Das Weihnachtsmärchen vom alten Sessel und vom alten Tisch

November 11, 2008 um 9:43 pm | Veröffentlicht in Bad Goisern, Meine Bücher | 3 Kommentare
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In einer Küche in einem alten Haus in Goisern standen einmal ein alter aber schöner Tisch und ein alter aber noch recht rüstiger Sessel. Der Tisch stand am Fenster der Küche mit Ausblick auf den Sarstein und der Sessel stand an der Seite des Tisches, die dem Inneren der Küche zugewandt war. Auch er konnte, wenn er sich ein wenig streckte, den Sarstein erblicken. Aber das wollte er gar nicht so oft. Erstens streckte er sich nicht gerne, schliesslich war er kein Liegestuhl, wie er sich auszudrücken pflegte, und zweitens gefiel ihm der Sarstein nicht besonders gut. Früher verrichtete er nämlich seinen Dienst als Sitzgelegenheit im Wohnzimmer und von dort aus konnte er durch das riesige Fenster den Kalmberg sehen, in seiner ganzen Pracht. Als er aber alt wurde, hat man ihn ausgetauscht gegen einen neuen Sessel, maschinengefertigt, von einem Möbelhaus. Er behielt aber seinen Stolz, schliesslich war er einer der letzten handgemachten Sessel vom Stickertischler und passte vorzüglich zum alten Tisch, der ebenfalls handgemacht war, vom Sommerauertischler.

 

Beide dachten auch oft zurück an die Weihnachtsfeiern, die sie mit der Familie des Eigentümers erlebt hatten. Oft stand ein Weihnachtsbaum auf dem Tisch, umgeben von Geschenken, hell erleuchtet von brennenden Kerzen. Da hat er sich jedesmal gefürchtet, weil so ein Baum brennt schnell und der Tisch darunter hätte auch seinen Teil abbekommen. Heisses Wachs war oft auf ihn herabgetropft, aber das hat er ausgehalten, die Freude über die strahlenden Gesichter rund um ihn liessen ihn den kurzen Schmerz, den heisses Wachs verursachte, jedesmal schnell vergessen. Hundert Mal oder öfter hat er bisher das „Stille Nacht, heilige Nacht“ gehört, gesungen von drei Generationen Eigentümer. Auch der Sessel hatte ähnliche Erinnerungen. Auf ihn wurden Geschenke abgestellt, bis zur Bescherung. Nachher nahm auf ihm das jeweilige Familienoberhaupt Platz, wenn dann die Bratwürste aufgetischt wurden am hl. Abend. Da war schon manch schwerer Hintern dabei, aber er hat es geduldig ertragen.

 

„Adel und Leim verbindet“, sagten stehts die zwei, der Tisch und der Sessel. Aber sie wurden halt doch schon sehr alt und hatten schon die eine oder andere Schramme erlitten und so manche Reparatur über sich ergehen lassen. „Wenn wir doch ins Heimatmuseum kämen“ sagte da eines Tages der Tisch zum Sessel und seufzte laut. Tische und Sessel können nämlich reden und sich unterhalten, auf Holzisch, jedenfalls, wenn sie handgemacht sind. „Ja ja, antwortete der alte Sessel,“ ebenfalls laut seufzend, „das wäre schön, im Heimatmuseum. Da bräuchten wir nur herumzustehen, uns bewundern zu lassen und jeden Samstag würde uns die Resi abstauben mit ihren zarten Händen. Und vielleicht hätten wir sogar ein Fenster mit Blick auf den Kalmberg, mein Gott wäre das schön.“

 

Aber daraus wurde nichts. Der Eigentümer des Hauses, der Küche und somit auch des Sessels und des Tisches war nämlich sehr sparsam und wollte kein Geld ausgeben für neue Küchenmöbel. Und ausserdem gefielen ihm die beiden Möbelstücke, die zwar alt aber handgemacht und daher selten waren. Oft zeigte er sie stolz einem Besuch, der zu hause nur Maschinenmöbel hatte. „Das ist halt noch Qualität“, protzte er dann, „Das kann sich heute kaum mehr wer leisten, die zwei bleiben bei mir, bis ich sterbe und dann erhält sie mein Neffe.“ Er war nämlich Junggeselle und deshalb hatte er auch nur einen Sessel in der Küche, weil er immer allein frühstückte und zu Abend ass. Mittags speiste er meistens beim Moserwirt, aber am liebsten sass er doch zum Essen in seiner Küche, auf dem alten Sessel und bei dem alten Tisch. Da war es so richtig urig und gemütlich.

 

Aber auch er war alt geworden, der Eigentümer, der Sepp. Alt und dick vom Biertrinken und den unzähligen Schweinsbraten mit Knödel vom Moser und damit auch schwer, sehr schwer. Und schwer lastete er auf dem Sessel, wenn er sich zum Tisch setzte und schwer lastete er auf auf dem Tisch, wenn er seine Arme auf ihn stützte oder wenn er in seiner Junggeselleneinsamkeit soff und dann im Rausch mit dem Kopf auf dem Tisch einschlief. Dann träumte er meistens von vergangenen Lieben und versäumten Gelegenheiten und wachte oft mit einem Schrei auf.

