Wie sich das Christkind einmal etwas zu Weihnachten wünschte

Dezember 20, 2009 um 10:57 am | Veröffentlicht in Allgemein, Bad Goisern | 5 Kommentare
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Wie sich das Christkind einmal zu Weihnachten etwas gewünscht hat

 

Gleich neben der Fleischerei Forstinger befindet sich ein kleiner Garten. In diesem Garten steht ein hölzernes Gartenhäuschen nach alter Goiserer Art. Handgemacht und reichlich mit Schnitzereien verziert. Im Sommer blüht vor diesem Häuschen der schönste Goldflieder-strauch weit und breit und erfreut jeden, der daran vorbeigeht. Das Häuschen selbst spendet Schatten, dem der sich hineinsetzt, was naturgemäß die dort arbeitenden Fleischer mit einem kühlen Gösserbier zur Mittagszeit tun. Ein merkwürdiger Friede legt sich dann über sie, der aber nicht von der Flasche Bier stammt, die sie genüsslich trinken, sondern von etwas ganz anderem.

Das Häuschen ist nämlich nur elf Monate im Jahr ein gewöhnliches Gartenhäuschen. Mit Beginn der Adventzeit aber verwandelt es sich in ein Weihnachtsgeschäft für Heilige und andere Menschen, die nach ihrem Tod in das Himmelsreich aufgenommen wurden. Das kann doch nicht sein, sagt ihr, das hätte ich doch bemerken, hätte ich doch sehen müssen. Ihr könnt das himmlische Weihnachtsgeschäft im Garten aber nicht sehen, weil es für die Augen von Erwachsenen als ein solches unsichtbar ist und für Erwachsene auch im Dezember wie ein gewöhnliches, schneebedecktes Gartenhäuschen aussieht. Nur Kinder können es sehen, Kinder die sehr, sehr brav sind, ein Herz aus Gold haben und eine gute Tat vollbrachten, kurz bevor sie daran vorbeigehen. Das sind nur wenige Kinder. Und wenn dann diese den Erwachsenen erzählen, dass sie beim Forstinger im Garten ein goldenes, himmlisches Weihnachtsgeschäft gesehen haben, glaubt ihnen das keiner, weil es so wunderbar ist. Und Erwachsene glauben nicht mehr an wunderbare Dinge, daher können sie diese auch nicht sehen. So reden sie den Kindern ein, sie hätten dies alles nur geträumt und die Kinder scheuen sich daher, davon weiterzuerzählen, glauben mit der Zeit selbst an einen Traum und daher weiß niemand in Goisern von diesem Geschäft. Dennoch existiert es.

In diesem Geschäft also kaufen die Heiligen zu Weihnachten Geschenke ein. 1 kg Glück z.B., das kostet zwei Eimer Myrrhe oder zwei Löffel Weihrauch. 1 Liter Vertrauen kostet in etwa das selbe. Lächeln ist teuerer. 1 Meter Lächeln kostet an die 3 Goldbarren, weil zufriedenes, ehrliches Lächeln so selten geworden ist. Zufriedenheit war heuer schnell ausverkauft, weil die Weltwirtschaftskrise auch am Himmel nicht spurlos vorbeiging. Irgend so ein Investmentbanker, der irrtümlich in den Himmel kam, hat es auch da oben nicht bleiben lassen können und 44 Milliarden Sterne und Planeten an den Teufel verzockt. Und da wurde auch die Zufriedenheit im Himmel weniger. Es dauert nämlich mehr als zwei Ewigkeiten, manchmal sogar drei, bis diese Sterne und Planeten wieder nachwachsen. Heiligenscheine gibt es derzeit im Überangebot, weil die alten Heiligen haben schon einen und neue Heilige werden immer seltener, seit die Menschen lieber die Börsennachrichten lesen, als die Bergpredigt unseres Herrn. Sehr teuer ist in letzter Zeit die gute, dauerhafte Beziehung geworden, die kostet mittlerweile schon mehr als 10 Esslöffel Weihrauch. Und so können die Himmelsbewohner zur Adventzeit in diesem kleinen Weihnachtsgeschäft alles kaufen, was denjenigen, der das Geschenk erhält, glücklich und zufrieden macht.

