Beziehungen qou vadis

November 23, 2009 um 10:58 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 27 Kommentare
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Latein sollte man können. Natürlich stimmen „BeziehungEN“ und „vadIS“ nicht überein. Aber was soll ich tun?  Maturiert habe ich zwar in Latein, es blieb aber nicht viel hängen, ausser „voulez vous couchez avec moi“ und das ist Französisch. Jaja, das Leben ist nicht leicht. Aber saget, warum lassen sich so viele Paare scheiden? Hängt das damit zusammen, dass es so viele Mischehen – Männer ehelichen meist Frauen- gibt? Oder mit der Scheide an sich? Letzteres halte ich für unwahrscheinlich, sonst müsste man sich ja auch glieden lassen können statt scheiden. Tatsache ist jedenfalls, dass sich sehr viele Paare trennen, bevor dieses der Tod mit ihnen tut, wie die Partner  es ursprünglich planten. Dem Tod durch Scheidung eine lange Nase drehen?  Wahrscheinlich geht es darum. Unsterblichkeit suchen, durch vorzeitige Trennung bei lebendem Leibe. Ob die Leiber dann in der Einsamkeit dahinfaulen, das ist die Frage des raschen Wiederverwertens derselben, solange auf dem Markt noch Nachfrage herrscht. Der Tod muss aber noch ein wenig warten bevor er den Einzelnen später dann von sich selbst trennt.

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Die Leiden des alten Herrn Huber

Juli 22, 2008 um 10:56 pm | Veröffentlicht in Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar
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Die Leiden des alten Herrn Huber

 

„Jetzt habe ich schon lange gelebt, sehr lange, endlich, endlich kann ich es tun“, sprach Herr Huber zu sich, „ich bin erlöst“. Und er schlug zu, immer wieder schlug er zu.

 

Er sprach immer mit lauter Stimme zu sich, seit er in seinem Haus sein Büro eingerichtet hatte. Das Büro war wichtig für ihn gewesen, eine Insel, ein Zufluchtsort. Und wenn er von innen abgesperrt hatte, konnte er tun und lassen, was er wollte, auch zu sich selber laut sprechen und sogar schreien. Die Tür war schalldicht. Und nie kam jemand in diesen Raum. Das hatte Herr Huber von Anfang an so gehalten. Das Büro war in einem Kellerraum eingerichtet, sodass es ohnehin kaum jemand zu sehen bekam und seiner Frau hatte er strengstens verboten, den Raum jemals zu betreten. Er hatte ihr erklärt, dies sei auch in seiner Pension sein Büro und er müsse darin Akten bearbeiten, die er sich ab und zu stoßweise von seiner alten Firma holte. Die ehemaligen Kollegen gaben ihm gerne die alten Akten mit, irgendwie hätten sie ja ohnehin entsorgt werden müssen und Geheimnisse waren darin nicht enthalten. So konnte er seiner Frau vorspielen, in seinem Kellebüro zu arbeiten, Akten zu studieren und zu bearbeiten.

 

Schwer war ihm diese Täuschung nicht gefallen. Sein ganzes Leben lang hatte er in der Firma im Ort schwer gearbeitet und sogar die Wochenende im Büro verbracht. Die Arbeit war sein Leben. Die Leute, auch Freunde, hatten ihm den Spitznahmen „der Büro“ verpasst. Sie verwendeten diesen Spitznamen natürlich nur, wenn er nicht anwesend war. Denn er war ein sehr wohlhabender Mann geworden durch sein vieles Arbeiten und wohlhabende Menschen verdienten Respekt. Sein Einkommen war durch die vielen Überstunden beträchtlich gewesen und er hatte nie Zeit, Geld auszugeben. Er hatte auch nie viel Lust dazu. Nur seiner Frau gönnte er so manchen kleinen Luxus. So hatte er auf ihren Wunsch ein prächtiges haus gekauft und es ihr freigestellt, es so einzurichten, wie sie es wollte, ganz nach ihrem Geschmack. Und das hat sie auch getan. Es hatte schon einiges gekostet, aber er war froh, dass er seine Frau wenigstens in diesem Hinblick zufrieden stellen konnte. Und als es eingerichtet war, das Haus, hat er sich in ihm auch wohlgefühlt. Aber leider musste er mehr Zeit im Büro verbringen als in seinem Haus und so waren seine zufriedenen Stunden zu Hause sehr selten gewesen.

