In der Mitte nichts Neues-Franz Kain soll aber leben

Januar 26, 2009 um 7:15 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 2 Kommentare
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Im Westen nichts Neues. Ein ausgezeichnetes Buch von Erich Maria Remarque. Wurde von den Nazis verbrannt, wenn ich mich nicht irre. Das Buch, nicht der Erich. Das wäre später gekommen. Hat der damals eigentlich noch gelebt? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls gibt es ein ähnlich gutes Buch von →Franz Kain. Titel: →“In Grodek kam der Abendstern“. Ein Antikriegsbuch vom Feinsten. Oder sollte man in diesem Fall eher vom Grauenhaftesten sprechen. Anyway, es schildert den Krieg und seine Greuel so bildhaft, dass jeder ein Idiot ist, der noch vom Kriege schwärmt, nachdem er es las. Das Buch ist ein Werk, das wohl zur europäischen Spitzenklasse gezählt werden darf. Sein Protagonist ist der Dichter Georg Trakl, der wohl nicht zuletzt aufgrund dessen, was er im Krieg sehen mußte, an einer Überdosis starb. Franz Kain ist ein gebürtiger Goiserer, der in der Nazizeit auch so einiges erleben mußte, da bekannt war, dass er kommunistischen Ideen nicht abhold war. Er kam dafür in ein Strafbataillon. Wegen seiner politischen Meinung wird er gerne hier im Ort verschwiegen, auch wenn es zaghafte Versuche gibt, ihn wieder zu erwecken. Dazu müssten aber auch seine Bücher Pflichtlektüre von Goiserer Hauptschülern werden. Diese könnten damit sicher mehr damit anfangen als mit Grillparzers „Der arme Spielmann“ oder Goethes „Faust“, den ja auch die Lehrer kaum kennen. Eigentlich sollte Kain in jeder Schule Österreichs zur Pflichtlektüre zählen. Also auf denn ihr Lehrer: Lehrt Franz Kain.

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Welterbe und Hiebe, Schule ohne Liebe – wie ich sie sah

Oktober 7, 2008 um 6:30 pm | Veröffentlicht in Bad Goisern | Hinterlasse einen Kommentar
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Die Welterbehauptschule jetzt und anno dazumal

 

Warum diese Schule Welterbestatus erreichte, hat mir bis heute noch niemand erklären können. Ich vermute, dass es an der kühnen, für die Nachwelt aufzubewahrenden Architektur liegt, wie es z.B. auch bei der Akropolis in Athen der Fall ist. In Goisern wurde nämlich die so genannte Schuhschachtelarchitektur entwickelt. Im Kern besteht diese darin, dass man ein Gebäude in der Form einer Schuhschachtel erbaut und mit Fenstern und Türen versieht. Man kann auch mehrere Schuhschachteln bauen und sie dann in einem beliebigen Winkel zusammensetzen. Im Falle der Hauptschule 1 hat man drei Schuhschachteln so zusammengesetzt, dass man an ein umgekehrtes L oben rechts noch eine Schachtel anbaute und zwar im rechten Winkel. Da auch der untere Strich des L, der nach links zeigt, im genauen rechten Winkel angefügt wurde, besteht das Gebäude aus zwei rechten Winkeln, hat also 180 Grad.

 

In der Fachsprache heißt diese Architektur „Der Doppelrechte“, Laien bezeichnen sie als „Das 180er L“. Es war eine in der Welt einmalige architektonische Sensation, als die Schule gebaut wurde. Weitere Beispiele dieser großartigen Architektur der Schuhschachtel sind in Goisern der Anbau an die Goiserermühle und das Altersheim am Marktplatz. Hoffentlich werden noch viele solche Gebäude errichtet. Der eine oder andere Supermarkt in Goisern hat schon abgekupfert. Bald ist ganz Goisern ein einziger rechter Winkel. Der Hallstättersee, der ja bekanntlich zu einem großen Teil zu Goisern gehört, schaut schon ein wenig so aus.

 

Den Welterbestatus könnte die Schule aber auch deshalb erreicht haben, weil sie die vergangenen brutalen Erziehungsmethoden, unter denen ich noch so viel litt, überwunden hat.