Voriges Jahr aber kam wieder das Christkind mit seiner Mutter Maria an diesem Geschäft vorbei und sah mit traurigen Augen die vielen herrlichen Sachen in der Auslage. – „Mutter“, sagte es, „immer muss ich schenken und nie bekomme ich etwas. Ich möchte auch einmal ein Weihnachtsgeschenk erhalten. Und wenn es nur ein ganz kleines ist.“ – „Aber Kind,“ antwortete die Mutter Maria, „dein Geschenk ist, dass du Gottes Kind bist, ist dir das nicht genug?“ – „Nein, das ist mir nicht genug,“ erwiderte – ganz gegen seine Gewohnheit – das Christkind, „ich möchte heuer auch ein Geschenk.“ – „Aber du weißt doch, dass ich nichts mehr kaufen kann, weil ich die ganze Myrrhe und unseren ganzen Weihrauch ausgegeben habe, um für den hl. Josef einen Meter unendliche Liebe zu kaufen und jetzt habe ich nichts mehr, als“ – und sie kramte mit ihrer rechten Hand in der Rocktasche – „als dieses Körnlein Weihrauch und darum bekommen wir kaum etwas.“ – „Lass es uns doch versuchen,“ gab das Christkind nicht auf, „gehen wir in das Geschäft und fragen wir, ob es nicht doch etwas für ein Körnchen Weihrauch gibt.“ Und weil es Angst hatte, auch heuer kein Geschenk zu bekommen, begann es leise zu weinen. Die Tränen benetzten sein weißes Kleid und seine goldenen Flügel hingen traurig herunter. Da gab Maria nach. „Komm, sagte sie, vielleicht bekommen wir doch noch ein kleines Geschenk für dich“, nahm es an der Hand und betrat mit ihr das Weihnachtsgeschäft.

Hinter dem Ladentisch stand der hl. Martin, ein wohlgenährter freundlicher älterer Herr. „Grüß Gott“ sagte er, „nur hereinspaziert, was darf es denn sein?“ – „Nun ja,“ meinte Mutter Maria, „ich weiß auch nicht genau, wir haben ja nur noch ein Körnlein Weihrauch und können daher gewiss nicht sehr wählerisch sein. Aber mein Kind wünscht sich so sehr ein Geschenk. Vielleicht hast du noch eine ganz kleine Kleinigkeit, die nicht viel kostet, aber dennoch Freude bringt?“ – „Na ja,“ sagte der hl. Martin mir seiner tiefen Stimme „da hätte ich schon was, aber es ist halt wirklich sehr, sehr klein.“ – „Das macht nichts,“ antwortete Maria, „auf die Größe kommt es sicher nicht an. Was ist es denn?“ – „Ich habe da noch 1 Sekunde Weltfrieden, der Rest ist schon verkauft. Weiß auch nicht wieso, da kaufen sich die Leute immer haufenweise Weltfrieden und dann werfen sie ihn fort, weil sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Aber, wie gesagt, eine Sekunde habe ich heuer noch.“ – „Ja, die nehmen wir“, riefen Christkind und seine Mutter Maria gleichzeitig. – „Juchhu, ein Geschenk für mich, ein Geschenk für mich, ach wie ich mich freue,“ stieß das Christkind ganz erregt hervor und gab Maria ein Busserl auf die Wange. – „Danke, liebe Mutter, du machst mir eine riesige Freude. Bitte bitte hl Martin, ich möchte den Weltfrieden sofort und sogleich haben.“ – Der hl. Martin nahm das kleine Stück Weltfrieden vom Haken, der an der Wand hinter ihm befestigt war, packte es in Himmelspapier ein und überreichte es dem Christkind. Dieses begann vor Freude über sein allererstes Geschenk zu strahlen, zu funkeln und zu leuchten – und dann geschah es:

Auf der ganzen Erde kehrte für eine Sekunde der Weltfriede ein.