 

22 Jahre war er alt gewesen, als er sie geheiratet hatte, die Mizzi Lichtenegger. Kennengelernt hatte er sie, als er einmal zum Müller einkaufen ging und nicht wusste, welche Äpfel er für den Apfelstrudel kaufen sollte, den seine Mutter machen wollte. Mizzi stand neben ihm am Obststand, sah seine Ratlosigkeit und sprach ihn direkt mit lachenden Augen an. „Weißt nicht, welche Äpfel Du nehmen sollst, Hubert?“ Er verlor seine angeborene Schüchternheit für ein paar Augenblicke und erläuterte ihr sein Problem. „Nimm die Roten, hatte sie ihm geraten, die passen zum Apfelstrudel, hatte sie ihm geraten, musst aber nicht selber rot werden.“ Und dann hatte sie gelacht, ein solches silbernes Lachen, dass er sich augenblicklich unsterblich in sie verliebte.

 

In dem kleinen Ort begegnete man sich automatisch immer wieder, beim Kaufmann, im Kultur-Café mit den zwei Zeitungen, im Turnverein. Und er ließ nicht mehr locker, war nett zu ihr, machte ihr kleine Geschenke zu Festtagen und überhäufte sie mit Komplimenten, wenn er sie sah. Da er nicht übel aussah, eine Arbeit mit Aussichten hatte, immer nett zu ihr war und auch katholisch, gab sie eines Tages seinem Drängen nach und gab ihm zu seinem Heiratsantrag ein „Ja“ zur antwort. Ein Jahr lang waren sie verlobt gewesen, aber nie gab sie seinem Drängen nach mehr Intimität als einem Busserl nach. Schließlich wurde geheiratet und die Hochzeitsnacht war ein Fiasko. Sie wollte kein Kind – „weil zuerst“, hatten ihr die Eltern gesagt, „müsst ihr ein Haus haben“ – aber auch keine Verhütung vornehmen, weil sie war ja katholisch. Wie „lustig“ unter solchen Umständen eine Hochzeitsnacht war, kann sich jeder vorstellen.

 

Und ihr Sexleben wurde mit der Zeit nicht besser. „Erst muss ein Haus her“, hatte sie ihm geradeheraus erklärt, „dann können wir das tun, was man zum Kinderbekommen tun muss. Bis dahin musst du warten“. Und so hat er begonnen zu arbeiten wie ein Wilder. Tag und Nacht war er im Büro, Samstage, Sonntage und Feiertage. Gearbeitet hat er bis zu Erschöpfung, was natürlich auch seinen Drang nach seiner Frau dämpfte. Die Mizzi war aber damit zufrieden gewesen, hatte den Haushalt geführt und das gemeinsame Konto überwacht. So konnte er auch nur selten ausgehen mit seinen Kollegen, nach der Arbeit.

 

Aber einmal ergab sich doch die Gelegenheit, bei einem Firmenjubiläum, Mizzi konnte bei einem solchen Anlass nichts dagegen haben. Da wurde beim Moser viel getrunken, gelacht und gescherzt. Und Herr Huber war so fröhlich wie schon lange nicht mehr. Als ihn die Kollegen aufforderten, den Abend in der Disco, im Agatha-Stadl fortzusetzen, hatte er daher ja gesagt. In der Disco war es lustig, so lustig, wie er es noch nie erlebt hatte. Tanzen aber konnte er nicht und so setzte er sich an die Bar, trank einen Schnaps nach dem anderen. Und neben ihm saß die neue, junge Volksschuldirektorin, mit sexy, kurzem Kleidchen, tiefem Dekolletee und machte ihn an. Und es kam, wie es kommen musste. Bald fand er sich mit ihr auf dem Rücksitz seines Autos am Ufer des Hallstättersees. Und es wurde eine noch lustigere Nacht, als er es sich jemals hätte vorstellen können.