 

 Als ich in diese Schule ging, hatten wir beinahe jedes Jahr einen neuen Direktor. Es war damals Brauch, kurz vor seiner Pensionierung jeden Lehrer schnell noch einmal Direktor werden zu lassen. So kam es, dass nicht immer die am besten qualifizierten Pädagogen die Schule leiteten. Der eine war z.B. ein ehemaliger SSler, der aber nach dem Krieg zum braven Sozi konvertierte, so dass seinem schulischen Werdegang nichts im Wege stand. Leider hatte er aber seine frühere Ausbildung nicht ganz vergessen. Von der erhaltenen Ohrfeige will ich gar nicht reden. Aber wenn einer von uns sich im Turnunterricht unbotmäßig benahm, musste er durch die „Gasse“ laufen. Dazu mussten die Mitschüler sich links und rechts aufstellen, eine Gasse bildend und der Übeltäter musste durch diese Gasse laufen. Die Mitschüler waren aber mit festen Bändern ausgerüstet, mit denen sie den Laufenden während seines Laufes auf den Rücken oder die nackten Beine schlagen mussten. Das tat einigermaßen weh. Die Schmach aber war größer als die körperlichen Schmerzen, weil natürlich alle schlagenden Schüler über den Geschlagenen lauthals lachten, der manchmal den Tränen nahe war. Das war eine Gaudi, ein Spaß für Lehrer und Schüler.

 

Erst viel später habe ich einmal in einem Film gesehen, dass diese Art zu strafen eine Methode der Wehrmacht oder der SS war, die natürlich nicht Bänder sondern Stöcke verwendeten. Gelernt haben die Schüler aus dieser brutalen Methode, dass es eine Gaudi sein kann, wenn man gemeinsam einen Mitmenschen quält. Und die Geschlagenen haben gelernt, dass sie mitlachen müssen, wenn sie gequält werden, weil sie sonst Spielverderber sind. Dieses Gelernte nahmen viele ins Erwachsenenleben mit. Die kollektiven Quälereien eines nur ein wenig von der Lederhosen-Norm Abweichenden sind zwar subtiler geworden. Der Gequälte lacht aber immer noch über seine Qualen, das ist ihm zur zweiten Natur geworden. Er lacht so lange, bis er sein eigenes Lachen nicht mehr erträgt und zur „Goiserer Krawatte“ greift, sich also aufhängt. Der Ausdruck „Sich-zu-Tode-Lachen“ hat hier seine wahre Bedeutung gefunden.

 

Ein anderer Lehrer schlug meinen Sitznachbarn mit der Hand so stark auf den Hintern, dass dieser Nierenblutungen erlitt. Nur deswegen wurde er vielleicht nicht Direktor.

 

Da war auch so ein komischer eingebildeter Typ aus Ischl, der Direktor wurde. Meiner Erinnerung nach war seine größte Qualifikation die, dass er einmal das Schloss Versailles besuchte. Weil so weite Reisen damals noch selten waren, galt er bei Lehrerkollegen und Eltern als großer Historiker. Und immer wieder fragte er uns im Geschichtsunterricht, wie denn der schönste Saal im Schloss Versailles hieße. „Der Spiegelsaal“ mussten wir jedes Mal antworten. Ich verbrachte einmal einen wunderschönen Tag mit meiner brasilianischen Freundin und anderen hübschen und klugen Südamerikanerinnen in Versailles. Doch jedes mal, wenn das Wort Spiegelsaal fiel, musste ich an diesen Direktor denken. Mein Jugendtrauma überlagerte sogar die Schönheit und Charme und Witz dieser wunderbaren Frauen. Das verzeihe ich ihm nie. Andererseits habe ich dafür in Versailles schönere Busen gesehen, als Ludwig der XIV. jemals sah oder wie sie sich der Direktor aus Ischl auch nur erträumen konnte und das entschädigt mich wieder ein wenig. So ein Picknick im Garten von Versailles ist schon etwas Tolles.

 

Ein weiterer Lehrer, der Direktor wurde, hatte mich schon in der Volksschule geschlagen. Sein beliebtestes Schlaginstrument war der Geigenbogen, den er dem kleinen Schüler mit einem festen Schlag über die ausgestreckten Hände zog. Das schmerzte sehr. Weh muss auch die Ohrfeige getan haben, die einen anderen Schüler quer durch das Klassenzimmer fliegen ließ. Man muss sich das einmal vorstellen. Wir waren sieben oder acht Jahre alt und keiner von uns war fähig auch nur im Entferntesten etwas so Böses tun, dass er eine solche Strafe irgendwie verdienen konnte. Kein Kind auf der ganzen Welt verdient eine solche Tortur. Eine seiner üblichen Strafen bei bloßer Unaufmerksamkeit war auch, den Schüler an den kurzen Haaren gleich neben dem Ohr zu ziehen, bis ihm die Tränen in die Augen schossen oder ihn überhaupt gleich an beiden Ohren aus dem Sitz zu heben.

