Wie man aus Löchern im Kopf nichts lernt

November 17, 2008 um 6:57 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 5 Kommentare
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Knopfert und unbelehrbar oder „Essay über den Goiserer Dickschädel“

 

Ich war umgezogen und gab zur Einweihung meiner neuen Wohnung eine Party. Fast alle meine Arbeitskollegen waren gekommen, nur Liz nicht. Ich hatte sie nicht eingeladen, weil ich am Tag zuvor Streit mit ihr hatte. Jetzt, wo die Party losging, tat es mir leid, es war aber nicht mehr zu ändern. Aus meiner männlichen Logik heraus war ich ihr aber dennoch böse, dass sie nicht gekommen war. Es war eine so genannt Bottleparty, wie sie wohl in tausenden Wohnungen an jedem Samstag in Johannesburg stattfanden. Zu einer solchen Party musste man nur die Wohnung zur Verfügung stellen, Erdnüsse, ein paar Basisgetränke wie Bier oder Gin besorgen und gute Musik auflegen, den Rest brachten die Gäste selbst mit. Jeder nahm die Getränke mit, die er oder sie selbst am liebsten tranken. Die Flaschen wurden dann auf die Bar und den Tisch gestellt und jeder durfte sich davon nehmen, soviel er wollte. Je mehr starke Getränke dabei waren, um so schneller wurde die Party ausgelassen. Und so gelang es mir an diesem Abend auch ohne Liz fröhlich zu werden.

 

An alles hatte ich gedacht, Bier, Gin, Erdnüsse, Schokoladekekse, Soletti und eine LP von Neil Diamond, wie es meine plicht als Gastgeber war. Nur auf Zigaretten für mich selbst hatte ich vergessen. Die halbe Packung die ich bei mir hatte, war schnell ausgeraucht. Helmut der Schnorrer, der von meiner Party gehört hatte, kam uneingeladen und wie immer nur mit einer fast leeren Flasche Whiskey. Auch sein Zigarettenpäckchen enthielt regelmäßig bei solchen Veranstaltungen nur zwei Zigaretten, ansonsten schnorrte er sich den ganzen Abend durch. Daher war auch mein kleiner Vorrat schnell aufgebraucht. Der nächste Zigarettenautomat befand sich im „House Tyrol“, in einem österreichischen Restaurant in Hillbrow, fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt. Nun ja, das ist für einen Raucher ohne Zigaretten keine Entfernung. Ich verließ also die Party und eilte durch einige Gassen hinauf nach Hillbrow. Dort, auf der Hauptstraße, nicht weit vom „House Tyrol“ entfernt, befand sich das „Café Wien“, das von einer Goiserin geleitet wurde. Vor dem Café war ein Menschenauflauf. Ich stoppte in meinem eiligen Schritt und gesellte mich neugierig dazu. In der Mitte des aus Menschenleibern gebildeten Ringes sah ich zwei Männer raufen. Eigentlich war der Kampf schon zu Ende. Einer lag regungslos am Boden der andere sprang ihm mit beiden Füßen in den Bauch und trat ihm ins Gesicht, mit keiner erkenntlichen Absicht, damit bald aufzuhören. Die Zuseher blieben ruhig und warteten – worauf wohl? Vielleicht, dass endlich auch Blut floss? Ich war erst seit kurzem in Johannesburg und wusste daher nicht, dass man ein allsamstägliches Ereignis, eine Schlägerei, beobachtete. Und da mischte man sich nicht ein. Mir jedoch, dem klugen, starken und unendlich mutigen Goiserer schien es, als würde der am Boden liegende bald sterben, wenn den mit den Füßen Tretenden nicht endlich jemand zurückhielt. Ein Kopf ist ja ein relativ empfindliches Ding. Und so tat ich, was ich tun musste, ich teilte den Menschenring, stürzte mich auf den Tretenden und zog ihn von seinem Opfer zurück.

 

Der so in seinem Vergnügen gestörte begann aber jetzt mich zu attackieren und ich wehrte mich. Aber nur kurz. Denn in der Zwischenzeit hatte schon jemand die Polizei informiert und diese war rasch an den Ort des Geschehens geeilt. Und ohne lange zu fragen, wie es in Johannesburg bei solchen Gelegenheiten üblich war und wahrscheinlich noch ist, schlugen sie mit ihren Stöcken vorsichtshalber einige Male fest zu bevor sie Fragen stellten. Diese Stöcke sind aus besonders hartem Holz gemacht, mein Kopf nicht. Und da ich einige Male am Kopf getroffen wurde, fiel ich bewusstlos um.