Der Bäcker Kurt, der sich gerade grantig niederlegen wollte, überlegte es sich und gab seiner Frau Berta einen Kuss. Und weil diese in dieser Sekunde ihrem Mann auch einen Kuss geben wollte, trafen zwei Küsse aufeinander und es gab einen Schmatz, wie wenn ein Autoreifen platzt.

Der Moserwirt war gerade beim Getränkekarteschreiben, hielt einen Augenblick inne und sagte zu sich: „1,90 für den kleinen Braunen tut es auch und für ein Achterl vom Guten genügen 1,50 Euro.“ Gott sei Dank war dann die Sekunde vorbei, weil sonst hätte er gar noch das Krenfleisch auf unglaubliche 1,20 Euro herabgesetzt und dann würde es den Moserwirt nicht mehr lange geben.

In Houston, Texas, sollte ein Mörder auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden, doch fiel in dieser Sekunde der Strom aus. Das war ein Glück, weil noch eine Sekunde später kam der Anruf vom Gouvernor, dass der Hinzurichtende unschuldig sei und unverzüglich entlassen werden sollte.

In Bagdad hatte eine Bombe am Marktplatz eine Fehlzündung.

In Afghanistan verhinderte ein plötzlich aufkommender Sandsturm den Angriff der Taliban auf einige amerikanische Soldaten, oder war es umgekehrt? Das konnte man im Sandsturm nicht genau erkennen.

In Mittelamerika hörte plötzlich der sintflutartige Regen auf, der seit Wochen niederprasselte und tödliche Überschwemmungen verursachte.

Im österreichischen Parlament gab die grüne Chefin dem HC Strache die Hand. Bevor sie ihn auch noch küssen konnte, war die Sekunde aber vorbei.

Der Bundeskanzler sagte zum Vizekanzler, „fesch sans heit Herr Pröll, hobns obgnuma?“

In Äthiopien begann es nach 3 Jahren Dürre plötzlich zu regnen.

Alle Gewehre und sonstigen Schießapparate auf der Welt, aus denen gerade geschossen werden sollte, versagten den Dienst.

Der Goiserer Bürgermeister wurde von seinem Vize, Ing. Siegel, aus Dankbarkeit für irgendwas umarmt.

Der Wildschütz Hias Sonnseitna wurde von der Kugel des Jägers Sepp Schießer verfehlt.

Im Gasthaus „Dischgu“ rief der Wirt plötzlich laut aus.“Die nächste Lokalrunde geht auf mich“.

Eine Mutter und ein Vater fanden ihr Kind, das sich verlaufen hatte.

Und die Mutter Maria sagte zum Christkind: „Im nächsten Jahr werde ich bei anderen Geschenken sparen, vielleicht kann ich dir dann sogar eine Minute Weltfrieden kaufen.“

Und darauf, liebe Leute, sollten wir hoffen.

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Eine Weihnachtsgeschichte aus den Alpen

Dezember 11, 2008 um 11:02 pm | Veröffentlicht in Aus meinem neuen Buch | 3 Kommentare
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Der Weihnachtsmann in der Rathluckahütte

 

Er schwitzte und keuchte als er sich mit seinem schweren Sack am Rücken bergaufwärts quälte. Sie hatten ihm in der Werkstatt wieder den falschen Sack gegeben. Normalerweise schlüpfte er mit ihm durch den Schornstein in die Häuser der Kinder und wenn er im Wohnzimmer ankam, füllte sich der bis dahin leere Sack automatisch durch Gottes Segen mit Geschenken. Diese verteilte er dann. Und mit dem geleerten Sack wanderte er leichten Fußes weiter zum nächsten Haus, wo sich der Sack wieder füllte. Dieser Sack aber, den er jetzt trug, der füllte sich sofort, nachdem er die Geschenke in den aufgehängten Socken verteilt hatte. Ein Konstruktionsfehler! So war er gezwungen, mit stets gefülltem Sack von Haus zu Haus zu wandern. Das wäre in der Stadt nicht so schlimm gewesen. Wünschten sich dort die Kinder doch ausschließlich Computerspiele auf CD’s zu Weihnachten und die waren nicht schwer. Jetzt aber war er auf dem Höhenweg im Goiserertal unterwegs, auf dem man von Lauffen bis zur Rathluckahütte gehen kann.. Und die verflixten Goiserer Kinder wünschten sich immer noch einen Traktor, ein Feuerwehrauto, Lego-Baukästen, gar auch Schlitten und Skier und das ganze Zeug war unheimlich schwer.