 

Da die meisten unserer Lehrer ohne solche Methoden auskamen, es sich also keineswegs um eine übliche Erziehungsmethode handelte, dürfte schon eine gewisse Lust am Sadismus – an Kindern! – mitgespielt haben. Heute käme so ein Mann wahrscheinlich ins Gefängnis, damals durfte er noch Direktor an der Hauptschule werden. Der Mitschüler, der damals durch die Klasse flog, saß später im Gemeinderat seinem Übeltäter gegenüber. Wie er mir erzählte, habe er dessen Ohrfeige nie vergessen. Und so habe er bei den Sitzungen des Gemeinderates immer daran gedacht, seinem ehemaligen Lehrer vor versammelten Publikum auch eine Ohrfeige zu geben. Schlussendlich habe er aber darauf verzichtet, er wollte sich nicht auf dieselbe Stufe stellen. Vergeben aber habe er im nie gekonnt. Dennoch halte ich seinen Verzicht auf Vergeltung für menschliche Größe.

 

Ein anderer, der zu meiner Zeit zum Direktor aufstieg, war früher NSDAP-Ortsgruppenleiter gewesen. Uns Kindern gegenüber war er aber eigentlich recht nett und freundlich. Er soll sich auch in jener unseligen Zeit anständig benommen haben, soweit man sich in dieser Position so benehmen konnte. Ich habe jedenfalls nie etwas Schlechtes über ihn reden gehört.

 

Dass meine bzw. unserer Schulerziehung nie liberal oder weltoffen war, lässt sich aufgrund obiger Personen in führender Position leicht nachvollziehen. Da ich ein sehr guter Schüler war, musste ich mich eigentlich nur selten vor der Schule fürchten. Aber ich habe einmal einen Mitschüler beobachtet, der bereits vor Beginn des Unterrichtes aus lauter Angst vor dem Lehrer zu weinen und laut zu beten begann.

 

Da das, was ich gerade oben beschrieb, an der Hauptschule 1 nicht mehr passiert, fähigere Pädagogen das Ruder übernahmen und unselige Zeiten überwunden wurden, kann man ihr schon ein Prädikat verleihen. Um aber wirklich etwas zu vererben zu haben, muss sie noch hart arbeiten. Wie heißt es im Faust so schön? Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen“. Wohlan denn, nützt den Augenblick und erschafft – Respekt vor der Menschenwürde, Toleranz und Weltoffenheit!

 

Für guten Schnaps gibt es keinen Welterbestatus

September 11, 2008 um 11:21 pm | Veröffentlicht in Bad Goisern | 3 Kommentare
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Ich habe in einem Artikel hier geschrieben, die goiserer Hauptschule 1 hätte ihren Titel „Welterbehauptschule“ deshalb erhalten, weil zu den Gamsjagatagen auf dem Gelände der Hauptschule in oder aus Hütten köstlicher Obstler oder Zirbenschnaps ausgeschenkt würde, der seinesgleichen auf der Welt sucht.

Welterbehauptschule

Welterbehauptschule

Ein hoher Bildungsbeamter dieser Schule hat mich heute darauf aufmerksam gemacht, dass die Hauptschule 1 in Bad Goisern den Titel „Welterbehauptschule“ nicht wegen des guten Schnapses erhalten habe. Das ist mir peinlich, es stimmt tatsächlich nicht. Ich widerrufe also hiemit die Behauptung, die ich aufgestellt habe und erkläre, dass die Hauptschule 1 von Bad Goisern den Titel „Welterbehauptschule “ nicht wegen des guten Schnapses, der zu den Gamsjagatagen auf ihrem Gelände verkauft wird, erhalten hat, sondern aus mir unbekannten Gründen.

Das Ganze verdient aber schon noch einer Anmerkung: Ich bin der Meinung, dass Humor und die Möglichkeit über sich selbst zu lachen aber auch humorvoll selbstkritisch zu sein, ein Zeichen hoher Intelligenz sind. Dem Bildungsbeamten fehlen diese Fähigkeiten offensichtlich, sonst hätte er anders reagiert.