 

Der liebe Gott aber wachte über ihn und so gelang es ihm, ohne Unfall zuerst Volksschuldirektorin nach Hause zu fahren, und dann sich selbst. Mizzi schlief schon und bemerkte nichts vom Zustand ihres Gatten. Am nächsten Morgen gelang es ihm, seine Kopfschmerzen zu unterdrücken und so blieb sein kleiner Ausflug ins Vergnügen auch weiterhin von seiner Frau unbemerkt. Und es blieb dabei.

 

Er aber begann ein Verhältnis, mit der Helga, der schönen Volksschuldirektorin. Mizzi gegenüber täuschte er vor, weiterhin jeden Tag bis spät in die Nacht im Büro zu arbeiten. In Wahrheit verbrachte er aber jeden Abend bei der Helga, dem geilen Weib. Monatelang ging das so, ohne dass jemand etwas bemerkte. Eines Tages aber unterhielt er ich mit dem Briefträger, seinem Freund aus alten Schultagen, der ihm ins Büro einen Einschreibbrief zuzustellen hatte, so nebenbei über Frauen. Sie sprachen über diese und jene. „Die Volksschulldirektorin, das ist eine Sau, so was gibt’s gar nicht“, sagte plötzlich sein Freund, der Briefträger, „jeden Tag, wenn ich ihr die Post früher als üblich zustelle, verlässt der Wiesauer Hans ihr Haus und manchmal ist es der Tiefenbacher Sepp, wenn es nicht der ist, dann der Lederhosenschneider.“ Herr Huber wurde bleich und brach das Gespräch ab.

 

Die Volksschuldirektorin besuchte er nie wieder, aber nach 2 Monaten stellte der Arzt bei ihm die Syphilis fest. „Das ist Gottes Strafe, das ist Gottes Strafe“, dachte er als gläubiger Katholik sofort und fühlte ein tiefes Schuldgefühl gegenüber seiner Frau und gegenüber Gott in sich aufsteigen. Syphilis ist heute heilbar und so konnte sein Arzt auch Herrn Huber bald kurieren. Mit den Schuldgefühlen aber musste Herr Huber selbst fertig werden. Und so kaufte er seiner sich und seiner Frau ein schönes, großes Haus, das seine Frau glücklich machte. Ihrem Wunsch aber, jetzt einmal so miteinander umzugehen, dass daraus ein Kind entstehen könnte, konnte er nicht nachkommen. Seine Schuldgefühle erdrückten ihn und machten es ihm unmöglich, sie zu erkennen, wie sich die Bibel so auszudrücken pflegt. Mizzi schien es nicht viel auszumachen und sie legte sich eine Rosenzucht zu. Sie hegte und pflegte ihre Rosen, wie andere Frauen ihre Kinder hegen und pflegen. Und nie wieder kam sie zurück auf ihren Kinderwunsch sprechen. „Du musst Deinem Mann gehorchen, das ist Gottes Wille“, hatte ihr die Mutter erklärt, und Mizzi hielt sich daran. Wenn ihr Mann keine Kinder wollte, so hatte sie sich diesem Wunsch eben zu beugen.

 

Mit Herrn Huber aber ging eine Wandlung vor. Nachts, in seinen Träumen, erschien ihm ein schwarzer Engel und sprach zu ihm, er, Huber, müsse bereuen und Busse tun, bereuen und Busse tun. Herr Huber wurde diesen Traum nicht los, jede Nacht erschien dieser Engel und seine Drohungen wurden schwärzer und wilder. Bald wusste Herr Huber nicht mehr, ob er den schwarzen Engel nur träumte oder wirklich sah und manchmal kam es ihm vor, er sähe ihn auf der Strasse oder am Schreibtisch der ihm im Büro gegenüber stand. Und der Engel hörte nicht auf zu rufen: Huber, bereue, tue Busse, bereue, tue Busse“!