 

Er wollte laut fluchen. Weil aber Weihnachtsmänner heilig sind, kam jedes Mal, wenn er fluchte, statt einem Schimpfwort ein „Lobet den Herrn, halleluja“ aus seinem Mund. Er ärgerte sich nicht nur über seine Last, sondern auch darüber, dass er diesmal für Österreich eingeteilt war. In Amerika, da hatte er es letztes Jahr leichter gehabt. Erstens: Die Amerikaner glaubten alle an ihn. Und nur wenn jemand an ihn glaubte, konnte er existieren. Und zweitens: Sie glaubten dort auch an seine Rentiere und seinen Schlitten, den die Rentiere zogen und auf den er seinen Sack legen konnte. Das machte die Arbeit leicht. Hier aber, in Österreich glaubten nur 49,95 % der Menschen an ihn. Und 0 % glaubten an seine Rentiere und den Schlitten. Und so blieb er in Österreich Rentier- und schlittenlos und war gezwungen, den Geschenkesack selber zu tragen. Und weil nur 49,95 % an ihn glaubten, 50,05% aber an das Christkind, kam es immer wieder vor, dass er sich zu einem Haus bemühte, in dem niemand an ihn glaubte und er wieder umkehren musste um zum nächsten Haus zu gehen, wo er hoffentlich den Sack leeren konnte, wenn das verflixte Christkind nicht zuvorgekommen war.

 

Einmal in seinem Leben hätte er es gerne getroffen, dieses Christkind. Dem hätte er schon seine Meinung gesagt. Aber bisher waren die beiden wie durch ein Wunder nie zusammengetroffen. In Wahrheit war es kein Wunder. Der Erzengel Gabriel, zuständig für die himmlische Weihnachtsorganisation und die Komposition von neuen Weihnachtsliedern, hatte es so eingeteilt, dass die beiden nie zusammentrafen. Das wäre ja ein schöner Weihnachtsabend gewesen. Die Kinder hätten auf die Geschenke gewartet während Weihnachtsmann und Christkind im Schnee rauften und auf die Geschenkverteilung vergaßen. Eine kleine Rache hatte sich der Weihnachtsmann aber schon einfallen lassen. Er glaubte nicht an das Christkind. Denn, so dachte er, wenn er nicht an das Christkind glaubte, so würde es nicht existieren. Eine Milliarde Mal flüsterte er in der Heiligen Nacht vor sich hin:“ Das Christkind existiert nicht, das Christkind existiert nicht“. Aber das nützte natürlich nichts, weil, wie wir alle wissen, es nur darauf ankommt, woran die Kinder glauben und auf sonst nichts. 50,05% der Kinder in Österreich glaubten laut Statistik an das Christkind. Da konnte er im Moment  nichts dagegen tun.

 

Und so stampfte er unwillig dahin. Auf dem Weg zur Rathluckahütte musste er durch zwei Höhlenwege gehen. Darin funkelte kein Stern, leuchtete kein Mond und der Weihnachtsmann fürchtete sich darin sehr. Um sich Mut zu machen, pfiff er laut vor sich hin: „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und in der zweiten Höhle: „Leise rieselt der Schnee“. Weil in diesem Lied das Christkind bereits in der ersten Strophe vorkam, brach er aber sein Pfeiffen recht schnell ab und lief den Rest des Höhlenweges wie ein Blitz. Jetzt musste er nur noch an der Höhle vorbei, in die vor einiger Zeit ein Schnitzer einen fürchterlichen Drachen mit feuerspeiendem Maul und langem Schwanz hineingestellt hatte. Vor dem fürchtete er sich ungeheuerlich. Aber es gab keinen Umweg. Links von ihm ragte die Felswand empor, rechts von ihm gähnte der Abgrund. Und so nahm er einen Anlauf und sprang mit einem Riesensatz an der Höhle vorbei, die 10m breit war. „Weltrekord im Weitsprung für Weihnachtsmänner“, dachte er bei sich, „gar nicht schlecht für mein Alter. HOHOHO“ Und mit nun langsameren Schritt marschierte er weiter, zur Hütte konnte es nicht mehr weit sein. Er musste nur aufpassen, sie nicht zu verpassen, sonst landete er beim Stimitzer Hans. Und der glaubte an das Christkind, wie im ein Kollege erzählt hatte, dem das im Vorjahr passierte und der kilometerweit zurückmarschieren musste, nachdem er den Irrtum erkannt hatte.