 Er hätte aber auf meinen Artikel aber auch so reagieren können, dass er die Wahrheit, die in ihm steckt, erkannte. Die Wahrheit ist nähmlich, dass unsere Jugend vom Alkoholismus bedroht ist. Das lese ich nicht nur in den Tageszeitungen, sondern kann es hier auch täglich miterleben. Man muss nur spät Abends an diversen Lokalen vorbeigehen und sieht Jugendliche beiderlei Geschlechts, wahrscheinlich nicht älter als 14 oder 15 Jahre, die auf die Strasse kotzen vor lauter Rausch. In ein paar Tagen beginnt wieder das Bierzelt in St. Agatha, da kann sich am Samstag und am Sonntag jeder der will, davon überzeugen, dass Jugendliche in einem Alter, in dem sie noch in die Hauptschule gehen, schon am Nachmittag besoffen in der Wiese herumkugeln. Nun will ich gar nicht so kühn sein und fordern, ein Lehrer oder Schuldirektor solle spät in der Nacht ein Lokal aufsuchen, in dem vielleicht seine Schüler Alkohol trinken oder sich gar im Bierzelt mahnend blicken lassen ohne selbst zu saufen. Dazu bedürfte es viel mehr an Zivilcourage und Engagement, als ich es einem unserer Pädagogen zutrauen würde.  Es wäre zwar ein Weg, Jugendliche vom Alkoholgenuß abzuhalten, aber man soll nicht zu viel erwarten. Was aber möglich wäre und was ich verlange ist, dass der Grund, auf dem die Welterbehauptschule oder andere Schulen stehen, beispielhaft zur alkoholfreien Zone erklärt werden. Und zwar auch und gerade zu Zeiten eines Bierzeltes oder der Gamsjagatage. Nichts spricht dagegen, dass auf einem anderen, benachbarten Grundstück von Erwachsenen Alkohol getrunken wird und auf dem Schulgrundstück nur alkoholfreie Getränke ausgeschenkt werden. Das wäre ein Zeichen für die Jugend. So wie die Angelegenheit derzeit gehandhabt wird, ist das Zeichen für die Schüler dieses, dass es nichts ausmacht, wenn sich jemand in einer Schnapsbude bis zum Kotzen oder bis zur Bewußtlosigkeit ansäuft und man daher diese Tätigkeit auch auf Schulgrundstücken zulässt, wenn sie nicht sogar durch Zulassen von Schnapsbuden auf Schulgrundstücken  aktiv unterstützt wird. 

Warum diese Schule Welterbestatus erreichte, hat mir bis heute noch niemand erklären können. Ich vermute, dass es an der kühnen, für die Nachwelt aufzubewahrenden Architektur liegt, wie es z.B. auch bei der Akropolis in Athen der Fall ist. In Goisern wurde nämlich die so genannte Schuhschachtelarchitektur entwickelt. Im Kern besteht diese darin, dass man ein Gebäude in der Form einer Schuhschachtel erbaut und mit Fenstern versieht. Man kann auch mehrere Schuhschachteln bauen und sie dann in einem beliebigen Winkel zusammensetzen. Im Falle der Hauptschule hat man drei Schuhschachteln so zusammengesetzt, dass man an ein umgekehrtes L oben rechts noch eine Schachtel dranbaute und zwar im rechten Winkel. Da auch der untere Strich des L, der nach links zeigt, im genauen rechten Winkel angebaut wurde, besteht das Gebäude aus zwei rechten Winkeln, hat also 180 Grad. In der Fachsprache heißt diese Architektur „Der Doppelrechte“, Laien bezeichnen es umgangsprachlich mit „Das 180er L“. Es war eine in der Welt einmalige architektonische Sensation, als die Schule gebaut wurde. Weitere Beispiele dieser grossartigen Architektur der Schuhschachtel sind in Goisern der Anbau an die Goiserermühle und das Altersheim am Marktplatz. Hoffentlich werden noch viele solche Gebäude errichtet. Der eine oder andere Supermarkt in Goisern hat schon abgekupfert. Bald ist ganz Goisern ein einziger rechter Winkel. Der Hallstättersee, der ja bekanntlich zu einem großen Teil zu Goisern gehört, schaut schon ein wenig so aus.