 

Und so blieb Herr Huber weiterhin auch am Abend in seinem Büro, aber nicht um zu arbeiten. Wenn seine Kollegen das Büro verlassen hatten, versperrte Herr Huber die Tür zu diesem und zog sein Hemd aus. Dann nahm er die mit Glassplittern durchflochtene Peitsche, die er in einem Sex-Shop in Gmunden heimlich gekauft hatte, aus der tagsüber versperrten Schublade und geißelte seinen Rücken. Er schlug sich selbst, bis Blut auf den Boden spritze und er es vor Schmerzen nicht mehr aushielt. Mit einem Handtuch wischte er dann das Blut von seinem Rücken, wozu er sich jedes Mal schmerzhaft verrenken musste, und wischte das Blut vom Boden. Dann legte er Peitsche und Handtuch zurück in die Schublade, versperrte sie wieder und fuhr nach Hause. Seine Frau schlief dann meistens schon.

 

Der schwarze Engel aber verschwand nicht. Und so geißelte sich Herr Huber bis zu seiner Pensionierung jeden Abend stundenlang in seinem Büro. Sein Rücken war eine einzige offene Wunde, Jahrzehnte hindurch. Niemals zeigte sich Herr Huber auch nur seiner Frau gegenüber mit nacktem Oberkörper. Mit der Zeit aber gewöhnte er sich an die Schmerzen, so dass er von Jahr zu Jahr fester zuschlagen musste um noch etwas zu spüren und so blutete er jedes Jahr mehr. Und so wurde er dünner und schwächer und die Leute bewunderten ihn, weil er sich offensichtlich im Büro vor Arbeit umbrachte.

 

Auch nach seiner Pensionierung verschwand der schwarze Engel nicht. Jetzt begegnete Herr Huber ihm überall im Haus. „Bereue! Tue Busse! Bereue! Tue Busse!“, hörte er die Stimme im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Dachboden, überall, wo er ging, stand oder lag. „Bereue! Tue Busse! Bereue! Tue Busse!“ Und so richtete er sich im Keller ein Büro ein, das niemand betreten durfte. Er bearbeitete dort keine Akten, sonder geißelte sich den ganzen Tag. Schlag für Schlag tat er Busse, Schlag um Schlag bereute er sein Erlebnis mit der Volkschuldirektorin. Und Schlag um Schlag bat er laut schreiend seine Frau um Vergebung. Sie aber konnte die Schreie nie hören und pflegte einsam ihre Rosen weiter ohne je zu wissen, wie sehr ihr Mann sie um Vergebung rief.

 

An seinem achzigstem Geburtstag aber, als er sich wieder einmal besonders fest und grausam gegeißelt hatte, erschien der schwarze Engel im Büro und sagte: „Du hast genug gebüßt, dir ist vergeben.“ Herr Huber konnte plötzlich nicht mehr aufhören zu schlagen, der Schmerz bereitete ihm ab nun Lust. Lust, die er zum ersten Mal seit jenem Abend in der Disco wieder verspüren durfte. Und so schlug er wie ein Besessener zu, dass das Fleisch in Fetzen von seinem Rücken hing und brüllte vor Lust und Schmerz: „Gott hat mir vergeben, Gott hat mir vergeben. Sei verflucht du Hexe von Volksschuldirektorin! Sei verflucht! Gott sei aber gepriesen, Gott sei aber gepriesen für mein Leben voller Qual, halleluja, halleluja“. Aus seiner Stereoanlage ertönte laut das „Dies Irae“ aus Mozarts Requiem. Bald lagen sein Rückgrad und die Nieren frei, Blut floss in Strömen auf den Boden. Sein altes Herz aber war für eine solche Anstrengung zu schwach geworden und so stellte es plötzlich seinen Dienst ein.

