Missbrauchte Spuren im Schnee

Dezember 9, 2008 um 7:48 pm | Veröffentlicht in Aus meinem neuen Buch | Hinterlasse einen Kommentar
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Willi Zauner

 

Mit diesen Zeilen will ich einem Menschen ein Denkmal setzen, den ich in meiner Schulzeit  lange Zeit schamlos ausnützte, ohne dass er es bemerkte: Dem leider vor kurzer Zeit verstorbenen Willi Zauner.

 

Willi war ein großartiger Mensch. Gebaut wie ein Panzer, groß und stark, freundlich und hilfsbereit und mit einem Gemüt ausgestattet, das ihn meiner Erinnerung nach nie aus der Ruhe kommen ließ. Er war der Sohn von Frau Zauner Milla, vom Binder-Bauernhof. Dieser befand sich nur etwa 100 Meter von meinem Haus entfernt, auf der anderen Straßenseite.

 

Zur Zeit, in der die Geschichte handelt, besuchte ich die Handelsakademie in Gmunden. In Bad Ischl gab es damals noch keine, auch keine Handelsschule. Und so waren junge Goiserer und Goiserinnen, die kaufmännische Fächer lernen wollten, gezwungen, jeden Tag mit dem Zug nach Gmunden zu fahren. Das hieß jeden Schultag um 5.00 Uhr aufzustehen, frühstücken, schnell noch den Pintsch in Mathematik von der Mutter unterschreiben zu lassen, weil da war die Zeit zum Schimpfen schon zu knapp, und dann aus dem Haus eilen, um den Zug um 5.40 noch rechtzeitig zu erreichen. Mit müden Augen traf ich jeden Tag am Bahnhof ein, den langen Schulweg verfluchend und gesellte mich zu meinen Leidensgefährten. Diese waren Wilfried Sch., der meist schon den neuesten Song der Beatles vor sich hinpfiff, Helfried R. und Günther P., der regelmäßig als Letzter die Geleise entlang dahergelaufen kam.. Wenn der Zug eintraf, saßen darin schon Alois Sch. und die Irmi W. In Anzenau stiegen noch Hermann G. und Elfi P. zu. Wenn dann noch in Ischl Charly P. zustieg, war die Runde müder Hasch- oder Hak-Fahrschüler aus dem oberen Salzkammergut komplett. Ab nun wurde Karten gespielt, geraucht, geschlafen oder Aufgaben abgeschrieben. Auch der eine oder andere Flirt wurde zaghaft versucht, aber meist überwog die Müdigkeit, so dass wirklich zärtliche Bande erst bei der Rückfahrt am Nachmittag unter Ausnützung der Dunkelheit in den Tunnels zwischen Traunkirchen und Ebensee geknüpft wurden. Seither weiß ich auch, dass für einen ordentlichen Kuss der Tunnel zwischen Goisern und Ischl zu kurz ist. Versuchen Sie es einmal.

 

Wir Schüler waren nicht die einzigen, die den Zug um 5.40Uhr benützten. Dazu kamen noch Arbeiter der Wildbachverbauung, Frauen, die im Allwerk in Gmunden arbeiteten, Arbeiter des Bauhofes Steinkogel und wer halt so außerhalb Goiserns aber nicht in Ischl zur Arbeit musste. Nach Ischl fuhr man später.

 

Der Weg von zu Hause bis zum Bahnhof dauerte ungefähr 10 Minuten. Das war dreiviertel des Jahres kein Problem. Anders aber im Winter. Damals schneite es noch ganz ordentlich in Goisern und so ein halber Meter frischer Schnee um fünf Uhr früh war normal. Leider fuhr um diese Zeit noch kein Schneepflug. Das hieß, ich musste durch den hohen Schnee stampfen. Und hier kommt Willi ins Spiel. Er arbeitete damals bei der Wildbachverbauung, benützte den selben Zug wie ich und verließ auch zur gleichen Zeit sein Haus.. Da er nur ein Stück von mir in morgendlicher Gehrichtung entfernt wohnte, holte ich ihn leicht ein und in angenehmem Gespräch, oft auch in angenehmem Schweigen schritten wir nebeneinander zum Bahnhof. Im Winter, bei Neuschnee, war das anders.

 

Willi war sehr groß und bärenstark. Und so tat er sich im Neuschnee leichter als ich. Daher versuchte ich im Winter ihn NICHT einzuholen, sondern so an die 100 Meter hinter ihm zu gehen. Dann konnte ich in seine Fußstapfen treten und tat mir im frisch gefallenen Schnee leicht. Willi ließ ich die Führungsarbeit tun. Hätte ich ihn eingeholt, wäre ich vielleicht gezwungen gewesen, neben ihm durch den tiefen Schnee zu waten, um nicht unhöflich zu erscheinen. Willi war aber nicht unhöflich, sondern sehr höflich und wenn er sich auf seinem Weg einmal umdrehte und mich weit hinten erblickte wartete er auf mich. Dann war es für mich aus mit dem leichten Gehen. Bis zu den Knien im Schnee stampfte ich neben ihm her. Geärgert habe ich mich deswegen aber nie. Er war ein wirklich angenehmer Begleiter zu so früher Morgenstunde und gar manches Interessante wusste er mir von seiner Arbeit zu erzählen..

 

Irgendwann endete auch meine Schulzeit und der gemeinsame Gang mit Willi hörte auf. Er ist dann von Goisern weg, hat nach Ebensee geheiratet und wir haben uns nur noch ganz selten gesehen. Dass er so früh verschieden ist, tut mit sehr, sehr leid. Die gemeinsamen Schneestampfereien aber werde ich nie vergessen und hoffe, dass mir Willi da oben verzeiht, wenn er in der himmlischen Bibliothek dieses Buch liest und erfährt, wie ich ihn schamlos ausnützte. Möge ihm der liebe Gott einen ewig schneegeräumten Weg schenken und ihn nur mit Wolkenzügen fahren lassen, die später als 8.00 Uhr den Bahnhof Himmelgoisern verlassen.

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