 

Den Welterbestatus könnte die Schule aber auch deshalb erreicht haben, weil sie die vergangenen Erziehungsmethoden, unter denen ich noch so viel litt, überwunden hat.

 

Als ich in diese Schule ging, hatten wir beinahe jedes Jahr einen neuen Direktor. Anscheinend war es Brauch kurz vor der Pensionierung noch jeden Lehrer schnell noch einmal Direktor werden zu lassen. So kam es, dass nicht immer die qualifiziertesten Pädagogen die Schule leiteten. Der eine war z.B. ein ehemaliger SSler, aber nach dem Krieg ein braver Sozi, sodass seinem schulischen Werdegang nichts im Wege stand. Leider hatte er aber seine frühere Ausbildung nicht ganz vergessen. Von der erhaltenen Watschn will ich gar nicht reden. Aber wenn einer von uns sich im Turnuntericht unbotmäßig benahm, musste er durch die „Gasse“ laufen. Dazu mussten die Mitschüler sich links und rechts aufstellen, eine Gasse bildend und der Übeltäter musste durch diese Gasse laufen. Die Mitschüler waren aber mit festen Bändern ausgerüstet, mit denen sie den Laufenden während seines Laufes auf den Rücken oder die nackten Beine schlagen mussten. Das tat einigermaßen weh. Die Schmach aber war größer als die körperlichen Schmerzen, weil natürlich alle schlagenden Schüler über den Geschlagenen lauthals lachten, der manchmal den Tränen nahe war. Erst viel später habe ich einmal in einem Film gesehen, dass diese Art zu Strafen eine Methode der Wehrmacht oder der SS war, die natürlich nicht Bänder sondern Stöcke verwendeten.

 

Ein anderer Lehrer schlug meinen Sitznachbarn mit der Hand so stark auf den Hintern, dass dieser Nierenblutungen erlitt. Nur deswegen wurde er vielleicht nicht Direktor.

 

Da war auch so ein komischer eingebildeter Typ aus Ischl, ein Zugereister also, der Direktor wurde. Meiner Erinnerung nach war seine größte Qualifikation die, dass er einmal das Schloss Versailles besuchte. Weil so weite Reisen damals noch selten waren, galt er als großer Historiker. Und immer wieder fragte er uns im Geschichtsunterricht, wie den der schönste Saal im Schloss Versailles hieße. „Der Spiegelsaal“ mussten wir jedes Mal antworten. Ich verbrachte einmal einen wunderschönen Tag mit meiner brasilianischen Freundin und anderen hübschen und klugen Südamerikanerinnen in Versailles. Doch jedes mal, wenn das Wort Spiegelsaal fiel, musste ich an diesen Direktor denken. Mein Jugendtrauma überlagerte sogar die Schönheit und Charme und Witz dieser wunderbaren Frauen. Das verzeihe ich ihm nie.

 

Ein anderer Lehrer, der Direktor wurde, hatte mich schon in der Volksschule geschlagen. Sein beliebtestes Schlaginstrument war der Geigenbogen, den er dem kleinen Schüler mit einem festen Schlag über die ausgestreckten Hände schlug. Das tat weh. Weh muss auch die Watschn getan haben, die einen anderen Schüler quer durch das Klassenzimmer fliegen ließ. Man muss sich das einmal vorstellen. Wir waren sieben oder acht Jahre alt und keiner von uns konnte auch nur im Entferntesten etwas so Böses tun, dass er eine solche Strafe irgendwie verdienen konnte. Kein Kind verdient eine solche Tortur. Eine seiner üblichen Strafen bei bloßer Unaufmerksamkeit war auch, den Schüler an den kurzen Haaren gleich neben dem Ohr zu ziehen, bis ihm die Tränen in die Augen schossen oder ihn überhaupt gleich an beiden Ohren aus dem Sitz zu heben. Da die meisten unserer Lehrer ohne solche Methoden auskamen, es sich also keineswegs um eine übliche Erziehungsmethode handelte, dürfte schon eine gewisse Lust am Sadismus – an Kindern! – mitgespielt haben. Heute käme so ein Mann wahrscheinlich ins Gefängnis, damals durfte er noch Direktor an der Hauptschule werden.

