Welterbe und Hiebe, Schule ohne Liebe – wie ich sie sah

Oktober 7, 2008 um 6:30 pm | Veröffentlicht in Bad Goisern | Hinterlasse einen Kommentar
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Die Welterbehauptschule jetzt und anno dazumal

 

Warum diese Schule Welterbestatus erreichte, hat mir bis heute noch niemand erklären können. Ich vermute, dass es an der kühnen, für die Nachwelt aufzubewahrenden Architektur liegt, wie es z.B. auch bei der Akropolis in Athen der Fall ist. In Goisern wurde nämlich die so genannte Schuhschachtelarchitektur entwickelt. Im Kern besteht diese darin, dass man ein Gebäude in der Form einer Schuhschachtel erbaut und mit Fenstern und Türen versieht. Man kann auch mehrere Schuhschachteln bauen und sie dann in einem beliebigen Winkel zusammensetzen. Im Falle der Hauptschule 1 hat man drei Schuhschachteln so zusammengesetzt, dass man an ein umgekehrtes L oben rechts noch eine Schachtel anbaute und zwar im rechten Winkel. Da auch der untere Strich des L, der nach links zeigt, im genauen rechten Winkel angefügt wurde, besteht das Gebäude aus zwei rechten Winkeln, hat also 180 Grad.

 

In der Fachsprache heißt diese Architektur „Der Doppelrechte“, Laien bezeichnen sie als „Das 180er L“. Es war eine in der Welt einmalige architektonische Sensation, als die Schule gebaut wurde. Weitere Beispiele dieser großartigen Architektur der Schuhschachtel sind in Goisern der Anbau an die Goiserermühle und das Altersheim am Marktplatz. Hoffentlich werden noch viele solche Gebäude errichtet. Der eine oder andere Supermarkt in Goisern hat schon abgekupfert. Bald ist ganz Goisern ein einziger rechter Winkel. Der Hallstättersee, der ja bekanntlich zu einem großen Teil zu Goisern gehört, schaut schon ein wenig so aus.

 

Den Welterbestatus könnte die Schule aber auch deshalb erreicht haben, weil sie die vergangenen brutalen Erziehungsmethoden, unter denen ich noch so viel litt, überwunden hat.

 

 Als ich in diese Schule ging, hatten wir beinahe jedes Jahr einen neuen Direktor. Es war damals Brauch, kurz vor seiner Pensionierung jeden Lehrer schnell noch einmal Direktor werden zu lassen. So kam es, dass nicht immer die am besten qualifizierten Pädagogen die Schule leiteten. Der eine war z.B. ein ehemaliger SSler, der aber nach dem Krieg zum braven Sozi konvertierte, so dass seinem schulischen Werdegang nichts im Wege stand. Leider hatte er aber seine frühere Ausbildung nicht ganz vergessen. Von der erhaltenen Ohrfeige will ich gar nicht reden. Aber wenn einer von uns sich im Turnunterricht unbotmäßig benahm, musste er durch die „Gasse“ laufen. Dazu mussten die Mitschüler sich links und rechts aufstellen, eine Gasse bildend und der Übeltäter musste durch diese Gasse laufen. Die Mitschüler waren aber mit festen Bändern ausgerüstet, mit denen sie den Laufenden während seines Laufes auf den Rücken oder die nackten Beine schlagen mussten. Das tat einigermaßen weh. Die Schmach aber war größer als die körperlichen Schmerzen, weil natürlich alle schlagenden Schüler über den Geschlagenen lauthals lachten, der manchmal den Tränen nahe war. Das war eine Gaudi, ein Spaß für Lehrer und Schüler.

 

Erst viel später habe ich einmal in einem Film gesehen, dass diese Art zu strafen eine Methode der Wehrmacht oder der SS war, die natürlich nicht Bänder sondern Stöcke verwendeten. Gelernt haben die Schüler aus dieser brutalen Methode, dass es eine Gaudi sein kann, wenn man gemeinsam einen Mitmenschen quält. Und die Geschlagenen haben gelernt, dass sie mitlachen müssen, wenn sie gequält werden, weil sie sonst Spielverderber sind. Dieses Gelernte nahmen viele ins Erwachsenenleben mit. Die kollektiven Quälereien eines nur ein wenig von der Lederhosen-Norm Abweichenden sind zwar subtiler geworden. Der Gequälte lacht aber immer noch über seine Qualen, das ist ihm zur zweiten Natur geworden. Er lacht so lange, bis er sein eigenes Lachen nicht mehr erträgt und zur „Goiserer Krawatte“ greift, sich also aufhängt. Der Ausdruck „Sich-zu-Tode-Lachen“ hat hier seine wahre Bedeutung gefunden.

