Die rotierende Milipitschn oder Frau Pfandl und ihre Familie

Dezember 9, 2008 um 7:27 pm | Veröffentlicht in Aus meinem neuen Buch | 1 Kommentar
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Frau Pfandl und ihre Familie

 

Wenn man auf der rechten Seite der Unteren Marktstraße ortsauswärts geht, Richtung Norden, kommt man an der Salzervilla vorbei. Nach der Salzervilla führt eine Straße zum Spar-Geschäft. Und gleich nach dieser Straße liegt das Grundstück und das Haus der Familie Pfandl. Früher war die Adresse „Goisern 52“, heute ist sie „Untere Marktstrasse 58“. Ging man früher noch weiter, passierte man das kleine Lebensmittelgeschäft von Frau Reindl, dann kam der Bauernhof des Loama (Leimer) Bachtl und das nächste Haus, das heute rosa gestrichen ist, war das Haus, in dem ich mit meinen drei Geschwistern aufwuchs, damals Goisern 181. Das Haus Goisern 182 gleich daneben, trug den Namen „Villa Rosengarten“ und gehörte der Familie Unterberger. Über die unvergessliche Barbara Unterberger und ihren klugen, schönen Töchter habe ich schon in meinem letzten Buch geschrieben. Wieder ein Stück weiter stand und steht noch heute das Haus der Familie Putz in dem das Installateurunternehmen dieser Familie damals schon untergebracht war und heute noch ist. Daran anschließend folgte der Bauernhof der Familie Hager. Ein weiterer Bauernhof, der von der Familie Pilz vulgo Binder befand sich gegenüber vom Loama Bachtl. Zählt man noch den „Brandtner“-Bauernhof der Familie Engelbrecht, etwas links hinter dem Binder, inmitten von einem großen Feld, dazu, dann wuchs ich umgeben von fünf Bauernhöfen auf.

 

In meiner Jugendzeit kaufte man die Milch nicht im Lebensmittelgeschäft, sondern direkt beim Bauern. Verantwortlich für das Milchholen waren immer wir Kinder. Soweit ich mich erinnern kann, war die Milchabholzeit am Abend, so zwischen 17.00 und 18.00 Uhr. Das war insbesondere zu Krampuszeiten für mich keine angenehme Zeit, da schon einige Tage vor dem 6. Dezember Krampusse herumliefen und böse Kinder suchten. So sagte jedenfalls mein Vater, um mich zu schrecken und brav zu halten. Gesehen habe ich um diese Zeit eigentlich nie einen Krampus, aber dafür oft den lauten, unheimlichen Ton gehört, den der eine oder andere Nachbarbub einem abgeschnittenen Kuhhorn entlockte. Meine Furcht, wenn ich diesen heulenden Ton in schon dunkler Nacht hörte, war ungeheuer. Später lernte ich, dass man den selben Ton auch dreißig Zentimeter abgeschnittenem Gartenschlauch entlocken kann und heulte mit einem fürchterlichen Ton zurück. Ob sich vor meinem Ton jemand gefürchtet hat, weiß ich nicht, hoffe es aber sehr.

 

Ich musste im Laufe meiner Kindheit bei allen fünf Bauern Milch abholen. Warum unsere Lieferanten wechselten, weiß ich nicht. Vielleicht hatte manchmal der eine Bauer mehr Milch und der andere zu wenig, weil er eine Kuh geschlachtet hatte, sodass es deshalb zum Lieferantenwechsel kam. Der Preis kann nicht viel Rolle gespielt haben, ich denke, ich habe überall für den Liter einen Schilling bezahlt. Jedenfalls, wenn ich an der Reihe war und nicht eines meiner Geschwister, drückte mir am Abend die Mutter die „Milipitschn“ (Milchkanne) in die Hand, dazu einen Schilling und schickte mich in die weite Welt um Milch zu holen. Am liebsten ging ich zur Frau Karoline Pfandl (1906 – 1972).

 

Die Pfandls hatten einen großen Bauernhof, dessen Lage ich schon oben beschrieb. Die Distanz zu unserem Haus betrug für einen Buben ca. drei Gehminuten. Damals betrat man das Pfandl-Haus durch ein an der Rückseite gelegenes hölzernes Vorhaus. In diesem Vorhaus standen die mit einem Liter Milch angefüllten Milipitschn von uns und unseren Nachbarn bereits auf einer Bank. Frau Pfandl selbst saß auch auf der Bank und erwartete ihre Kunden. Sie nahm den Schilling und die leere Kanne von mir entgegen und händigte mir die volle Kanne aus. Ich öffnete schnell den Deckel um nachzusehen, ob sich auf der Milch schon etwas Rahm gebildet hatte. Wenn ja, trug ich die Kanne ganz besonders vorsichtig nach Hause, damit der Rahm sich nicht wieder mit der Milch vermische. Denn zu Hause nahm die Mutter einen Löffel, schöpfte etwas Rahm ab und ich durfte ihn, weil ich heute besonders brav gewesen war, vom Löffel schlürfen. So ein Löffel Rahm war so ungefähr das Beste, was ich mir an Genuss vorstellen konnte – außer einem Stück Kandiszucker von der Frau Reindl. Als Bub lernte ich über die Schwerkraft und ihr Verhältnis zur Rotation Folgendes: Wenn man von der vollen Milipitschn den Deckel abnimmt und sie mit gestreckter Hand sehr schnell über dem Kopf dreht, fließt die Milch nicht heraus. Wenn man aber zu langsam dreht, verliert man bis zu einem halben Liter und wird zu Hause nicht mit einem Kuss der Mutter empfangen.

