Eine goiserer Badehose wird auch in Paris nicht fallen gelassen

Oktober 21, 2008 um 5:42 pm | Veröffentlicht in Bad Goisern | Hinterlasse einen Kommentar
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„Einmal in meinem Leben will ich die große Welt sehen“, sagte Franz – ein anderer Franz, nicht der Autor dieser Zeilen – „ich kaufe mir ein Interrailticket und fahre quer durch Europa“. Franz war damals 20 Jahre alt und hatte Paris noch nicht gesehen. Und so war es nur natürlich, dass auf seiner Europareise eine seiner Stationen diese schöne Stadt an der Seine war. „Pass auf, wenn du nach Paris kommst“, hatte man ihn gewarnt, „dort versteht man kein Goiserisch, dort sind nur Ausländer.“ Franz glaubte dies jedoch nicht, weil überall, wo er bisher war, in Herndl, in St. Agatha, in Posern, in Lasern und sogar in der Gosau hatte man ihn verstanden. Warum also nicht auch in Paris? Und so fuhr er los mit der Eisenbahn. Über Anzenau, Lauffen, Bad Ischl, Attnang-Puchheim in die weite Welt. „Weit abgelegen ist die Welt schon“, dachte er manchmal auf seiner Reise. Aber schließlich erreichte er doch Paris.

 

Als er an einem Samstag in einem der internationalen Bahnhöfe in Paris ankam und den Zug verließ, war es mitten in der Nacht. Hotel hatte er keines gebucht und so entschloss er sich, die Nacht gleich auf dem Bahnhof zu verbringen, in der Früh im Bahnhofrestaurant zu frühstücken und dann Paris zu erobern. Unter anderem wollte er unbedingt den Eiffelturm sehen, der sollte noch höher sein, als einer der Kirchtürme in Goisern. Und das Kaufhaus Lafayette sollte noch größer sein als der Konsum in Goisern, einfach unvorstellbar. Im Wartesaal zog er sich aus bis auf die Badehose und eine dünne Jacke mit Kapuze. So legte er sich in den Schlafsack, den er auf dem Boden ausgebreitet hatte bettete sein Haupt auf seinen Rucksack und schlief ruhig und voller Freude auf den kommenden Tag ein. „Bitte lieber Gott, mach, dass der Eiffelturm wirklich größer ist als einer der Kirchtürme in Goisern und lass mich eine fesche, nicht allzu große Pariserin kennen lernen, die mich lieb hat“, betete er noch bevor ihn Morpheus Arme umfingen.

 

Als er am nächsten Tag, einem nasskalten Sonntag, aufwachte, rieb er sich fest die Augen und wusste zuerst gar nicht wo er war. Er blickte um sich und sah viele andere, die im noch im Schlafsack schliefen und in verschiedenen Sprachen schnarchten. Als er das Schild sah „Bienvenu in Paris“, erinnerte er sich, er war in Paris. Er kroch aus dem Schlafsack und wollte in seine Hose schlüpfen. Aber die war nicht da. Er suchte unter dem Schlafsack, da war sie nicht, er suchte an allen Seiten des Schlafsackes, da war sie nicht, er suchte im Rucksack, der Rucksack war vollkommen leer. „Ich bin ausgeraubt, bestohlen“, schoss es ihm durch den Kopf. Schnell fuhr seine rechte Hand unter seine Jacke. Gott sei Dank, der Reisebeutel, den er um den Hals gehängt hatte und der sein Geld und seinen Pass enthielt, war noch da. Da stand er also mitten im Wartesaal, barfuss in Badehose und Jacke, mit einem leeren Rucksack, etwas Geld und einem Schlafsack.

 

Franz, ein ewiger Optimist, freute sich. „Endlich ein Abenteuer“, so sprach er zu sich. „Will einmal sehen, wie man Paris in der Badehose erlebt“. Er packte seinen Schlafsack in den Rucksack und marschierte munter los. Und das Glück war ihm hold. Im Schalterraum standen seine Cowboystiefel einsam und verlassen herum. Sie waren dem Dieb wohl zu klein gewesen und er hatte sie weggestellt. Franz schlüpfte hinein und war zufrieden. Weil Paris barfuss zu durchmessen, das wäre doch recht anstrengend und schmerzhaft für die Füße gewesen.