 

Ein anderer Lehrer schlug meinen Sitznachbarn mit der Hand so stark auf den Hintern, dass dieser Nierenblutungen erlitt. Nur deswegen wurde er vielleicht nicht Direktor.

 

Da war auch so ein komischer eingebildeter Typ aus Ischl, der Direktor wurde. Meiner Erinnerung nach war seine größte Qualifikation die, dass er einmal das Schloss Versailles besuchte. Weil so weite Reisen damals noch selten waren, galt er bei Lehrerkollegen und Eltern als großer Historiker. Und immer wieder fragte er uns im Geschichtsunterricht, wie denn der schönste Saal im Schloss Versailles hieße. „Der Spiegelsaal“ mussten wir jedes Mal antworten. Ich verbrachte einmal einen wunderschönen Tag mit meiner brasilianischen Freundin und anderen hübschen und klugen Südamerikanerinnen in Versailles. Doch jedes mal, wenn das Wort Spiegelsaal fiel, musste ich an diesen Direktor denken. Mein Jugendtrauma überlagerte sogar die Schönheit und Charme und Witz dieser wunderbaren Frauen. Das verzeihe ich ihm nie. Andererseits habe ich dafür in Versailles schönere Busen gesehen, als Ludwig der XIV. jemals sah oder wie sie sich der Direktor aus Ischl auch nur erträumen konnte und das entschädigt mich wieder ein wenig. So ein Picknick im Garten von Versailles ist schon etwas Tolles.

 

Ein weiterer Lehrer, der Direktor wurde, hatte mich schon in der Volksschule geschlagen. Sein beliebtestes Schlaginstrument war der Geigenbogen, den er dem kleinen Schüler mit einem festen Schlag über die ausgestreckten Hände zog. Das schmerzte sehr. Weh muss auch die Ohrfeige getan haben, die einen anderen Schüler quer durch das Klassenzimmer fliegen ließ. Man muss sich das einmal vorstellen. Wir waren sieben oder acht Jahre alt und keiner von uns war fähig auch nur im Entferntesten etwas so Böses tun, dass er eine solche Strafe irgendwie verdienen konnte. Kein Kind auf der ganzen Welt verdient eine solche Tortur. Eine seiner üblichen Strafen bei bloßer Unaufmerksamkeit war auch, den Schüler an den kurzen Haaren gleich neben dem Ohr zu ziehen, bis ihm die Tränen in die Augen schossen oder ihn überhaupt gleich an beiden Ohren aus dem Sitz zu heben.

 

Da die meisten unserer Lehrer ohne solche Methoden auskamen, es sich also keineswegs um eine übliche Erziehungsmethode handelte, dürfte schon eine gewisse Lust am Sadismus – an Kindern! – mitgespielt haben. Heute käme so ein Mann wahrscheinlich ins Gefängnis, damals durfte er noch Direktor an der Hauptschule werden. Der Mitschüler, der damals durch die Klasse flog, saß später im Gemeinderat seinem Übeltäter gegenüber. Wie er mir erzählte, habe er dessen Ohrfeige nie vergessen. Und so habe er bei den Sitzungen des Gemeinderates immer daran gedacht, seinem ehemaligen Lehrer vor versammelten Publikum auch eine Ohrfeige zu geben. Schlussendlich habe er aber darauf verzichtet, er wollte sich nicht auf dieselbe Stufe stellen. Vergeben aber habe er im nie gekonnt. Dennoch halte ich seinen Verzicht auf Vergeltung für menschliche Größe.

 

Ein anderer, der zu meiner Zeit zum Direktor aufstieg, war früher NSDAP-Ortsgruppenleiter gewesen. Uns Kindern gegenüber war er aber eigentlich recht nett und freundlich. Er soll sich auch in jener unseligen Zeit anständig benommen haben, soweit man sich in dieser Position so benehmen konnte. Ich habe jedenfalls nie etwas Schlechtes über ihn reden gehört.

 

Dass meine bzw. unserer Schulerziehung nie liberal oder weltoffen war, lässt sich aufgrund obiger Personen in führender Position leicht nachvollziehen. Da ich ein sehr guter Schüler war, musste ich mich eigentlich nur selten vor der Schule fürchten. Aber ich habe einmal einen Mitschüler beobachtet, der bereits vor Beginn des Unterrichtes aus lauter Angst vor dem Lehrer zu weinen und laut zu beten begann.

 

Da das, was ich gerade oben beschrieb, an der Hauptschule 1 nicht mehr passiert, fähigere Pädagogen das Ruder übernahmen und unselige Zeiten überwunden wurden, kann man ihr schon ein Prädikat verleihen. Um aber wirklich etwas zu vererben zu haben, muss sie noch hart arbeiten. Wie heißt es im Faust so schön? Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen“. Wohlan denn, nützt den Augenblick und erschafft – Respekt vor der Menschenwürde, Toleranz und Weltoffenheit!

 

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