 

„Meine Beine ertragen das halt auch nicht mehr so gut“ sagte der Tisch zum Sessel auf Holzisch, „er ist halt gar so schwer geworden,“ ich fürchte mich schon davor, dass meine Beine einmal einknicken, wenn er seinen Sauschädel wieder auf mich legt und schnarcht in seinem Rausch. Und dann wird er mich wegschmeissen, oder gar kleinhacken und verbrennen im Herd.“ „Was denkst Du denn wie es mir geht?“ antwortete ihm der Sessel, „ das meiste Seppgewicht lastet ja doch auf mir, dieser riesige Hintern mit dem fetten Bauch vorne drauf, ich bin auch nicht viel jünger als Du und ich habe auch Angst, dass ich entzündete Stuhlbeinitis bekomme von dem Gewicht und vom Alter und dann wird er mich auch wegwerfen oder verbrennen. Was machen wir nur, was machen wir nur, ich möchte endlich ausruhen und kein Gewicht mehr tragen müssen.“

 

Es war wieder einmal Weihnachtszeit. Da dachte der alte Tisch eine Nacht lang nach, schlief nicht ein und hatte bis zum nächsten Morgen einen Plan entwickelt.“Du, Freund Sessel“, sagte er zu dem alten Sessel, ich habe eine Idee, wie wir ins Heimatmuseum kommen können.“ „Und was wäre das für eine Idee?“ fragte der Sessel. „Eine sehr gute Idee, Du must nur ganz fest an ein Weihnachtswunder glauben und an das Christkind.“ Und als am heiligen Abend der Sepp nach Hause kam und sich in der Küche auf ein Bier an den Tisch setzten wollte, traute er seinen Augen nicht. Der Sessel, der sein ganzes Leben geradegestanden war, hatte sich vorgeneigt, stand nur noch auf zwei Beinen, und hatte sich schräg unter den Tisch eingeklemmt, sodass der Tisch aufgehoben wurde und nun auch erstmals in seinem Leben schräg auf zwei Beinen stand. Ein langes, blondes lockiges Haar hatte sich in der Tischlade eingeklemmt. Und wie sehr der Sepp auch zerrte und rüttelte und schimpfte und fluchte, er konnte den Sessel vom Tisch nicht mehr wegzerren, so sehr hatten sich die beiden mit aller Kraft ineinander verkeilt. Und sie waren handgeschnitzt, aus harter Buche und stark, sehr stark. Nach stundenlangem Bemühen gab der Sepp endlich auf. „Wenns nicht geht, dann ab mit den Beiden ins Museum“ sagte er zu sich „das ist ja fast ein Wunder, wie die ineinander verkeilt sind und nicht auseinanderzubringen, das müssen alle Goiserer sehen.“ Und so geschah es.

 

Der Museumsdirektor Josef M. Euer nahm diese Kuriosität in seinen Austellungsbestand auf. Tisch und Sessel erhielten auch zufällig einen Platz vor einem Fenster mit Blick, man staune, auf den mächtigen Kalmberg. Und seither strömen jährlich tausende von Besuchern in das goiserer Heimatmuseum um die ineinadergekeilten und unzertrennlichen Möbelstücke zu bestaunen.

 

Niemand, auch kein Wissenschafter von der Universität Wien, konnte erklären, was da geschehen war und an einen Möbelgott, der Möbelwünsche erfüllt oder gar an das Christkind, daran konnte keiner der Wissenschafter auch nur glauben. Der alte Tisch und der alte Sessel verbrachten den Rest ihres holzischen Daseins im Goiserer Heimatmuseum und wurden weltberühmt.

 

Es wurde zum Brauch und dieser besteht bis heute, dass sich junge Pärchen am Nachmittag des heiligen Abends rund um Tisch und Sessel stellen, sich aneinanderlehnen und sich dabei fest vom Christkind wünschten, dass sie nie mehr getrennt würden. Man sagt, dass sich dieser Wunsch bisher stehts erfüllt hat und viele dieser Pärchen besuchen auch heute noch als Ehepaare mit ihren Kindern zu Weihnachten den alten Tisch und den alten Sessel im Heimatmuseum. Und sie singen dann im Chor mit den jungen Pärchen und den älteren Damen, welche das Heimatmuseum leiten und Engelsstimmen haben, „Leise rieselt der Schnee“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder gar den Andachtsjodler. Und dann ist es so, als würde man im Heimatmuseum das Christkind selber singen hören.

 

Und wenn wir aus der Geschichte etwas lernen können, dann ist es dies: Seid immer ein wenig schräg, haltet fest zusammen und glaubt an Wunder und das Christkind, dann ist alles möglich für Euch, auch das Unmögliche.

 

 

 

Sessel und Tisch im Heimatmuseum

Sessel und Tisch im Heimatmuseum

 

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