 

Frau Huber rief, nachdem ihr Mann 24 Stunden nicht aus seinem Büro gekommen war, den Arzt. Dieser konnte die Tür zum Büro aufbrechen und verweigerte Frau Huber den Zutritt, nachdem er einen kurzen Blick hineingeworfen hatte. Der Zustand von Herrn Hubers Rücken und die neben ihm liegende Peitsche zeigten ihm, dass hier ein Geheimnis vorlag, von dem weder er noch jemand anderer etwas wissen sollte. Und so zog er Herrn Huber an und stellte einen Totenschein mit „Herzversagen aufgrund von Altersschwäche“ aus. Frau Huber aber erfuhr nie, wie ihr Mann sein ganzes Leben gelitten hatte, manchmal weinte sie um ihn und züchtete weiterhin ihre Rosen, ihre Kinder. Und so erfuhr nie jemand, dass sie ihren Mann je älter er wurde um so mehr liebte und ihm für bloßen einen Kuss alles vergeben hätte. So schlimm hätte es gar nicht sein können. Hatte sie doch selber ihr Geheimnis, weil sie damals die neue Volksschuldirektorin, die betrunken in der Nacht auf der Aberl-Kreuzung herumtorkelte, mit ihrem Auto überfahren hatte und dann voller Angst davongefahren war. Laut soll sie  noch vor Schmerzen geschrien haben, das Luder. Sie starb aber noch, bevor die Rettung sie ins Krankenhaus in Ischl bringen konnte. Und weil ihr die Zunge durch die Stoßstange abgetrennt worden war, konnte sie auch keine Beschreibung von dem Auto machen, das sie überfahren hatte. Der Autofahrer wurde daher nie gefunden.

 

Frau Huber und der Duft der Rosen

Juli 14, 2008 um 7:57 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 2 Kommentare
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Duftende Rosen

 

   Mit einem tiefen Seufzer wendete sich Frau Huber von ihren Rosen ab. Schon wieder war eine eingegangen. Sie wusste nicht mehr, ob sie gestern vergessen hatte, die Rosen zu gießen oder nicht. Das Gedächtnis ließ sie in letzter Zeit so oft im Stich. „Man sollte halt nicht alt werden“, murmelte sie vor sich hin, „wenn man noch für jemanden sorgen muss, wie ich für meine Rosen. Habe ich den Garten heuer überhaupt schon gedüngt und heute gegossen?“

    Frau Huber war 90 Jahre alt geworden, sie fühlte sich noch gesund, aber immer etwas müde. Einsam war es um sie, seit ihr Mann, der Gustl starb. Das war jetzt schon mehr als 10 Jahre her. Aber auch mit ihm war das Leben nicht sehr abwechslungsreich gewesen. Er hatte zu sehr für seine Arbeit gelebt und seine Frau vernachlässigt. Dabei hat sie sich immer so sehr nach etwas Zuwendung gesehnt. Aber all die Jahre ihrer Ehe hat der Gustl kaum mit ihr gesprochen, außer übers Büro. 60 Jahre musste sie das aushalten, Büro, Büro. An nichts anderes hat er gedacht. Wenn er am Wochenende einmal nicht im Büro war, so sprach er darüber. Egal wo es war oder mit wem er zusammen war, ständig kam sein Gespräch auf das Büro.

   Mit der Zeit wurde es so arg, dass die Leute im Ort ihm schon den Spitznamen „Büro“ gaben. Wie geht’s dem Büro fragten sie einander, wenn sie wissen wollten, wie es Gustl geht. Oder sie sagten zueinander, wenn sie ihn sahen, da kommt der Büro. Es kam so weit, dass die Leute, auch die Freunde, seinen Namen vergaßen und wenn er nicht dabei war, über ihn nur noch als „der Büro“ sprachen. Mit ihm selbst sprachen sie ohnehin nur selten, weil er immer im Büro war. Und wenn sie ihn trafen, genügte die Anrede mit Du oder he Du oder Du, he. Ansonsten aber wagte keiner ihn direkt mit Büro anzusprechen, weil sie alle doch viel Achtung vor ihm hatten. Dadurch, dass er so viel arbeitete, hatte er nämlich keine Zeit Geld auszugeben und er verdiente recht gut. So konnte er bald nach der Hochzeit ein Haus mit einem schönen Stück Grundstück rundherum kaufen. Er überließ es seiner Frau, es einzurichten. Nur zu teure Sachen verbot er ihr zu kaufen. Gustl wollte aber, dass sie sich im Haus wohl fühlte. So drückte er seine Liebe zu ihr aus, eine andere Möglichkeit hatte er nicht.

