wegn dein Broatoasch – Glei a Häuslbrett werdn. Oba Diandl, du liabs – Wonnst du amoi stirbst – Wirst ma du amoi krank – Leb i a neama lang.

Schener Bua, liaba Bua – Kemma muasst überzua – kemma muaßt dann und wann – D’Zeit wird ma lang. Lustig is schon – Wann die Nachtigall singt – Aber lustiga noh – Bald mei rechta Bua kimmt. Wunderschön wird hier die Sehsucht beider Geschlechter nach den anderen beschrieben. Hunderte, wenn nicht tausende Gstanzln beschreiben diese Sehnsucht. Manchmal in zarten Worten, manchmal mit recht derben, aber immer von der wahren Liab getragen. Das gilt bis heute.

Und mir bleibt mir nur noch, eine Einladung zu unserer Landesausstellung in Bad Goisern auszusprechen:

Kehmts her do noch Goisan,

Unsa Ausstellung woat.

Und von enk zu uns her

Is nua a kurz’ Foahrt.

                                                                                                       

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5 Kommentare »

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  1. Ein wunderbarer Artikel. Man erfährt viel über Land und Leute und wie sie heute leben. Weniger Sex also und mehr Sozialpolitik. Kein Wunder in diesen Zeiten der Teuerung und der Börsenkrachs.

  2. Dieser Gstanzl-Artikel wurde von der Zeitschrift „Leben im Salzkammergut“ in die Septemberausgabe übernommen. Ich freue mich.

  3. hallo!!

    Also ich bin auf diesen Artikel gestoßen, da ich eigentlich das Lied „Mit`n Kopf zom, mit`n Oasch zom!“ , für Fasching gesucht hätte, da ich eine Tanzgruppe mit der Steirischen begleiten soll!!

    doch ich finde diese lied nirgends, vielleicht könnten sie mir behilflich sein, un dmir den Text zukommen lassen oder die melodie???? Wäre super!!!

    Lg ingrid und der Artikel ist echt super!!!

  4. Der Vergleich mit Hemingway gefällt mir und alles andere auch.
    freundliche Grüße sendet Ml50ff

  5. 99, while the Sansa Clip+ has an entry price of $39.
    Just a few evenings ago we were at a meeting with other volunteers to find
    out more about RSVP: the Retired Senior Volunteer Program.

    If we relate to the recession with fear, then it will
    close us down further.


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