 

Er blickte im Sternenlicht um sich. Noch sah er nichts, außer Bäumen, die sich küssten. Denn am heiligen Abend, wenn ein leichter Wind durch den Wald streift und der Weihnachtsjodler vom Dorf durch das ganze Tal bis hinauf zu den Bergesgipfeln ertönt, dürfen sich die Bäume aufgrund göttlicher Genehmigung mit ihrem oberen Teil, dem Wipfel, zueinander neigen, die Äste zu Kusslippen formen und sich gegenseitig küssen. Und so entstehen die kleinen Bäume – oder was habt ihr gedacht, woher die kommen?

 

„HOHOHO“ rief er plötzlich laut, als er Lichter vor sich sah, die durch Fenster leuchteten, „das muss die Rathluckahütte sein. Endlich bin ich da. Kein Christkind, an das ich nicht glaube, weit und breit.“ Und er eilte mit riesigen Schritten auf die Hütte zu. Dort angekommen blieb er vor dem Fenster der Gaststube stehen um die Lage auszuspähen. Schließlich musste er wissen, wie viele und welche Kinder, brave oder ganz brave, in der Hütte waren und danach die Geschenke in seinem Sack sortieren, sodass keine Verzögerung entstand, wenn er einmal – durch den Rauchfang geschlüpft – drinnen war. Deshalb war es auch klug vorher schon festzustellen, wo die Socken hingen, in die er die Geschenke stecken sollte.

 

Das Eis, das sich auf dem Fenster gebildet hatte, hauchte er mit seinem warmen Atem an und so entstand ein Loch darin, durch das er blicken konnten. Doch potz Blitz, was sah er? Eine große Anzahl von Menschen, die sich rings um den Stammtisch versammelt hatten. Auf dem Stammtisch stand ein Körbchen, aus dem ein Licht zu strahlen schien. Und plötzlich ertönte aus dem Körbchen ein helles Jauchzen, wie von einer Engelsstimme. Ein golden gelocktes Köpfchen hob sich aus dem Körbchen und das schönste Kind, das er je gesehen hatte, blickte ihn an. Das Lächeln des Kindes war so warm, dass der Weihnachtsmann plötzlich zu schwitzen begann und all das Eis auf dem Fenster, vor dem er stand, auftaute. Jetzt konnte er die ganze Gaststube mit all den Gästen sehen. Ihm fiel plötzlich die Szene ein, die sich in Bethlehem im Stall vor vielen Jahren abgespielt haben sollte, wie sie ihm der Erzengel Gabriel beim Weihnachtsmannkurs erzählt hatte. Das waren sie, genau, das waren sie. Dieselben Leute, die damals im Stall waren.

 

Das Jesuskind, im Körbchen auf dem Tisch, ein Engel mit goldenem Haar, der dem Kind gerade die Flasche gab, ein Ochs und ein Esel, die drei heiligen Könige und Maria und Josef mit strahlenden Gesichtern. „Das Christkind“, durchzuckte es ihn, „das Christkind, es gibt es wirklich. Herr Du meine Güte, ich sehe wirklich das Christkind. Ja das es so was gibt. Und soooo schön ist es und so hold. Gott vergib mir, dass ich nicht an es glauben wollte. Ach, bin ich froh, es jetzt gesehen zu haben. Gesegnet sei der Herr! Da gehe ich am besten nicht hinein, sondern runter zum Moserwirt, der hat heuer amerikanische Gäste, die glauben an mich und feiern sicher gerne mit mir Weihnachten.“ Und so kam es, dass in diesem Jahr der Weihnachtsmann bekehrt wurde und von nun an auch ganz, ganz fest an das Christkind glaubte. Der Erzengel Gabriel war sehr froh darüber, wie sich – wahrscheinlich ein wenig mit Gottes Hilfe, dem der Streit schon lange zu dumm war – sein Problem gelöst hatte. Er nahm eine neue Diensteinteilung vor. Seit damals nahmen sich Weihnachtsmann und Christkind beim Verteilen von Weihnachtsgeschenken gegenseitig nie mehr Kunden weg.