    Sie kümmerte sich um den Haushalt, weil arbeiten kam damals für Frauen nicht in Frage, und sie las viel. Den einzigen Luxus, den sie sich gönnte, war Parfüm. Irgendwann hatte sie sich in die Sorte „La Rose rouge“ verliebt und seither hatte sie stets einen kleinen Vorrat davon im Haus. Und jeden Morgen, nach dem Duschen, sprühte sie sich damit ein so dass bald nicht nur sie sondern das ganze Haus danach roch. Und sie liebte es, das duftende Haus, Gustl aber war es egal, wahrscheinlich hat er das ganze Leben keinen Duft wirklich bewusst wahr genommen.

   Frau Huber hätte gerne Kinder gehabt. Aber da war dieses verfluchte Büro. Büro, Büro, Gustl hatte nichts anderes im Kopf. Anfangs hatte sie noch versucht, ihn zu verführen, bereitete Abendessen bei Kerzenlicht zu, spielte auf dem CD-Player romantische Musik dazu und kaufte sich auch aufreizende Wäsche. Nichts hat es genützt. Der Gustl war immer von der Arbeit müde, ging bald ins Bett, nachdem er zu Abend gegessen hatte und schlief immer gleich ein. Wenn er aufwachte, dachte er schon wieder ans Büro. Nach einigen Jahren hatte sie aufgegeben und sich von ihrem Kinderwunsch getrennt. „Der liebe Gott will es halt nicht, dass ich Kinder bekomme“, sagte sie sich. Weil eine gläubige Frau, das  war sie und daher kam es ihr auch nie in den Sinn, Gustl zu betrügen.

    Als sie einmal sah, wie die Nachbarin in ihrem Garten Rosen pflanzte, verliebte sie sich in diese Blumen. „Solche möchte ich auch“, dachte sie. Und als sie Gustl gegenüber ihren Wunsch äußerte, brummte dieser nur, sie solle sich halt auch einen Garten anlegen. Er aber könne sich nie darum kümmern, weil er müsse im Büro arbeiten.

    Und so legte Frau Huber auf dem kleinen Grundstück vor ihrem Haus einen kleinen Rosengarten an. Die Rosen waren ihre Kinder. Von allen Farben hatte sie einen Strauch. Den schönsten Blumen gab sie Namen, wie sie sie ihren Kindern gegeben hätten. Und so wuchsen jeden Frühling eine Cupido, die sie Franz, eine Aglaia, die sie Gretl, eine Chloris, die sie Hans, eine Aurora, die sie Christl und eine Penelope, die sie Judith nannte, in ihrem Garten. Diesen ließ sie alle Liebe über die sie verfügte zukommen. An keinem Tag in Jahrzehnten vergaß sie, die Rosen zu gießen, sie zurechtzustutzen, wenn sie überwuchsen, sie zu düngen mit dem besten Dünger, den sie erhalten konnte und mit ihnen zu reden. Mit Franz, Gretl, Hans, Christl und Judith fing sie mit der Zeit sogar zu sprechen an, wie mit richtigen Kindern. Sie streichelte sie jeden Tag und sprach mit ihnen über Freuden und Sorgen, wie sie das Leben so mit sich bringt. Und manchmal war es ihr, als würden die Rosen antworten. Das war dann ein besonders schöner Tag für sie. Mit der Zeit wurde ihre Rosenzucht im ganzen Ort bekannt, denn durch die tägliche zärtliche Beschäftigung mit ihren Lieblingen wurden ihre Rosen die schönsten im ganzen Tal. Sie freute sich, wenn man ihre Rosen lobte, so wie sich eine Mutter freut, wenn man Gutes über ihre Kinder sagt.