 

Ein anderer, der zu meiner Zeit Direktor wurde, war früher NSDAP-Ortsgruppenleiter. Uns Kindern gegenüber war er aber eigentlich recht nett und freundlich. Er soll sich auch in jener unseligen Zeit anständig benommen haben, soweit man sich in dieser Position so benehmen konnte. Ich habe jedenfalls nie etwas Schlechtes über ihn reden gehört.

 

Dass meine Schulerziehung nie liberal oder weltoffen war, lässt sich aufgrund obiger Personen in führender Position leicht nachvollziehen. Da ich ein sehr guter Schüler war, musste ich mich eigentlich nur selten vor der Schule fürchten. Aber es gab schon den einen oder anderen Mitschüler, der bereits vor Beginn des Unterrichtes aus lauter Angst vor dem Lehrer zu weinen begann.

 

Da das, was ich gerade oben beschrieb, an der Hauptschule 1 nicht mehr passiert, fähigere Pädagogen das Ruder übernahmen und unselige Zeiten überwunden wurden, kann man ihr schon ein Prädikat verleihen. Um aber wirklich etwas zu vererben zu haben, muss sie noch hart arbeiten. Wie heißt es im Faust so schön?Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen“. Wohlan denn, schafft!

Der brave Hansl – Der böse Bube

Juli 15, 2008 um 10:11 pm | Veröffentlicht in Allgemein | 4 Kommentare
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Der brave Hansel – Der böse Bube

 

Im Nachlass des Johannes M. wurde unter Anderem eine Geschichte gefunden, die von Johannes M. eigenhändig geschrieben war. Sie beginnt mit einer Einleitung, aus der man erfährt, dass Johannes M. während seiner Schulzeit aus für ihn nicht nachvollziehbaren Gründen zum Außenseiter wurde – gemacht wurde – wobei alle, auch die Lehrer mittaten. Später im Leben hatte er immer mit seinen Erinnerungen  an die erlittenen Erniedrigungen zu kämpfen und überwand sie einfach nicht. Ein guter Freund brachte ihn dazu, sich an einen Psychotherapeuten zu wenden und so unterzog sich Johann M. einer Therapie. Der Therapeut riet ihm, seine Geschichte aufzuschreiben, vielleicht würde das weiterhelfen. Johannes M. erzählt in seiner Einleitung, dass es ihm nicht möglich war, die psychische Gewalt, so wie er sie erlebte, zu schildern und so habe er das, was er psychisch erlebt hatte, in physische Tortur transformiert.  Nur so sei es ihm möglich gewesen, anderen mitzuteilen, was er während seiner Schulzeit erlebte. Dann folgt der Bericht, wie er unten steht, geschrieben in der dritten Person. Johannes M. erhängte sich trotz Therapie 8 Jahre nach seiner Matura.

 

Der Lehrer zog mit seiner verkrüppelten linken Hand den Hansel an den Haaren ins Direktionszimmer. Hansel jammerte laut, weil ihm der harte Griff des Lehrers sehr weh tat. “Bitte nein, bitte nein”, schrie er in seiner Verzweiflung, “bitte lassen sie mich los”. Der Lehrer war unerbittlich und lies mit seiner Hand nicht locker. Später wäre Hansel froh gewesen, wenn er nur solche Schmerzen zu ertragen gehabt hätte.

 

Mit einem Ruck an den Haaren schleuderte der Lehrer den Buben vor den Schreibtisch des Direktors. “Er hat sie schon wieder gehabt”, keuchte er vor Erregung, “schon wieder”. “Um Gottes Willen, beruhigen Sie sich”, sagte der Direktor, der halb taub war und dem Lehrer von den Lippen ablesen musste, “wir werden es dem Burschen schon zeigen, aber dazu dürfen wir nicht aufgeregt sein. Wir müssen diesmal zu härteren Maßnahmen greifen, wenn er sie schon wieder hatte. Das letzte mal liegt nur ein Monat zurück. Ich selber habe auch keine und der Bursche wird bald auch keine mehr haben, sie werden schon sehen”.