 

Ich habe Frau Pfandl als äußerst liebenswerte, immer hilfsbereite Frau mit einem wunderschönen Gesicht in Erinnerung. Stets hatte sie ein liebes Wort für mich übrig. Ich kann mich noch erinnern, als wäre es gestern gewesen, als sie mich fragte, ob ich mich vor der Schule, die ich im Herbst erstmals besuchen sollte, fürchten würde. Natürlich verneinte ich und sie sagte mir, ich sei ein so kluger Bub, ich müsse mich ja wirklich nicht fürchten. Und stolz ging ich damals nach Hause. So ein Lob vergisst man sein ganzes Leben nicht, quod erat demonstrandum. Denkt immer daran, ihr elterlichen Leser und lobt Eure Kinder so oft es geht, am besten jetzt gleich. Und wenn ihr keine Kinder habt, lobt einfach den Schreiber dieser Zeilen. Er freut sich auch.

 

Frau Pfandl lebte nicht allein in ihrem Haus. Mit ihr wohnten noch ihr Ehemann Josef (1901 – 1957) ihr Sohn Leopold mit seiner feschen Frau Theresia und ihre weiteren Söhne Josef und Hans. Der erste Stock wurde von der Familie Hinterberger bewohnt.

 

 

Josef Pfandl betrieb neben dem Bauernhof auch noch ein kleines Fuhrwerksunternehmen. Auf dem Bild ist er mit seinem Stier und dem ersten Wagen der Firma Bresnik, der mit aufgeblasenen Gummireifen bestückt war, zu sehen.. Die Ladung besteht aus vollen Mehlsäcken, die er täglich von der Kunstmühle zur Verladung am Goiserer Bahnhof brachte. Eine weitere regelmäßige Fuhre war das Brot, das von der Kunstmühle zum Konsumgeschäft nach St. Agatha gebracht werden musste. Sohn Leopold unternahm diese Fahrt mit Stier und Wagen bereits im zarten Alter von 7 Jahren alleine, wenn der Vater nicht Zeit hatte. So ein Stier geht langsam und wenn er einmal nicht so recht wollte, und Leopold um 7.30 Uhr bei der Kunstmühle startete, kam er mit der Ladung erst um 16.30 Uhr in St. Agatha an, wie er mir erzählte. Es ist halt sehr schwierig für so einen kleinen Buben, so ein riesiges Tier anzutreiben. Ihm stand für seinen Wagen die gesamte Straßenbreite zur Verfügung. Denn, wie er mir weiters sagte, die einzigen Autos, die ihm hätten begegnen können, hatten damals der Feicht und die Strohschneiderin. Am Weg zurück spürte der Stier, dass es nach Hause ging und sauste mit Wagen oder Schlitten, je nach Jahreszeit, nur so dahin. Am Hof angekommen, rannte er samt Fuhrwerk in den Stall, ohne dass Leopold ihn bremsen konnte und dabei, so seine Worte, „flogen regelmäßig die Fetzen“. Er baute später das Fuhrunternehmen seines Vaters aus, kaufte Lastwagen dazu und betrieb auch eine Schottergrube im Weißenbachtal. Das Unternehmen bestand bis 19…………………???

 

Das Grundstück der Pfandls erstreckte sich westlich bis zur heutigen Unteren Marktstraße, östlich bis zur Konrad-Deubler-Allee, südlich bis zum Zaun der Salzervilla, nördlich bis zum Laimer-Gärtner und zählte zu unserem erweiterten Spielareal. Einiges davon wurde in der Zwischenzeit verkauft, sei es für die Umfahrungsstrasse, sei es für den neuen Spar-Markt. Jenseits der Deubler-Allee erstrecken sich andere Felder, bis hinauf zum Sauruckn und noch weiter. Diese Felder waren unser Skigebiet. Den Sessellift zum Predigstuhl hinauf konnte sich kaum einer von uns Buben leisten und so gingen wir mehrmals täglich zu Fuß diese Wiese, genannt das Winterauerfeld, hinauf um kurz zu rasten und dann mit kühnen Wedelschwüngen wieder herunterzufahren. Unsere Kondition war damals sehr beträchtlich. Wenn es Zeit war, nach Hause zurückzukehren, gingen wir ein letztes Mal ein gutes Stück hinauf und fuhren „im Schuss“, also ohne eine Kurve zu machen, hinunter. Wenn die Schneedecke im Pfandlfeld gefroren war, also wenn der „Harsch“ trug, fuhren wir ohne Problem in einem durch bis zur Unteren Marktstraße. Da angekommen, war es nicht mehr weit nach Hause. Von ganz oben, also vom Saurucken, traute ich mich nie im Schuss hinunterzufahren, weil da waren zwei kleine Wegerl im Sprung zu überqueren und davor fürchtete ich mich. Der Rehn Willi, der hat es einmal getan und dafür bewundere ich ihn noch heute.