 

Der Erzengel Gabriel erzählte dem Weihnachtsmann nie, dass er sich geirrt hatte, als er bei der Rathluckahütte durch das Fenster sah. Die Szene, die er gesehen hatte, war derjenigen im Stalle von Bethlehem nur zufällig sehr ähnlich gewesen. Der Engel mit dem goldenen Haar, der dem Christkind die Flasche gab, war Melanie, die entzückende Tochter des Hauses gewesen. Das Jesuskind mit dem schönen, herzerwärmenden Lächeln war ihr kleiner blonder Bruder Jonas, der zum Wickeln im Körbchen auf den Tisch gestellt worden war. Das freundliche Wirteehepaar Norbert und Marianne, das daneben stand, hatte er für Maria und Josef gehalten. Die Nachbarn Horst und Christa, die ebenfalls am Tisch standen, um zum Kind „huhuhu“ zu sagen und ihm zuwinkten, waren zusammen mit einem Besucher aus Deutschland in die Rathluckahütte gegangen um den Wirtsleuten frohe Weihnachten zu wünschen.. Diese hatte der Weihnachtsmann mit den heiligen Drei Königen verwechselt. Was er für Gold, Weihrauch und Myrrhe hielt, waren ein Schnitzel, ein Teller Gulasch und ein Portion Kaiserschmarrn. Die Hirten, das waren ganz einfach die sonstigen Stammgäste, die nie den Hut abnahmen und deshalb beim schnellen Hinsehen wie Hirten aussahen. Und wer dem Ochsen und dem Esel so ähnlich sah? fragt ihr nun. Diese Frage hat mir der Engel Gabriel nicht beantwortet und so wird dies ein ewiges Geheimnis bleiben.

Das Weihnachtsmärchen vom alten Sessel und vom alten Tisch

November 11, 2008 um 9:43 pm | Veröffentlicht in Bad Goisern, Meine Bücher | 3 Kommentare
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In einer Küche in einem alten Haus in Goisern standen einmal ein alter aber schöner Tisch und ein alter aber noch recht rüstiger Sessel. Der Tisch stand am Fenster der Küche mit Ausblick auf den Sarstein und der Sessel stand an der Seite des Tisches, die dem Inneren der Küche zugewandt war. Auch er konnte, wenn er sich ein wenig streckte, den Sarstein erblicken. Aber das wollte er gar nicht so oft. Erstens streckte er sich nicht gerne, schliesslich war er kein Liegestuhl, wie er sich auszudrücken pflegte, und zweitens gefiel ihm der Sarstein nicht besonders gut. Früher verrichtete er nämlich seinen Dienst als Sitzgelegenheit im Wohnzimmer und von dort aus konnte er durch das riesige Fenster den Kalmberg sehen, in seiner ganzen Pracht. Als er aber alt wurde, hat man ihn ausgetauscht gegen einen neuen Sessel, maschinengefertigt, von einem Möbelhaus. Er behielt aber seinen Stolz, schliesslich war er einer der letzten handgemachten Sessel vom Stickertischler und passte vorzüglich zum alten Tisch, der ebenfalls handgemacht war, vom Sommerauertischler.