 

“Den Vater habe ich telefonisch schon verständigt”, informierte der Lehrer den Direktor, “er wird bald auch da sein. Aber wir sollen schon ohne ihn anfangen, hat er gesagt. Er war entsetzt über seinen Buben”. “Na, dann fangen wir an”, sagte der Direktor und gab dem Hansel eine Ohrfeige, dass diesem das Kiefer sofort brach und sich seitlich verschob. Mit schiefem Mund schrie das Kind vor Schmerz auf, was ihm aber noch mehr Schmerzen bereitete, weil er den Mund wegen der gebrochenen Knochen eigentlich gar nicht mehr öffnen konnte. Der Lehrer gab ihm von der anderen Seite eine Ohrfeige, worauf das Trommelfell von Hansel platzte und Blut aus dem Ohr zu fließen begann. “Jetzt versaust du uns noch den Teppich, du Saubub”, schrie er und schlug gleich noch einmal zu. An den Ohren zog er ihn hinüber in die Ecke, wo der Plastikfußboden war, der war leicht zu reinigen. Hansl lag in der Ecke und zitterte vor Schmerzen und vor Angst. Er blickte auf das Kruzifix, das über dem Schreibtisch des Direktors hing und betete still: “Lieber Christus, Du hast doch am Kreuz auch so fürchterliche Schmerzen gehabt. Wie hast du die ausgehalten? Ich habe auch nichts Böses getan, genau wie Du, aber ich halte die Schmerzen nicht mehr aus. Warum tun sie mir so weh? Was habe ich getan? Bitte hilf mir, lieber Jesus, bitte. Sie sollen aufhören zu schlagen, bitte, bitte hilf mir“ Aber Jesus konnte nicht helfen, er litt selber unter großen Schmerzen, weil er gerade ans Kreuz genagelt wurde. Denn jedes Mal, wenn ein Kind von seinen Eltern oder seinen Lehrern körperlich oder gar psychisch misshandelt wird, wird Jesus immer wieder neuerlich ans Kreuz genagelt. Weil sie mit einmal nicht genug und nichts verstanden haben, die Menschen.

 

Der Direktor zog Hansel an den Ohren aus der Ecke und flüsterte mit unheimlicher, zorniger Stimme, Speichel tropfte zwischen seinen Lippen hervor: “Lege deine Hand auf den Tisch, die Flache Hand, mit der Handfläche nach unten”. Zitternd vor Angst kam Hansel dieser Anordnung nach. “Gleich wirst Du sie nicht mehr haben, Du Rotzbub”, fuhr er Hansel an. Mit den Worten: “Herr Kollege, sie haben den ersten Schlag”, ließ er dem Lehrer den Vortritt. Der Lehrer nahm den eisernen Briefbeschwerer, auf dem geschrieben stand, dass man nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen würde, und schlug mit ihm fest auf die ausgestreckte Bubenhand. Man hörte die Mittelhandknochen laut knirschen und brechen. Mit einem erstickten Laut heulte Hansel auf. Der Schmerz war fürchterlich und zog sich durch die Hand und den Arm hinauf bis in seine Schmerzzone im Hirn, sodass er glaubte bewusstlos zu werden. Aber er hatte keine Zeit an den Schmerz zu denken, denn jetzt nahm der Direktor Hansels zweite Hand, zog sie auf den Schreibtisch und schlug mit dem Lineal, mit der scharfen Kante zu. Hansel fünf Finger wurden beinahe abgetrennt. Nur an den Sehnen hingen sie noch von der Handfläche herab. Dem Schüler wurde schwarz vor den Augen, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten., Da öffnete sich die Tür, der Vater trat ein. Groß und stark war er und der Steireranzug stand ihm prächtig. Er wäre ein schöner Mann gewesen, hätte sein Gesicht nicht tiefe Kummerfalten verunstaltet. Auch fehlte ihm ein Ohr.

 

“Aha, haben Sie ihn schon ein wenig behandelt, den Lausbuben den verflixten: Danke schön, Herr Direktor. Ich weiß mit ihm nicht mehr aus und ein. Er hat sie schon so lange, aber nicht von mir. Ich habe keine. Ich habe sie noch vor dem ersten Schultag verloren. Aber seine Mutter, die hatte eine und hat sie nie aufgegeben. Von ihr muss sie der Bub haben. Ich habe mich dann nach einigen Jahren von ihr scheiden lassen, nachdem ich bemerkte, sie würde sie für immer haben. Unerträglich war das. Aber der Bub, der Bub hat sie von ihr bekommen, bevor sie aus dem Haus war. Und ich will, dass er sie endlich auch nicht mehr hat”. Und er gab dem Buben einen Fußtritt, dass er durch das ganze Zimmer flog. Wimmernd vor Schmerz kauerte er sich wieder in der Ecke zusammen und blickte wieder zum Erlöser am Kreuz.