 

Sein nächster Gedanke war, eine Hose zu kaufen. Er schritt hinaus aus dem Bahnhof und hinein ins Paris der Kaufhäuser und Modegeschäfte. Leider musste er feststellen, dass auch in Frankreich die Geschäfte am Sonntag geschlossen waren. Und so marschierte er von Strasse zu Strasse, von Geschäft zu Geschäft, bis hin zu Champs Elysées. Aber auch dort waren nur die Kaffeehäuser offen. Als er sich in eines dieser Kaffeehäuser begab, lässig, mit Badehose und Stiefeln bekleidet, sahen ihn sogar die an vieles gewöhnte Pariser erstaunt an, sagten aber nichts. Ein hübscher junger Mann sprach ihn an und Franz verstand ihn nicht. Aber er konnte ihm mit Händen und Füssen und mit Gesichtsmimik erklären, dass er bestohlen worden sei und dringend eine Hose suche. Der junge Mann bedeutete ihm ebenfalls mit Gebärden, er könne ihm helfen. Franz solle nur mit ihm nach Hause kommen, dort würde er ihm eine Hose schenken. Die Wohnung des Franzosen war nicht weit weg und so folgte ihm Franz gerne in seiner hübschen, kleinen Badehose. Seine Cowboystiefel klapperten auf dem Asphalt wie Stöckelschuhe.

 

Als sie in der Wohnung angekommen waren, gab der junge Mann seine wahren Absichten zu erkennen. Voller Hoffnung war er. Was sollte er auch denn von einem anderen jungen Mann denken, der in einer knapp sitzenden Badehose und Stiefeln durch die Pariser Straßen schlenderte, als dass er auf Männerbekanntschaft aus war. Jetzt bereute Franz es sehr, nicht mit Goisererschuhen vom Steflitsch gereist zu sein. Weil Nägel an den Schuhen, die hätten vielleicht doch seine Heterosexualität hervorgehoben. Und ein Hut mit Gamsbart hätte auch nicht geschadet, weil mit so einem Hut bleibt man auch in Badehose immer noch ein „richtiger Mann“. So aber war er den eindeutigen Interessen seines Franzosen ausgeliefert, der nun versuchte, zärtlich zu werden. Franz entschlüpfte ihm und lief um das Bett, das im Zimmer stand. Der Franzose hinterher. Franz wurde immer schneller und sein Verehrer auch. Dieser wurde durch das Rennen um das Bett immer wilder und begehrte nach jeder Umrundung des Bettes Franz mehr, dessen knackigen Po in der Badehose er bei dieser wilden Jagd stets vor sich hatte. Schließlich konnte Franz nicht mehr. Er blieb stehen und streckte dem jungen Mann aus Frankreich voller Verzweiflung die geballten Fäuste entgegen. Diese Geste ist international und eindeutig. Boxen wollte der Franzose nicht und so gab er sein Liebeswerben auf.

 

Keuchend einigten sich die beiden auf eine weiße Hose aus dem Schrank des schönen jungen Mannes und Franz zahlte 50 Francs dafür. Dann verließ er das Haus seines Verehrers und sah sich fröhlich pfeifend Paris zwei Tage lang an. Er reiste anschließend mit der Bahn noch durch andere Länder, wobei er aber wie ein Haftelmacher auf seine Hose aufpasste. Noch so ein Liebesabenteuer wollte er nicht erleben, da war ihm eine resche Goiserin schon lieber.

 

Heute ist Franz ein angesehener Geschäftsmann in Bad Goisern und verkauft unter anderem auch Hosen. In einem Geheimfach in einem seiner Schränke bewahrt er aber die weiße Pariser Hose auf. Und oft steht er nachts auf , nimmt diese Hose aus ihrem Versteck, denkt wehmütig zurück an das schöne Paris, an seinen Lauf um das Bett und fällt dann auf seine Knie um Gott zu danken, dass er ihm damals seine Unschuld bewahren ließ und in Goisern zur schönen Zenzi führte, die ihn am liebsten ohne Badehose mag.

 

 

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