 

Beide dachten auch oft zurück an die Weihnachtsfeiern, die sie mit der Familie des Eigentümers erlebt hatten. Oft stand ein Weihnachtsbaum auf dem Tisch, umgeben von Geschenken, hell erleuchtet von brennenden Kerzen. Da hat er sich jedesmal gefürchtet, weil so ein Baum brennt schnell und der Tisch darunter hätte auch seinen Teil abbekommen. Heisses Wachs war oft auf ihn herabgetropft, aber das hat er ausgehalten, die Freude über die strahlenden Gesichter rund um ihn liessen ihn den kurzen Schmerz, den heisses Wachs verursachte, jedesmal schnell vergessen. Hundert Mal oder öfter hat er bisher das „Stille Nacht, heilige Nacht“ gehört, gesungen von drei Generationen Eigentümer. Auch der Sessel hatte ähnliche Erinnerungen. Auf ihn wurden Geschenke abgestellt, bis zur Bescherung. Nachher nahm auf ihm das jeweilige Familienoberhaupt Platz, wenn dann die Bratwürste aufgetischt wurden am hl. Abend. Da war schon manch schwerer Hintern dabei, aber er hat es geduldig ertragen.

 

„Adel und Leim verbindet“, sagten stehts die zwei, der Tisch und der Sessel. Aber sie wurden halt doch schon sehr alt und hatten schon die eine oder andere Schramme erlitten und so manche Reparatur über sich ergehen lassen. „Wenn wir doch ins Heimatmuseum kämen“ sagte da eines Tages der Tisch zum Sessel und seufzte laut. Tische und Sessel können nämlich reden und sich unterhalten, auf Holzisch, jedenfalls, wenn sie handgemacht sind. „Ja ja, antwortete der alte Sessel,“ ebenfalls laut seufzend, „das wäre schön, im Heimatmuseum. Da bräuchten wir nur herumzustehen, uns bewundern zu lassen und jeden Samstag würde uns die Resi abstauben mit ihren zarten Händen. Und vielleicht hätten wir sogar ein Fenster mit Blick auf den Kalmberg, mein Gott wäre das schön.“

 

Aber daraus wurde nichts. Der Eigentümer des Hauses, der Küche und somit auch des Sessels und des Tisches war nämlich sehr sparsam und wollte kein Geld ausgeben für neue Küchenmöbel. Und ausserdem gefielen ihm die beiden Möbelstücke, die zwar alt aber handgemacht und daher selten waren. Oft zeigte er sie stolz einem Besuch, der zu hause nur Maschinenmöbel hatte. „Das ist halt noch Qualität“, protzte er dann, „Das kann sich heute kaum mehr wer leisten, die zwei bleiben bei mir, bis ich sterbe und dann erhält sie mein Neffe.“ Er war nämlich Junggeselle und deshalb hatte er auch nur einen Sessel in der Küche, weil er immer allein frühstückte und zu Abend ass. Mittags speiste er meistens beim Moserwirt, aber am liebsten sass er doch zum Essen in seiner Küche, auf dem alten Sessel und bei dem alten Tisch. Da war es so richtig urig und gemütlich.

 

Aber auch er war alt geworden, der Eigentümer, der Sepp. Alt und dick vom Biertrinken und den unzähligen Schweinsbraten mit Knödel vom Moser und damit auch schwer, sehr schwer. Und schwer lastete er auf dem Sessel, wenn er sich zum Tisch setzte und schwer lastete er auf auf dem Tisch, wenn er seine Arme auf ihn stützte oder wenn er in seiner Junggeselleneinsamkeit soff und dann im Rausch mit dem Kopf auf dem Tisch einschlief. Dann träumte er meistens von vergangenen Lieben und versäumten Gelegenheiten und wachte oft mit einem Schrei auf.

 

„Meine Beine ertragen das halt auch nicht mehr so gut“ sagte der Tisch zum Sessel auf Holzisch, „er ist halt gar so schwer geworden,“ ich fürchte mich schon davor, dass meine Beine einmal einknicken, wenn er seinen Sauschädel wieder auf mich legt und schnarcht in seinem Rausch. Und dann wird er mich wegschmeissen, oder gar kleinhacken und verbrennen im Herd.“ „Was denkst Du denn wie es mir geht?“ antwortete ihm der Sessel, „ das meiste Seppgewicht lastet ja doch auf mir, dieser riesige Hintern mit dem fetten Bauch vorne drauf, ich bin auch nicht viel jünger als Du und ich habe auch Angst, dass ich entzündete Stuhlbeinitis bekomme von dem Gewicht und vom Alter und dann wird er mich auch wegwerfen oder verbrennen. Was machen wir nur, was machen wir nur, ich möchte endlich ausruhen und kein Gewicht mehr tragen müssen.“