 

Als ich wieder munter wurde, saß ich blutüberströmt auf der Polizeiwache. Niemand hatte daran gedacht, mich auch nur provisorisch zu verbinden. Obwohl drei Löcher in meinem Schädel klafften. Schwankend näherte ich mich dem Beamten hinter dem Schalter und brachte ihm in meinem damals noch gebrochenen Englisch bei, dass es eine gute Idee wäre, mich in ein Spital zu bringen, weil ich sonst verbluten würde. Irgendwie haben ihn meine Argumente überzeugt, weil, als ich aus meiner neuerlichen Ohnmacht erwachte, lag ich in einem Spitalsbett mit verbundenem Kopf. Dabehalten wollte man mich nicht und schickte mich nach Hause. Wie ich da wieder hingekommen bin, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich mit einem Taxi. Von der Polizei habe ich nie wieder gehört.

 

Es war zwar schon frühmorgens, aber die Party war noch lustig im Gange, fast alle Gäste waren noch da. Ich hatte keinem gefehlt, jedenfalls waren alle überrascht, mich plötzlich mit Kopfverband zu sehen. Als ich mein Abenteuer erzählte, begannen die alteingesessenen Immigranten lauthals zu lachen. Wie konnte ich nur so dumm sein, mich in so einen Kampf einzumischen. Ich war enttäuscht, fühlte ich mich doch als Held, der ein Leben gerettet hatte und als ein Opfer der Polizei. Mit der Ansicht war ich aber allein und so blieb mir nichts übrig, als auch weiterzufeiern. Zigarettenmäßig schnorrte auch ich mich diesmal durch, denn noch einmal wollte ich die Wohnung in dieser Nacht nicht verlassen. Irgendwann schlief ich dann auf der Couch ein, die letzten Gäste dürften mich so gegen Mittag verlassen haben.

 

Der nächste Arbeitstag war nicht lustig. Ich hatte den Verband abgenommen und musste feststellen, dass mein Schädel zur Gänze rasiert war. Die drei Löcher waren mehr oder weniger sorgfältig zugenäht worden, die Fäden hatte man aber nur sehr schlampig abgeschnitten, so dass die Reste wie Bürstenhaare von meinen Wunden abstanden. Das gab ein Hallo als ich zur Arbeit erschien, wie man sich vorstellen kann. Bald aber wuchsen die Haare nach und Liz hat mir schlussendlich doch noch die Fäden zurechtgestutzt, so dass ich mich bald wieder in den Spiegel sehen konnte, ohne zu erschrecken. Liz war überhaupt nicht beleidigt, weil ich sie nicht eingeladen hatte. Sie hatte am Samstagabend einen netten Abend mit anderen Freunden im Kino, wie sie mir erzählte. So sind Frauen.

 

Was ich daraus gelernt habe? Eigentlich nichts. Noch immer stürze ich mich automatisch in die Menge, wenn ich einen Menschen in Not sehe und noch immer bekomme ich von Zeit zu Zeit – symbolisch gesprochen – eine über den Schädel, weil ich nicht zusehen kann. Es dauert heute nur etwas länger, bis die Wunden heilen. So muss halt ein jeder mit seinen Löchern im Kopf oder in der Seele leben, sein Binkerl tragen, wie man bei uns so sagt. Und verstanden habe ich die Zuseher bis heute noch nicht.

 

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5 Kommentare »

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  1. Ohje, ohje, ohje. Wenn Liz die Fäden nur abgeschnitten hat, anstatt herausgezogen, nehme ich an, dass sie inzwwischen in Deinen Kopf eingewachsen sind. Du solltest wieder einmal Deinen Kopf rasieren und nachsehen, ob die Fäden noch da sind.

  2. Fäden sind nicht da, aber 3 Riesenbeulen-Narben, die man noch ertasten kann und die jede Frau abschrecken.

  3. Aus Löchern kann man ja nichts lernen, das ist der Witz an der Sache. Es gibt auch wissenschaftliche Beweise dazu. Schau dir die Motte an, das genügsamste Tier der Welt, das nur Löcher frisst. Das ist völlig lernunfähig.

  4. Deshalb ist ja auch mein Lieblingstier der Bücherwurm

  5. Du sagst es, mir fehlt überhaupt der Welttag des Bücherwurms. Fressen, ohne dick zu werden, oder Genuss ohne Reue. Verdammt gutes Tier.


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