 

Oft war ich als Kind auch am Bauerhof im Stall. Kühe, Schweine und Hühner wurden darin gehalten. Die Schweine fütterte der Bauer damals noch mit „Trank“. Das war der Bioabfall, der in den umliegenden Haushalten anfiel, wie z.B. Kartoffelschalen, und der in blechernen Eimern gesammelt wurde. War so ein Eimer voll, musste ich ihn zum Pfandl tragen, dafür durfte ich dann auch in den Stall, die Tiere bestaunen, von deren Anblick, ihrem Gemuhe, Gegrunze und Gegacker ich nicht genug bekommen konnte.

 

Oft half ich mit meinen Brüdern auch beim Heuen mit, wendete geschnittenes Gras, befestigte es zum Trocknen auf „Hüflern“ und brachte Heu in großen Tragtüchern am Kopf in die Tenne. War genügend aufgehäuft, sprangen wir von einer höheren Fläche tief hinunter in den duftenden Heuhaufen. Das war für uns eine Mutprobe und machte unendlich viel Spaß. Die Heuarbeit war für uns eigentlich keine Arbeit, sondern ein Vergnügen, bei dem wir als Kinder jedoch schon ernst genommen wurden. Und das war Belohnung genug. Dass dabei auch noch so manches Kracherl oder selbstgemachter Süßmost und ein Butterbrot, mit ebenfalls selbstgemachter Butter, zusätzlich für uns abfiel, war ein angenehmer Nebeneffekt.

 

Auf dem platz vor der Auffahrt zur Tenne stand einige Zeit lang ein alter Lastwagen, der nicht mehr gebraucht wurde und in dem und auf dem wir Kinder spielen durften. Ich saß oft am Lenkrad und hatte natürlich viel zu kurze Beine, so dass mein Bruder Karl-Heinz, der noch kleiner war, zu den Pedalen hinunter kriechen musste um Bremse, Gas und Kupplung zu bedienen. Natürlich hatten wir von der Funktion dieser Pedale keine Ahnung, nur dass man sie ab und zu drücken musste, das wussten wir schon. Ich konnte mir nie erklären, wie der Fahrer erkennen konnte, ob die Vorderräder geradeaus stehen würden oder nach links oder rechts zeigten. Weder durch die Windschutzscheibe, noch dann, wenn ich mich beim Seitenfenster hinauslehnte, konnte ich die Räder sehen. Für mich aber war es klar, wenn der Fahrer wissen wollte, ob er in einem gegebenen Augenblick nach links, nach rechts oder geradeaus fuhr, er dies nur durch die Stellung der Vorderräder erkennen konnte. Und so rief ich während unserer fiktiven Fahrt nach Steeg: „Achtung, Oberhauserkurve!“ Und Karl-Heinz musste die Pedale loslassen, hinausklettern und nachsehen ob ich die Räder in die richtige Richtung gedreht hatte. Sonst wären wir nie durch die Kurve gekommen. Einen Unfall hatten wir dank dieser Methode nie. Ich empfehle sie daher heute noch Autolenkern ab 1 Promille Alkohol im Blut.

 

Die Mitglieder der Familie Pfandl waren durch meine ganze Kindheit hindurch liebe Freunde und sind es heute noch. Für die schönen Zeiten, die ich auf ihrem Bauernhof verbringen durfte danke ich ihnen wirklich aus ganzem Herzen. Ganz besonders der alten Frau Pfandl. Möge sie mit ihrem Gatten und ihrem leider früh verstorbenen Sohn Josef im Himmel einen Bauernhof zugewiesen erhalten haben, auf dem alle Maschinen nie einer Reparatur bedürfen, das Wetter immer genau richtig ist und dicke Butterbrote neben Schinken und Krügen voller Most auf den Bäumen wachsen.

 

 

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  1. hallo franz, habe gerade ein dejavue, oder wie auch immer man das schreibt, gehabt, beim lesen deiner zeilen. Ich bin auf der anderen seite vom pfandlhof aufgewachsen, in der salzervilla, und könnte meine jugenderfahrungen nicht besser beschreiben. beim pfandl haben sie immer einen hund gehabt der raifi geheißen hat,dann habe ich mir um 5.000S deinen peugeot 404 gekauft und bin 2 wochen später für 5 wochen nach griechenland gefahren… genau so war das damals…..liebe grüße vom ehemaligen nachbarbuben


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