 

Es war wieder einmal Weihnachtszeit. Da dachte der alte Tisch eine Nacht lang nach, schlief nicht ein und hatte bis zum nächsten Morgen einen Plan entwickelt.“Du, Freund Sessel“, sagte er zu dem alten Sessel, ich habe eine Idee, wie wir ins Heimatmuseum kommen können.“ „Und was wäre das für eine Idee?“ fragte der Sessel. „Eine sehr gute Idee, Du must nur ganz fest an ein Weihnachtswunder glauben und an das Christkind.“ Und als am heiligen Abend der Sepp nach Hause kam und sich in der Küche auf ein Bier an den Tisch setzten wollte, traute er seinen Augen nicht. Der Sessel, der sein ganzes Leben geradegestanden war, hatte sich vorgeneigt, stand nur noch auf zwei Beinen, und hatte sich schräg unter den Tisch eingeklemmt, sodass der Tisch aufgehoben wurde und nun auch erstmals in seinem Leben schräg auf zwei Beinen stand. Ein langes, blondes lockiges Haar hatte sich in der Tischlade eingeklemmt. Und wie sehr der Sepp auch zerrte und rüttelte und schimpfte und fluchte, er konnte den Sessel vom Tisch nicht mehr wegzerren, so sehr hatten sich die beiden mit aller Kraft ineinander verkeilt. Und sie waren handgeschnitzt, aus harter Buche und stark, sehr stark. Nach stundenlangem Bemühen gab der Sepp endlich auf. „Wenns nicht geht, dann ab mit den Beiden ins Museum“ sagte er zu sich „das ist ja fast ein Wunder, wie die ineinander verkeilt sind und nicht auseinanderzubringen, das müssen alle Goiserer sehen.“ Und so geschah es.

 

Der Museumsdirektor Josef M. Euer nahm diese Kuriosität in seinen Austellungsbestand auf. Tisch und Sessel erhielten auch zufällig einen Platz vor einem Fenster mit Blick, man staune, auf den mächtigen Kalmberg. Und seither strömen jährlich tausende von Besuchern in das goiserer Heimatmuseum um die ineinadergekeilten und unzertrennlichen Möbelstücke zu bestaunen.

 

Niemand, auch kein Wissenschafter von der Universität Wien, konnte erklären, was da geschehen war und an einen Möbelgott, der Möbelwünsche erfüllt oder gar an das Christkind, daran konnte keiner der Wissenschafter auch nur glauben. Der alte Tisch und der alte Sessel verbrachten den Rest ihres holzischen Daseins im Goiserer Heimatmuseum und wurden weltberühmt.

 

Es wurde zum Brauch und dieser besteht bis heute, dass sich junge Pärchen am Nachmittag des heiligen Abends rund um Tisch und Sessel stellen, sich aneinanderlehnen und sich dabei fest vom Christkind wünschten, dass sie nie mehr getrennt würden. Man sagt, dass sich dieser Wunsch bisher stehts erfüllt hat und viele dieser Pärchen besuchen auch heute noch als Ehepaare mit ihren Kindern zu Weihnachten den alten Tisch und den alten Sessel im Heimatmuseum. Und sie singen dann im Chor mit den jungen Pärchen und den älteren Damen, welche das Heimatmuseum leiten und Engelsstimmen haben, „Leise rieselt der Schnee“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder gar den Andachtsjodler. Und dann ist es so, als würde man im Heimatmuseum das Christkind selber singen hören.

 

Und wenn wir aus der Geschichte etwas lernen können, dann ist es dies: Seid immer ein wenig schräg, haltet fest zusammen und glaubt an Wunder und das Christkind, dann ist alles möglich für Euch, auch das Unmögliche.

 

 

 

Sessel und Tisch im Heimatmuseum

Sessel und Tisch im Heimatmuseum

 

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