 

„Warum hilfst Du mir nicht Jesus?“ fragte er, „Warum hilfst Du mir nicht? Ich bin doch ein braver Bub, warum quälen die mich so? Ich gehe doch jeden Sonntag in die Kirche und bete zu Dir und Deiner Mutter. Und die gehen auch jeden Sonntag in die Kirche und beten auch. Warum tun sie das nur mit mir? Warum haben sie mich nicht lieb? Ich möchte so gern ein braver Bub sein, Jesus, den alle lieb haben, aber immer schlagen sie mich, immer schlagen sie mich. Es tut so weh, es tut so weh. Aber vielleicht bin ich nicht brav, vielleicht muss ich geschlagen werden. Der Vater sagt es immer. Bin ich ein böser Bub, Jesus? Dann verdiene ich es wohl geschlagen zu werden und Schmerzen zu haben, so wie du? Bitte sag es mir. Bitte, bitte hilf mir!“ Aber Jesus gab keine Antwort und so blieb Hansel mit seinen Fragen, seiner Angst und seinen Schmerzen alleine. Von den anderen hatte niemand sein stummes Gespräch mit dem Gekreuzigten gehört. Sie nahmen nur sein ihn beinahe erstickendes Schluchzen wahr.

 

“Ich habe sie auch nicht, sagte der Direktor. Ich habe sie auch schon als Kind verloren. Was ist nur mit dieser Jugend los. Was muss man nicht alles tun um sie ihnen zu nehmen. Mein Beruf macht mir oft gar keine Spaß mehr”.

 

Der Lehrer stimmte zu und erklärte auch, er habe sie bereits mit drei Jahren verloren, dank eines klugen aber strengen Vaters. Die Mutter habe nie eine gehabt und so sei er ungefährdet durchs Leben gegangen, und habe sich seinen Beruf ausgewählt, um auch nie in Gefahr zu kommen, sie wieder zu bekommen.

 

Der Vater hatte inzwischen sein Feuerzeug angezündet und hielt es an Hansels Ohr. Mit der anderen Hand hielt er sein Kind am Kopf fest, so dass dieses sich nicht rühren konnte. Das Ohr färbte sich sofort rot und nach einiger Zeit schwarz und es stank im Zimmer nach verbranntem Fleisch. “Verlier sie endlich, Rotzbub elendiger, verlier sie endlich, oder ich höre nicht auf”. Hansel konnte nur noch wimmern „Mutti, Mutti, hilf mir, Mutti, hilf mir , komm doch, hilf mir, bitte, bitte, oh Gott, oh Gott, oh Gott“. Nach einer Minute Feuer aber umfing ihn gnädige Ohnmacht und der Vater ließ ihn los. Hansel sank zusammen und lag auf dem Boden wie ein Haufen Dreck, den jemand dort hingeschüttet hatte.

 

Die drei Erwachsenen beschäftigten sich noch längere Zeit mit dem Schüler, konnten ihn aber aus seiner Bewusstlosigkeit nicht zurückholen. Hansel spürte daher nichts mehr, als sie ihm auch noch das Nasenbein und einige Rippen brachen. “Jetzt wird er sie los sein”, sprach nach einiger Zeit der Direktor, “rufen wir die Rettung, hier wird er nicht mehr wach”. Als die Rettung eintraf, war der lapidare Kommentar des Rettungsfahrers beim Anblick Hansel: “Hat schon wieder einer eine gehabt, das hört wohl nie auf”. Dennoch blickte er mit Mitleid auf den seufzenden Bubenhaufen und lud ihn ganz vorsichtig auf die Bahre, mit der er ihn zum Rettungswagen rollte.

 

Dann fuhr er ganz langsam, um ihm nicht noch mehr Schmerzen zu bereiten, mit seinem Patienten davon. “Warum musst denn auch eine haben Bub”, flüsterte er zornig vor sich hin, “warum musst denn eine haben und auch noch reden. Darüber redet man doch nicht. Man hat sie, aber redet nicht darüber, so habe ich es mein ganzes Leben gemacht und bin damit gut gefahren. So jung bist Du, so jung, und hast eine eigene Meinung. Schade, wirst noch viel leiden müssen, in Deinem Leben”.

 

 

 

 

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