    Jahre und Jahrzehnte verrannen. Sie pflegte ihre Rosen, Gustl arbeitete im Büro. Als er in Pension ging, richtete er sich im Haus ein Büro ein. Dort verbrachte er seine Tage mit alten Akten, die ihm ehemalige Arbeitskollegen manchmal vorbeibrachten. Seine Arbeit war zu nichts mehr nütze, aber er empfand tiefe Befriedigung einfach im Öffnen eines Aktes und dessen Studium. Dadurch kamen sich Frau Huber und ihr Mann auch im Alter nicht näher. Und vor 10 Jahren ist er dann gestorben. In seinem Büro hatte sie ihn tot aufgefunden, den Kopf am Schreibtisch liegend. Herzinfarkt, hatte der Arzt ihr gesagt, er hat zu viel gearbeitet.

    Und so hat Frau Huber ihre Liebe noch mehr ihren Rosen zugewendet. Manchmal dachte sie, sie könne sogar die Generationen der Rosen aufzählen, wie sie sonst Kinder, Enkel und Urenkel hätte aufzählen können, hätte der Gustl nur gewollt. Aber mit zunehmenden Alter wurde die Sorge um ihre Lieblinge immer größer. „Vergesslich bin ich geworden“, flüsterte sie manchmal vor sich hin, „vergesslich! Was soll nur aus meinen Lieblingen werden, wenn ich einmal alles ganz vergesse? Wenn ich sie zu düngen vergesse und zu gießen? Verhungern werden sie und verdursten. Nein, das möchte ich nicht mehr erleben, ach wenn mich der Herrgott doch endlich zu sich nehmen würde. Dann würde sich jemand anderer um meine Rosen kümmern. Wahrscheinlich ihre Nichte, dafür würde sie ihr Haus erben“.

    Dennoch hielt sie noch einige Jahre durch, wurde aber vergesslicher und vergesslicher. Als sie dann eines Tages sehen musste, wie eine der Rosen, es war Franz, die Cupidorose, verdorrt war, begann sie ganz fürchterlich zu weinen. „Aus ist es, aus ist es“, schluchzte sie, „es ist Zeit zu gehen und die Pflege anderen zu überlassen. Aber ein letztes Gutes kann ich meinen Kindern noch tun“.

    Und eines Tages war Frau Huber verschwunden. Nachbarn und entfernte Verwandte suchten nach ihr, aber vergebens. Monatelang forschte auch die Polizei nach ihr, national und international, aber nach einigen Monaten musste auch sie die Suche ergebnislos abbrechen. Frau Huber wurde aufgrund ihres hohen Alters bereits nach kurzer Zeit für tot erklärt. Die Nichte erbte ihr Haus samt Garten und Rosen. Und diese Rosen blühten in diesem Sommer schöner als je zuvor, herrlicher als jede andere Rose im Tal, nachts schienen sie zu leuchten. Von weit her kamen die Leute, um dieses kleine Rosenwunder zu bestaunen. Und einmal beugte sich eine Besucherin ganz tief zu einer besonders schönen Rose hinunter, sog den Duft ein und sagte: „Die duftet wie mein Parfüm. „La Rose rouge“, welch ein Zufall“.

    Frau Huber aber wurde nie gefunden. Es war eine recht schwere Arbeit für sie gewesen, Rasenstücke mit den Rosen darauf auszustechen, sich in die Grube zu legen und die Rasenstücke mit den Rosen über sich zu ziehen. Ihr Erstickungstod war sehr qualvoll gewesen. Und dennoch hat sie beim letzten Atemzug gelächelt. Weil sie wusste, dass ihre Rosen jetzt den besten Dünger hatten, den es gab.

 

 

 

 

 

 

 

 

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